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Südlink 172 - Juni 2015

Mosambik - 40 Jahre Unabhängigkeit

Der schwierige Weg zur Ernährungssouveränität

Bauernorganisationen arbeiten an alternativen Entwicklungsmodellen für die Landwirtschaft. Von der Regierung bekommen sie nur wenig Unterstützung.

von Christine Wiid

Bis heute arbeiten achtzig Prozent der MosambikanerInnen auf dem Land, die meisten in der Subsistenzlandwirtschaft. Das soll sich ändern, doch die Wege dorthin sind sehr verschieden. Die Regierung setzt auf eine größere Rolle von Agrarkonzernen, Bauernorganisationen und Genossenschaftsverbände fordern hingegen mehr Kredite und Unterstützung für ihre Mitglieder. Es geht um das Agrarmodell für Mosambiks Zukunft.

Vor mehr als zehn Jahren hat Francisco Mapanzane die kleinbäuerliche Produktionsgemeinschaft „Associação Agrícola no Caminho da Vitoria de Chicungussa“ mitgegründet. Die als Verein registrierte Gemeinschaft aus der Provinz Inhambane im Süden Mosambiks besitzt seit einiger Zeit einen Traktor. Für die Bauern und Bäuerinnen ist das ein großer Schritt und ein wichtiger Erfolg.

Seit vielen Jahren arbeiten rund 20 Familien in der Vereinigung in dem Dorf Chigungussa zusammen. Sie verfügen über Landtitel, eine funktionierende Vereinsstruktur und einen Absatzmarkt für ihre Produkte. Sie bauen vor allem Süßkartoffeln an und betreiben eine eigene Hühnerzucht, mit der sie umliegende Märkte, Restaurants und Kantinen entlang der Nationalstraße EN1 rund um die geschäftige Stadt Maxixe beliefern.

Ebenfalls an der Nationalstraße im Süden der Provinz Inhambane liegt die „Associação Josina Machel“, die gemeinschaftlich Maniok anbaut und in eigenen Verarbeitungsanlagen zu Mehl oder Raspeln verarbeitet. Was die Erzeugergemeinschaft nicht selbst verbraucht, verkauft sie, derzeit rund 15 Tonnen im Jahr. Abnehmer findet die Vereinigung lokal, aber auch in der Hauptstadt Maputo.

Erfolgreich arbeitet auch die Kooperative Wiwanana Wanamalima aus Angoche in der nordmosambikanischen Provinz Nampula. Wiwanana Wanamalima steht für „Gemeinschaft der Bauern”. Auf rund 2.000 Hektar Land bauen die Mitglieder in erster Linie Reis für den Markt in Nampula an. Die Kooperative besitzt zwei Reisschälmaschinen und eine Lagerhalle, vor kurzem hat sie sich einen neuen Traktor samt Pflug gekauft. In 25-kg-Säcken verkauft die Kooperative den geschälten Reis in der Provinzhauptstadt.

Kleinbauern haben kaum genug zum Leben

Diese Erfolgsgeschichten können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Großteil der Kleinbauern und -bäuerinnen in Mosambik kaum genug zum Leben hat. Die Landwirtschaft trägt rund 25 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt von Mosambik bei, und mehr als 80 Prozent der Bevölkerung arbeiten in diesem Sektor – fast alle in der kleinbäuerlichen (Subsistenz-)Landwirtschaft.

Neben dem Anbau von Grundnahrungsmitteln werden in Mosambik nur wenige Exportprodukte wie Tabak, Zucker, Tee, Baumwolle und Cashew-Kerne angebaut. Mosambik ist ein Nettoimporteur von Nahrungsmitteln, erst seit 2012 kann sich das Land zumindest bei Mais selbst versorgen. Die Produktivität der Bauern und Bäuerinnen ist gering, ihre Betriebe haben oft nur eine Fläche von ein bis zwei Hektar. Die wenigsten Bauern haben Zugang zu Krediten oder anderen Finanzierungen, und oft nicht genügend eigene Mittel, um Saatgut, Betriebsmittel oder Landmaschinen zu beschaffen.

Um diese Grundprobleme der mosambikanischen Landwirtschaft anzugehen, gibt es höchst unterschiedliche Herangehensweisen. Die Regierung setzt auf Produktionssteigerung und Verbesserung der Infrastruktur. Der nationale Investitionsplan für den Agrarsektor (Plano Nacional de Investimento do Sector Agrário, PNISA) sieht für den Zeitraum 2013 bis 2017 Investitionen von mehr als vier Milliarden US-Dollar vor.

Für die Finanzierung ist Mosambik aber auf die Unterstützung durch den Privatsektor und global agierende Agrarkonzerne angewiesen, da die über den Staatshaushalt und durch Geberorganisationen zur Verfügung stehenden Mittel bei weitem nicht ausreichen. Insbesondere die G7-Staaten sind hier aktiv: Mosambik ist eines der Zielländer der Neuen Allianz für Ernährungssicherheit der G7-Länder, und PNISA überträgt die Strategien und Ziele der Neuen Allianz auf den mosambikanischen Kontext.

Neue Gesetze schaffen neue Abhängigkeiten

So soll mit Hilfe von PNISA und im Rahmen von Public-Private-Partnership-Projekten der Übergang von der Subsistenzwirtschaft zu einer kommerziell ausgerichteten Landwirtschaft eingeleitet werden. Damit verbunden sind auch Gesetzesreformen bei Saatgut und Land: Die Neue Allianz fordert beispielsweise, den Saatgutmarkt zu regulieren und Eigentumsrechte an Saatgut durchzusetzen.

Die Gesetze dafür wurden bereits auf den Weg gebracht. Diese schaffen für die kleinbäuerlichen ErzeugerInnen neue Abhängigkeiten, da sie dann jedes Jahr neues Saatgut kaufen oder Nachbaugebühren an Konzerne zahlen müssen. Gleichzeitig gibt es Pläne, die Kleinbauern in internationale Wertschöpfungsketten zu integrieren.

Ein Beispiel dafür ist ausgerechnet Maniok, eine Kultur, die bis vor kurzem kaum eine wirtschaftliche Rolle gespielt hat. Das niederländische Unternehmen DADTCO (Dutch Agricultural Development & Trading Company) arbeitet im Norden Mosambiks mit mehr als 4.000 Bauern und Bäuerinnen zusammen, die Maniok anbauen. Das aus der Maische von Cervejas de Moçambique, einem Tochterunternehmen des SABMiller-Konzerns, hergestellte Bier „Impala“ wird lokal stark nachgefragt, mit Jahr für Jahr steigenden Absatzzahlen.

DADTCO ist jedoch umstritten. Oft hält das Unternehmen vertraglich festgelegte Leistungen, wie etwa Beratung und technische Assistenz, nicht ein. Und es zahlt den ErzeugerInnen sehr niedrige Preise. Zum Beispiel in der südlichen Provinz Inhambane, wo DADTCO 1.500 Meticais (rund 35 Euro) pro Tonne Maniok zahlt – was selbst für mosambikanische Verhältnisse sehr wenig ist.

„Ob sich ein Verkauf an DADTCO lohnt, wissen wir noch nicht“, meint Alfredo Cove von der Associação Josina Machel. Seine Vereinigung hat Glück, dass sie bereits über einen eigenen Absatzmarkt und Kontakte verfügt und eine eigene Verarbeitungsanlage für Maniok besitzt. Anderen Vereinigungen, wie etwa dem „Fórum Nataleia“ aus dem Distrikt Malema in der Provinz Nampula ist es schlechter ergangen. Sie haben sich auf einen Vertrag mit DADTCO eingelassen, das Unternehmen hat jedoch seinen Teil der Verpflichtungen nicht eingehalten und die Maniokproduktion der Bauern und Bäuerinnen ohne Angabe von Gründen nicht aufgekauft.

Auch mit dem mosambikanisch-brasilianisch-japanischem Kooperationsprojekt ProSavana will die Regierung die Landwirtschaft marktfähig machen. In 19 Distrikten im Norden des Landes soll eine exportorientierte Landwirtschaft enstehen, die die Landrechte und damit die Lebensgrundlage vieler Menschen bedroht. Zwar gibt es auch hier vollmundige Versprechen, Arbeitsplätze und Einkommen für die lokale Bevölkerung zu schaffen. „Aber das stimmt einfach nicht“, sagt Vicente Adriano vom mosambikanischen Kleinbauernverband UNAC (União Nacional dos Camponeses): „Dieses und andere Vorhaben der Regierung schaffen nur neue Abhängigkeiten.

UNAC engagiert sich mit seiner Kampane „Nao a ProSavana“ (Nein zu ProSavana) gegen das Vorhaben und hat bereits eine Überarbeitung des ProSavana-Masterplans erreicht. Es sieht so aus, als würde die Regierung dem reformierten Plan nun zustimmen – obwohl viele zivilgesellschaftliche Organisationen das Vorhaben nach wie vor sehr kritisch sehen.

Alternative Modelle der Bauernverbände

Ganz anders als die Regierungspläne sehen die Forderungen der Nichtregierungsorganisationen und Bauernorganisationen Mosambiks aus. Der INKOTA-Partner UNAC fordert als Alternative zu PNISA einen „Nationalen Plan zur Unterstützung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft“.

Zu dessen zentralen Forderungen zählt die Herstellung von eigenem, lokalem und angepasstem Saatgut. Außerdem sollen qualifizierte landwirtschaftliche Beratungsstrukturen aufgebaut werden, die auf einer Wertschätzung des Wissens und der Erfahrung der Kleinbauern beruhen. Auch der (Wieder)Aufbau von landwirtschaftlicher Infrastruktur, die Nutzung der bestehenden Bewässerungspotenziale und der Zugang zu Krediten sind Forderungen der UNAC, um die Ernährungssouveränität und Unabhängigkeit der Kleinbauern zu sichern.

UNAC als Interessenvertretung der Kleinbauernschaft sieht sich auch als eine soziale Bewegung. In diesem Zusammenhang hat UNAC im Oktober letzten Jahres Bauern und Bäuerinnen aus allen zehn Provinzen Mosambiks zu einer internationalen Konferenz zum Thema Land in die Hauptstadt Maputo geladen. Die Konferenz war der Höhepunkt einer Reihe von regionalen Versammlungen, um Strategien gegen Land Grabbing und die Aneignung von Ressourcen zu erarbeiten.

Auch ORAM, eine Organisation, die einen starken Fokus auf das Thema Landrechte legt, fordert eine andere Landwirtschaftspolitik. ORAM lehnt die offiziellen Pläne und Programme der Regierung nicht komplett ab, sondern setzt eher auf Verhandlungslösungen. Deshalb hat ORAM auch nicht bei der Kampagne „Não a ProSavana“ mitgewirkt, sondern sich gemeinsam mit anderen Organisationen aus der Provinz Nampula für Gespräche zur Nachverhandlung des Megaprojekts eingesetzt.

ORAM möchte die Bauern und Bäuerinnen in die Lage versetzen, ihre Interessen – beispielsweise in Verhandlungen mit potenziellen Abnehmern oder Investoren – durchzusetzen. Mit diesem Ziel unterstützt ORAM kleinbäuerliche Basisorganisationen bei der Gründung von Produktionsgemeinschaften und Genossenschaften.

Vielerorts lässt sich dieser Trend zur Organisierung der Bauernschaft beobachten. Seit 2006 gibt es ein vereinfachtes Verfahren, um sich als Verein im Sinne einer landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft registrieren zu lassen. Neben der Landwirtschaft selbst geht es in den Vereinen idealerweise auch um gemeinsame Werte wie Selbsthilfe, Gleichheit und Solidarität. Die Produktionsgemeinschaften können zwar Überschüsse erwirtschaften, sind aber nicht auf das Erzielen von Gewinnen ausgerichtet und unterscheiden sich deshalb von Kooperativen.

Die Gesetzgebung zur Gründung von Kooperativen wurde 2009 verändert, um ein sogenanntes „modernes Genossenschaftswesen“ zu schaffen, in Abgrenzung zu jenen Kooperativen, die in Mosambik während der sozialistisch regierten Jahre nach der Unabhängigkeit geschaffen wurden. Moderne Kooperativen sollen demnach Solidargemeinschaften sein, die sich an den genossenschaftlichen Prinzipien und Werten wie zum Beispiel offene Mitgliedschaft, demokratische Mitgliederkontrolle, Teilhabe der Mitglieder am wirtschaftlichen Erfolg und Unabhängigkeit sowie einer gesellschaftlichen Verantwortung orientieren sollen.

In den „modernen Kooperativen“ wird ein starker Fokus auf wirtschaftliche Aspekte und eine Professionalisierung der Arbeitsabläufe gelegt. Kooperativen sollen zu Unternehmen werden, die mit selbst erwirtschafteten Mitteln ihre ökonomischen und sozialen Ziele erreichen. Auch UNAC ist überzeugt davon, dass das Genossenschaftswesen eine Chance für die Landwirtschaft darstellt.

Allerdings haben auch die Kooperativen und Produktionsgemeinschaften mit vielen Herausforderungen zu kämpfen, von der Regierung erhalten sie kaum Unterstützung. Für die Gemeinschaft Josina Machel ist es vor allem der Marktzugang, der den Mitgliedern Sorge bereitet. Feste Abnehmerverträge existieren nur selten, und so kann nicht immer die gesamte Maniokproduktion verkauft werden. Eine Folge ist, dass sich die Gemeinschaft auf schlechte Konditionen einlassen muss.

In Chicungussa ist es vor allem der sehr aktive Vorsitzende Francisco Mapanzane, der Kontakte zu Abnehmern herstellt, Lieferverträge aushandelt und den Kleinbauernverein weiterentwickelt. Die Kooperative Wiwanana Wanamalima dagegen arbeitete lange Zeit unterhalb ihrer Möglichkeiten – die nötigen technischen Geräte standen nicht zur Verfügung. Erst mithilfe einer Finanzierung von ORAM konnte die Kooperative einen Traktor erwerben und die Reisproduktion ausweiten.

Gerade der Zugang zu finanziellen Mitteln ist für viele Vereine und Kooperativen ein Problem. Ein ländliches Kreditwesen existiert so gut wie gar nicht, und öffentliche Mittel aus den Distriktentwicklungsfonds, die eigentlich für die ländliche Entwicklung vorgesehen sind, werden oft an lokale Eliten oder Parteifreunde der regierenden Frelimo vergeben.

Trotzdem sind die drei Organisationen auf einem guten Weg. Sie haben die Subsistenzwirtschaft hinter sich gelassen und erwirtschaften durch den Verkauf von Überschüssen Einkommen, weitgehend unabhängig von Geberhilfe oder externen Projekten. Sie verfügen, zumindest teilweise, über eigene Absatzmärkte, viele ihrer Mitglieder haben buchhalterische und unternehmerische Kenntnisse, um ihre wirtschaftlichen Aktivitäten weiterzuentwickeln. Mit ORAM und UNAC haben sie starke Bauernverbände an ihrer Seite. So sind sie, trotz aller Schwierigkeiten, Beispiele dafür, dass eine andere, solidarische Landwirtschaft in Mosambik möglich ist.

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Christine Wiid ist Mosambik-Referentin des INKOTA-netzwerks.

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Editorial

Elísio Macamo: Wann ist die Unabhängigkeit endlich zu Ende? Mosambik hat seit dem Ende der Kolonialherrschaft Portugals vierzig schwere Jahre durchgemacht. Bis heute bestimmt die einstige Befreiungsbewegung Frelimo über das Land.

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