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Südlink 173 - September 2015

Ressourcengerechtigkeit - Auf der Suche nach einer anderen Rohstoffpolitik

Wir leben auf zu großem Fuß

Der Ressourcenverbrauch in Deutschland ist weitaus größer, als global nachhaltig und gerecht wäre.

von Christine Pohl

Die natürlichen Ressourcen der Erde sind weltweit unter Druck. Eigentlich wären inzwischen rund eineinhalb Planeten nötig, um alle Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen. Deshalb werden die vorhandenen Ressourcen bis an die Grenze und darüber hinaus genutzt – die Folgen sind der Rückgang der biologischen Vielfalt, schrumpfende Wälder, überfischte Ozeane, Hungerkrisen und zu hohe Emissionen. Deutschland verbraucht überdurchschnittlich viele Ressourcen – doch der Regierung fehlt der politische Wille, um effektive Maßnahmen zur Schonung der Ressourcen einzuleiten.

Die übermäßige Ressourcennutzung hat vielfältige Krisen zur Folge: Der Verlust an biologischer Vielfalt schreitet schneller voran als jemals zuvor. Jedes Jahr geht eine Waldfläche der Größe Irlands verloren. Auf 15 Prozent der Landfläche der Erde gelten die Böden als degradiert. Durch den Klimawandel verursachte Wetterextreme nehmen weltweit zu. Klar ist: der weltweite Ressourcenverbrauch muss dringend gesenkt werden.

Eine ganz besondere Verantwortung tragen dabei die Länder mit einem besonders großen ökologischen Fußabdruck – zum Beispiel Deutschland. Würde sich die deutsche Wirtschaftsweise weltweit durchsetzen, bräuchten wir zweieinhalb Planeten, um den Bedarf an natürlichen Ressourcen zu befriedigen und die verursachten Emissionen zu kompensieren. Damit leben wir auf weitaus größerem Fuße, als die meisten anderen Länder weltweit: Deutschland gehört zu den Top 20 Prozent der Ressourcenverbraucher.

Wir verbrauchen das Klima

Unser Klima ist keine Ressource im wissenschaftlichen Sinn – aber der globale Klimawandel hängt eng mit der übermäßigen Ressourcennutzung zusammen. In Deutschland verbrauchen wir knapp 900 Millionen Barrel Öl, 70 Milliarden Kubikmeter Erdgas und 77 Millionen Tonnen Öläquivalent Kohle pro Jahr (Stand: 2014). Das Problem für den Planeten sind jedoch nicht die schwindenden Reserven fossiler Energieträger, sondern die Emissionen, die mit deren Verbrennung verbunden sind – denn diese müssen von Landökosystemen, insbesondere Wäldern, und Ozeanen absorbiert werden.

In Deutschland wurden 2014 knapp zehn Tonnen CO2  pro Kopf ausgestoßen. Um diese Menge in Wäldern zu binden, wären 80 Millionen Hektar junger Wald nötig – mehr als die doppelte Fläche Deutschlands. Derzeit beträgt die gesamte Waldfläche in Deutschland 11,4 Millionen Hektar, das heißt unser Wald kann maximal knapp 15 Prozent der Emissionen aufnehmen.

Weltweit wäre schon jetzt wesentlich mehr Wald nötig, als noch vorhanden ist, um die globalen Treibhausgasemissionen zu binden. Jährlich werden etwa 450 Milliarden Tonnen CO2 – ein Siebtel der Gesamtmenge in der Atmosphäre – durch Photosynthese an Land in Biomasse verwandelt, hauptsächlich von tropischen Ökosystemen wie Regenwäldern und Savannen.

Die weltweiten Wälder sind lebenswichtige CO2-Senken, stehen jedoch vielerorts unter Druck: für die Holzproduktion oder um Platz zu machen für Agrarland oder Infrastruktur. Die Menge CO2, die nicht in Landökosystemen gebunden werden kann, wird entweder in den Ozeanen absorbiert und trägt zu deren Versauerung bei, oder verbleibt in der Atmosphäre und führt zum Klimawandel.

Um eine globale Erwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern, müsste ein Drittel aller geschätzten Ölreserven, die Hälfte der Gasvorkommen und 80 Prozent der Kohlevorräte weltweit im Boden bleiben. Würden die heute geschätzten Reserven noch verbrannt werden, wären die Emissionen dreimal höher. Das heißt, der jährliche Ausstoß pro Kopf muss weltweit auf zwei Tonnen gesenkt werden – in Deutschland müssten die Pro-Kopf-Emissionen um 80 Prozent verringert werden.

Ähnlich wie mit dem Klima gehen wir mit unseren Landressourcen um: Wir verbrauchen Land, als gäbe es unbegrenzten Nachschub. Der Druck auf Landflächen für Infrastruktur und zur Deckung des Bedarfs an nachwachsenden Rohstoffen nimmt weltweit zu – in der Folge werden immer mehr natürliche Lebensräume zerstört und biologische Vielfalt geht verloren.

In Deutschland benötigen wir jährlich insgesamt knapp 300 000 Hektar Waldfläche, um unseren Bedarf an Holzprodukten zu decken – etwas mehr als die Fläche des Saarlands. Ungleich viel größer ist die Fläche, die wir für den Anbau von Agrarprodukten benötigen: knapp 22 Millionen Hektar – davon knapp 65 Prozent für den Anbau von Futtermitteln für die Tierhaltung. Dies entspricht mehr als der gesamten Fläche Griechenlands allein für unseren Konsum an tierischen Produkten. Für die Ernährung eines Menschen in Deutschland wird derzeit etwa 1.560 Quadratmeter Ackerfläche benötigt; angesichts der wachsenden Weltbevölkerung würden einer Person im Jahr 2050 nur noch knapp 1.170 Quadratmeter für die Ernährung zustehen. Dies würde zum Beispiel eine Verringerung unseres Verbrauchs auf maximal 350 Gramm Fleisch pro Person und Woche bedeuten – gegenwärtig sind es fast 1,7 Kilogramm.

Globale Gerechtigkeit: Fehlanzeige

Unser Ressourcenverbrauch ist weder ökologisch nachhaltig noch global gerecht, denn die Folgen von Landübernutzung, Überfischung, Umweltverschmutzung und Klimawandel treffen in Armut lebende Menschen im globalen Süden besonders hart. Durch extreme Hitzewellen, Dürren, Stürme und Überschwemmungen verlieren immer mehr Menschen ihre Lebensgrundlage, müssen ihr Land verlassen oder vor Konflikten fliehen.

Ebenso wenig global gerecht ist der Verbrauch der fossilen Energieträger an sich: Deutschland hat einen Anteil von mindestens zwei Prozent am globalen Verbrauch von Öl, Erdgas und Kohle, obwohl hier nur gut ein Prozent der Weltbevölkerung lebt. Zudem steigt der Bedarf an seltenen Erdelementen für die Produktion von Smartphones und anderen Hightech-Geräten. Der Abbau von Rohstoffen und Seltenen Erden führt in den Abbauländern oft zu Umweltverschmutzung und Konflikten um Ressourcen und Land.

Auch unser Bedarf nach Ackerland verursacht Umweltschäden und schürt Konflikte. Rund 5,5 Million Hektar – ein Viertel unseres Gesamtbedarfs an Land für den Anbau von Agrarprodukten – liegt im Ausland. Vor allem in Südamerika wird in riesigen Monokulturen Soja als Tierfutter für die Fleischproduktion in Deutschland angebaut. Um dafür Platz zu schaffen, werden natürliche Lebensräume zerstört oder Menschen vertrieben.

Ebenso kommt es für andere agrarindustrielle Vorhaben wie den großflächigen Anbau von Feldfrüchten oder Energiepflanzen für den Export vor allem im globalen Süden immer wieder zu Landnahmen und Vertreibungen. Zudem gehen mit dem industriellen Anbau in Monokulturen die Vergiftung von Böden und Grundwasser mit Pestiziden und Mineraldünger, der Verlust von Biodiversität und oftmals die Verletzung von Menschenrechten einher.

Und nicht zuletzt ist unser Fischkonsum mit verantwortlich für die Überfischung der Weltmeere. Aufgrund sinkender Fangerträge in Europa gehen viele europäische Flotten vermehrt in asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Gewässern auf Fischfang. Inzwischen gelten weltweit 30 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände als überfischt und 57 Prozent als maximal genutzt (Stand: Juli 2012). Die Leidtragenden sind lokale Kleinfischer, die aufgrund leergefischter Küstengebiete ihre Lebensgrundlage verlieren.

Ein Weiter so ist keine Option

Wir müssen unseren Ressourcenverbrauch radikal senken – und dafür unsere konsumorientierte Wirtschaftsweise mit ihrem viel zu hohen Verbrauch an fossilen und nachwachsenden Rohstoffen aufgeben. Die Bundesregierung unterstützt zwar eine bessere Energie- und Rohstoffeffizienz der deutschen Wirtschaft. Durch Effizienzsteigerungen sinkt aber lediglich der Ressourcenverbrauch pro Produkteinheit – dies wird aber dadurch zunichte gemacht, dass gleichzeitig immer mehr produziert und konsumiert wird (Rebound-Effekt). Der Gesamtressourcenverbrauch sinkt mitnichten – im Gegenteil.

Wir brauchen eine Transformation hin zu einem Wirtschaftssystem, das die Grenzen des Planeten respektiert. Wir müssen die Frage nach Suffizienz stellen – nach dem rechten Maß. Deshalb müssen wir uns aber nicht auf Entbehrungen und sinkende Lebensqualität einstellen. Vielmehr ist es an der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Konsumverringerung einfacher machen.

Eine Verkehrspolitik, die öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder vor Individualverkehr stellt, könnte den CO2-Fußabdruck verkleinern. Eine Verlängerung der gesetzlichen Garantie- und Gewährleistungszeiten würde dem frühzeitigen, geplanten Verschleiß von Gebrauchsgegenständen (Obsoleszenz) Einhalt gebieten. Und eine stärkere Besteuerung fossiler Rohstoffe setzte Anreize für Ressourcenschonung und könnte die Regionalisierung von Wirtschaftssystemen fördern.

Ansätze für Suffizienzpolitik gibt es viele – der politische Wille dazu scheint aber bislang zu fehlen. Denn Suffizienz bedeutet auch eine Abkehr vom Dogma des ewigen Wirtschaftswachstums, und die Angst vor einer Postwachstumskrise ist groß. Dabei gibt es in der Postwachstumsbewegung schon jetzt viele attraktive Ideen, Projekte und Initiativen für die Gestaltung unseres zukünftigen Lebensstils. Der Verbrauch an materiellen Dingen würde ersetzt durch Zeitwohlstand, eine Zunahme an persönlichen Beziehungen und lokaler wie globaler Solidarität. Das mag utopisch klingen – viel utopischer ist jedoch die Annahme, wir könnten weiterhin die Ressourcen von mehr als einem Planeten verbrauchen: Bislang ist nämlich noch kein Ersatzplanet in Sicht.

Christine Pohl ist Fachpromotorin für zukunftsfähiges Wirtschaften bei INKOTA im Rahmen des Eine-Welt-PromotorInnen-Programms „Berlin entwickeln“.

Der Erdüberlastungstag: jedes Jahr ein paar Tage früher

Der globale Erdüberlastungstag (Earth Overshoot Day) war in diesem Jahr bereits am 13. August, noch einmal sechs Tage früher als 2014: Ab diesem Tag sind die nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde für das gesamte Jahr verbraucht. Alles, was wir seitdem verbrauchen, kann nicht mehr nachgebildet beziehungsweise kompensiert werden. Im Prinzip leben wir seit diesem Tag auf Pump – eigentlich müssten wir uns nun Ressourcen leihen. Nur woher?

In den 1970er Jahren wurden, so die Berechnungen des Global Footprint Networks, zum ersten Mal mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde in einem Jahr aufbauen kann. Im Jahr 2000 war es am 1. Oktober so weit. Doch dieses Jahr haben wir die Ressourcen der Erde bereits in weniger als acht Monaten verbraucht. Mit einer Aktion vor dem Kanzleramt hat INKOTA gemeinsam mit anderen Entwicklungs- und Umweltorganisationen am 13. August auf den übermäßigen Ressourcenverbrauch aufmerksam gemacht und die Bundesregierung aufgefordert, sich für eine zukunftsfähige und gerechte Ressourcenpolitik einzusetzen.

Eine Reaktion der Bundesregierung? Fehlanzeige! Dabei ist die Politik der Bundesregierung mitverantwortlich dafür, dass Deutschland derzeit die Ressourcen von gut zweieinhalb Planeten verbraucht. Und die deutsche Wirtschaft? Die sieht alles ganz locker und gar keine ökologische Krise. So kritisiert das Institut der Deutschen Wirtschaft, wie man nur „pauschal einen Erdüberlastungstag (ausrufen kann), der unnötig Ängste schürt“. Und behauptet, „die natürlichen Ressourcen, sowohl nachwachsende als auch endliche, sind für unseren derzeitigen Verbrauch ausreichend vorhanden“.

Weitere Artikel aus dem Heft:

Editorial

Beate Schurath: Die große Gier. Von Ressourcengerechtigkeit ist die globale Politik und Wirtschaft weit entfernt. Viele Menschen tragen die Folgekosten, vor allem im globalen Süden.

Jaybee Garganera, Farah Sevilla und Check Zabala: Besser selber machen. Auf den Philippinen setzen sich AktivistInnen seit Jahren für ein alternatives Bergbaugesetz ein.

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