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Südlink 172 - Juni 2015

Mosambik - 40 Jahre Unabhängigkeit

Wann ist die Unabhängigkeit endlich zu Ende?

Mosambik hat seit dem Ende der Kolonialherrschaft Portugals vierzig schwere Jahre durchgemacht. Bis heute bestimmt die einstige Befreiungsbewegung Frelimo über das Land.

von Elísio Macamo

Vor vierzig Jahren wurde Mosambik unabhängig von Portugal. Das Ende der Kolonialherrschaft hat aber nicht den Beginn der Freiheit bedeutet. Zunächst bestimmte die Frelimo mit ihrem messianischen Glauben, was gut sei für die Menschen in Mosambik. Später unterwarf sie sich Entwicklungskonzepten, die dem Land von außen übergestülpt wurden. Dringend nötig ist eine Wiederbelebung der Politik.

Jedes Land hat eine Geschichte. Oder besser noch: Jedes Land hat eine Vergangenheit und braucht deswegen eine Geschichte. Am besten natürlich eine Geschichte, mit der es leben kann. Viele Geschichten sind möglich. Welche Geschichte gewählt, durchgesetzt oder geduldet wird, sagt einiges nicht nur über das Land und wie es gesehen werden möchte, sondern auch über die Probleme, mit denen es konfrontiert ist.

In vielen afrikanischen Ländern spielt die koloniale Vergangenheit eine wesentliche Rolle bei der Wahl einer geeigneten Geschichte. Dadurch wird darauf hingedeutet, dass Staatsaufbau und die Korrektur vergangenen Unrechts wichtige Aufgaben darstellen. Die koloniale Vergangenheit lässt sich ziemlich schnell erzählen. 500 Jahre koloniale Unterwerfung, das Erwecken eines nationalen Bewusstseins, Kampf um Unabhängigkeit, Erlangung der Unabhängigkeit und schließlich die Bildung einer Nation. Es ist fast wie eine Apotheose. Natürlich gibt es hier und da kleine Unterschiede, aber die Basiserzählung ist im gesamten Kontinent ziemlich ähnlich.

Mosambik bildet dabei keine Ausnahme. Das Land wurde 1975 nach einem gut zehnjährigen bewaffneten Kampf von Portugal unabhängig. Geführt wurde dieser Kampf von der Frelimo (Mosambikanische Befreiungsfront), einer Bewegung, die 1962 aus dem Zusammenschluss von drei anderen Organisationen hervorging. Ihr Präsident war Eduardo Mondlane, bis er 1969 durch ein Attentat des NATO-Geheimdiensts Gladio im tansanischen Exil getötet wurde.

Mehr als ein Kampf um Selbstbestimmung

Anders als in anderen afrikanischen Ländern war der Kampf um die Unabhängigkeit in Mosambik nicht nur ein Kampf um Selbstbestimmung. Vielmehr wurde dieser Kampf auch als Versuch gedeutet, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Die Frelimo verstand den Kolonialismus nicht bloß als Unterwerfung unter fremde Mächte, die ihre Kultur durchsetzen wollten. Sie verstand den Kolonialismus auch als Ausdruck eines Wirtschaftssystems, des Kapitalismus, der imperialistische Formen annahm und für das Problematische am Kolonialsystem verantwortlich war.

Mit anderen Worten wurde in Mosambik eine Version der Vergangenheit bevorzugt, die zwei wesentliche Elemente beinhaltet. Einerseits, und in Anlehnung an den allgemeinen antikolonialen Diskurs der 1960er Jahre, galten alle AfrikanerInnen innerhalb der entsprechenden kolonialen Grenzen als Opfer, die von einem sogenannten „legitimen Vertreter“ – üblicherweise die stärkste nationalistische Bewegung, also die Frelimo – in die Freiheit geführt werden sollte. Diesem Element haften messianische Züge an, die unabdingbar sind, um verstehen zu können, welche politische Kultur in Mosambik nach dem Ende der kolonialen Herrschaft entwickelt und gepflegt wurde.

Andererseits wurde der Kampf gegen den Kapitalismus als Auftrag an den Befreier deklariert, den genauen Inhalt der Befreiung für alle festzulegen. Auch an diesem Element sind wichtige Anhaltspunkte festzumachen, die einiges über den weiteren Werdegang des Landes nach dem Ende der Kolonialherrschaft erklären können.

Der Wille der neuen Herrscher

Der 25. Juni 1975 war nicht nur der Tag, an dem die portugiesische Kolonialherrschaft in Mosambik ihr Ende fand. Es war auch der Tag, an dem die Geschichte ihr vorläufiges Ende fand. Die „legitimen“ Vertreter des mosambikanischen Volkes, die es aus ihrem kolonialen Leiden in die Freiheit geführt hatten, sahen in der Unabhängigkeit ein neues Zeitalter, das heißt ein Zeitalter, in dem nur noch nach dem Willen der Geschichte – sprich: nach dem Willen der neuen Herrscher – gelebt werden sollte. Als die Frelimo den sozialistischen Umbau der mosambikanischen Gesellschaft zur vorrangigen Aufgabe proklamierte, zerstörte sie  damit auch eine Politik, die auf dem Respekt für Meinungsfreiheit, der Achtung vor persönlicher Freiheit und dem Schutz des Rechts auf kulturelle und ideologische Freiheit beruht.

Die Frelimo war in den Jahren unmittelbar nach der Unabhängigkeit ehrlich darum bemüht, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Auch ihre Überzeugung, dass diese Verbesserung nur über die Zerstörung des Kapitalismus gelingen würde, war ehrlich. Der Marxismus-Leninismus in Mosambik war kein Trick um Macht zu beanspruchen und zu legitimieren. Er war Ausdruck einer Geschichtsauffassung, die für die Zeit und für die damaligen politischen Verhältnisse in der Welt völlig kohärent und nachvollziehbar war, und dennoch einem Konzept von Politik als Ausübung der Freiheit extrem feindlich gegenüber stand.

In den ersten fünf Jahren nach der Unabhängigkeit leistete die Regierung Enormes im Gesundheits- und im Bildungsbereich und beim Aufbau neuer Infrastrukturen. Das Problem aber war, dass diese reellen Verbesserungen einem eifersüchtig monolithischen politischen Denken gepfändet wurden, welches auch noch dazu neigte, sehr autoritär zu sein. Die Befreier Mosambiks waren nicht nur Befreier. Sie machten aus dem mosambikanischen Volk Geiseln der eigenen ideologischen Ausrichtung.

Dies erleichterte es den weißen Minderheitsregierungen zunächst von Rhodesien und später Südafrika die Renamo (Nationaler Widerstand Mosambiks) zu gründen und tatkräftig, auch durch eigene direkte Militärangriffe, zu unterstützen. Sie konnten nämlich den Eindruck vermitteln, sich für die Freiheit in Mosambik einsetzten, obwohl sie doch vor allem darum bemüht waren, die Fähigkeit Mosambiks einzuschränken, den Freiheitskampf in diesen Nachbarländern zu unterstützen.

Diese Destabilisierungskriege zerstörten Mosambik gründlich, warfen das Land um viele Jahre zurück und forderten unzählige Menschenleben. Der 16-jährige Krieg, der im Lauf der Jahre zu einem Bürgerkrieg stilisiert wurde, war einer der brutalsten bewaffneten Konflikte in Afrika. Er konnte wachsen und gedeihen, weil es im Kontext des Kalten Kriegs für alle Kontrahenten immer möglich war zu behaupten, dass sie für die Ideale der einen oder der anderen Seite kämpften. Erst mit dem Mauerfall fiel auch der Kalte Krieg als Vorwand und Verhandlungen wurden möglich, die 1992 zu einem Friedensabkommen und 1994 zur ersten demokratischen Wahl in Mosambik führten.

Ein Land als Pflegefall

In der Zwischenzeit war Mosambik ein anderes Land geworden. Vom revolutionären Enthusiasmus der Jahre unmittelbar nach der Unabhängigkeit, als man noch glaubte, die Unterentwicklung innerhalb von zehn Jahren zu überwinden, war nicht mehr allzu viel zu sehen. Die verheerenden Folgen der Destabilisierungskriege hatten Mosambik zu einem Pflegefall der humanitären Hilfe gemacht. In den 1980er Jahren explodierte die Anzahl ausländischer Nothilfeorganisationen und Entwicklungsagenturen, die dem Land eine Kakophonie von Entwicklungsrezepten und -zielen bescherten.

Die stolze Frelimo-Regierung, die sich so viel vorgenommen hatte, verwandelte sich von einer revolutionären Macht in eine Verwalterin des ausländischen Entwicklungsapparates. Sie sah sich gezwungen, ihr eigenes messianisches Denken runterzuspielen zugunsten des messianischen Denkens des Entwicklungsapparates. Dieser Apparat pflegte ein messianisches Denken auch in dem Sinne, dass er ähnlich der einst revolutionären Frelimo der Politik feindlich gegenüber stand und an einer technisch gestaltbaren Zukunft glaubte, die nur durch Gehorsam und Eintracht erlangt werden konnte.

Die in den 1980er Jahren eingeführten und von der Weltbank und vom Internationalen Währungsfonds durchgesetzten Strukturanpassungsmaßnahmen waren keine angemessene Antwort auf die wirtschaftlichen Probleme des Landes, die hauptsächlich vom Krieg verursacht wurden.1 Vielmehr waren diese Maßnahmen notwendige Schritte um die Bereitschaft Mosambiks zu dokumentieren, die Überlegenheit der freien Marktwirtschaft neoliberaler Prägung anzuerkennen.

Die Politik muss wiederbelebt werden

In den vierzig Jahren der Unabhängigkeit ist viel passiert. Das Land hat seit 1994 eine Mehrparteiendemokratie, die die seitdem ununterbrochen regierende Frelimo-Partei dominiert. Das grundlegende Element der mosambikanischen politischen Kultur aber hat sich nicht verändert: Niemand, weder in der institutionalisierten Politik, noch in der berufsmäßigen Zivilgesellschaft, glaubt an Politik. Die Frelimo hält an ihrer Überzeugung fest, dass sie berufen worden ist, das mosambikanische Volk zu retten.

Es mag merkwürdig klingen, aber selbst die Korruption und die fehlende Toleranz anderen politischen Kräften gegenüber sind Ausdruck dieser Überzeugung. Es ist besser, so denkt man, wenn sich die richtigen Patrioten bereichern, denn sie sind für das Volk da. Die politische Opposition,  sowohl die Bewaffnete, also die Renamo, als auch die Unbewaffnete, die Bewegung für Demokratie in Mosambik (MDM), pflegt erstaunlicherweise ein ähnliches messianisches Denken, das von der Überzeugung überlagert ist, den Auftrag zu haben, das Volk auch gegen dessen eigenen Willen glücklich zu machen.
Das erklärt, warum beispielsweise die Renamo nicht davor zurückschreckt, gewalttätig gegen den Staat vorzugehen. Sie hat Recht und sie kämpft gegen die Bösen, glaubt sie. Die Zivilgesellschaft ihrerseits ist kein Ausdruck von gesellschaftlicher Lebendigkeit, sondern eine Reaktion auf den ausländischen Entwicklungsapparat. Ihre Funktion besteht zum größten Teil darin, mosambikanische soziale Probleme ans Ausland gegen Entwicklungsgelder zu verkaufen.

Mittlerweile hat man wiederentdeckt, dass Mosambik reich an Bodenschätzen ist, im Land und im Meer vor der eigenen Küste. Was unter anderen Umständen Anlass zur Hoffnung sein könnte, erweist sich immer mehr als Grund zur Sorge. Man fürchtet, dass sich die Eliten noch mehr bereichern und bekriegen werden und das Volk wieder zu kurz kommen wird. Die Chancen stehen 50 zu 50.
Das Einzige, was Mosambik retten kann, ist die Wiederbelebung der Politik beziehungsweise endlich einmal ernsthaft der Politik eine Chance zu geben. Jahrelang habe die politischen Eliten sich selbst getäuscht und die Vergangenheit in einer Art und Weise ausgelegt, die die Politik immer wieder überflüssig gemacht hat.

Heute benötigen die politischen Eliten in Mosambik die Demut anzuerkennen, dass eine Schicksalsgemeinschaft nur dann möglich ist, wenn jedem einzelnen Mitglied der Mut zugetraut wird, aus eigener Kraft und nach eigenem Gutdünken sein Leben zu gestalten und sein Lebensglück zu erreichen. Nicht derjenige ist ein legitimer Vertreter des Volkes, der sich zu wissen anmaßt, was das Volk will. Sondern derjenige, der weiß, dass eine Gesellschaft aus vielen Interessen und unterschiedlichen Wertvorstellungen besteht, die die Bedingungen des Zusammenlebens ständig aushandeln müssen.

Diese Einsicht hat in den letzten vierzig Jahren gefehlt. Sie macht die Sehnsucht nach dem Ende der Unabhängigkeit groß und plausibel, denn in dem Maße, wie sie das Ende der Politik bedeutet hat, umso wesentlicher ist ihre Rolle darin gewesen, dass das Ende der Kolonialherrschaft nicht unbedingt den Anfang der Freiheit bedeutete.

1Wir werden niemals wissen, ob der von der Frelimo eingeschlagene sozialistische Weg Aussicht auf Erfolg hatte. Zumindest aber gab es bis Anfang der 1980er Jahre Anlass zu dieser Hoffnung.

Elísio Macamo lehrt Afrikastudien an der Universität Basel und ist Vorstandsmitglied im KoordinierungsKreis Mosambik.

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Editorial

Christine Wiid: Der schwierige Weg zur Ernährungssouveränität. Bauernorganisationen arbeiten an alternativen Entwicklungsmodellen für die Landwirtschaft. Von der Regierung bekommen sie nur wenig Unterstützung.

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