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Südlink 174 - Dezember 2015

LGBTIQ - Kämpfe unterm Regenbogen

Angst vor der Gretchenfrage

Ohne höhere Preise haben die Kakaobauern und -bäuerinnen keine Chance, der Armut zu entkommen.

von Evelyn Bahn

Die internationale Schokoladenindustrie schmückt sich mit Nachhaltigkeitsinitiativen und Weiterbildungen für die ProduzentInnen von Kakao. Doch über eine Anhebung der Preise will sie nicht diskutieren. Dabei ist diese Voraussetzung für Armutsminderung in den Kakaoanbauländern. Ein Plädoyer für ein existenzsicherndes Einkommen.

„70 Prozent weniger Kinderarbeit in Ghana und der Côte d’Ivoire bis zum Jahr 2020“ versprachen 2010 namhafte Schokoladenunternehmen wie Nestlé und Mars. Daraus wird nichts, besagt eine Studie der Tulane Universität in New Orleans vom August 2015: Die Anzahl arbeitender Kinder im Kakaoanbau hat in den letzten Jahren sogar noch zugelegt. Insgesamt arbeiten in den beiden westafrikanischen Ländern, aus denen fast zwei Drittel des weltweiten Kakaos stammt, heute 2,26 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren und damit 443.000 Kinder mehr als noch 2008/2009. Fast 90 Prozent der Kinder müssen gefährliche Arbeiten verrichten.

Dabei hatte die globale Schokoladenindustrie in den letzten fünf Jahren zahlreiche Initiativen und Projekte gestartet, um die Situation der Kakaobäuerinnen und -bauern zu verbessern. Laut dem Bundesverband der Deutschen Süßwaren-Industrie (BDSI) ist der Anteil nachhaltiger Schokolade  in deutschen Supermärkten zwischen 2012 und 2014 von 7 auf 27 Prozent gestiegen. Wurden die falschen Rezepte gewählt, um faire Schokolade zu produzieren?

Alte Männer, alte Bäume

Die Probleme im Kakaoanbau sind vielschichtig, und es gibt kein Patentrezept dafür, wie sie zu lösen sind. Eines aber ist klar: Im Zentrum der Lösungsansätze muss die Erhöhung der Einkommen von Kakaobäuerinnen und -bauern stehen, denn Kinderarbeit ist Folge von Armut. Weltweit bauen 5,5 Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern Kakao auf Landflächen von weniger als drei Hektar an. Da sie meist ausschließlich Kakao anbauen, sind sie enorm abhängig von diesem Produkt und den schwankenden Weltmarktpreisen. Während die Tonne Kakao 1980 noch über 5.000 US-Dollar kostete, sind es heute nur noch knapp 3.000 US-Dollar. Inflationsbereinigt verdienen Kakaofamilien immer weniger. Laut Kakao-Barometer 2015  müssten Bauern und Bäuerinnen in der Côte d’Ivoire etwa viermal so viel verdienen, um aus der extremen Armut zu kommen.

Gleichzeitig gehen die Ernteerträge auf vielen Plantagen durch fehlende Investitionen und nicht nachhaltige Anbaumethoden kontinuierlich zurück. Es fehlt darüber hinaus an grundlegender Infrastruktur. Durch unzureichende Lagermöglichkeiten gehen oft große Teile der Ernte verloren. Der Anbau von Kakao bietet jungen Menschen keine Perspektive mehr, viele wandern in die Städte ab. In Ghana und der Côte d’Ivoire werden die Kakaoanbauregionen bereits als „Alte-Männer-alte-Bäume-Region“ bezeichnet.

Um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kakaobauernfamilien zu verbessern, vor allem aber um sich das Angebot an qualitativ hochwertigem Kakao zu sichern, will die Schokoladenindustrie Bäuerinnen und Bauern dabei unterstützen, ihre Ernteerträge zu steigern. Die Rechnung ist einfach: Die Bereitstellung neuer Setzlinge, Schulungen für den Einsatz von Pestiziden und verbesserte Anbaumethoden sollen die Produktivität steigern und die Qualität der Kakaobohnen verbessern. Ob sich dadurch das Einkommen der Kakaobäuerinnen und -bauern steigern lässt, ist fraglich. Denn ein steigendes Angebot führt auch zu fallenden Preisen. Gleichzeitig bedeutet Produktivität einen Mehraufwand an Arbeit und Investitionen. Am Ende sind es dann wieder die Kinder, die die Pestizide versprühen oder schwere Säcke mit Kakaobohnen schleppen müssen.

Die Schokoladenindustrie kommt nicht darum herum, sich mit der Gretchenfrage zu beschäftigen: Was ist ein fairer Preis? Doch über den Preis, den die ProduzentInnen am untersten Ende der Wertschöpfungskette erhalten, wollen die IndustrievertreterInnen nur ungern diskutieren. Sie geben an, dass sie darauf keinen Einfluss haben. Es gäbe zu viele Zwischenhändler, und wenn überhaupt, dann stünden die Regierungen der Kakaoanbauländer in der Verantwortung. Außerdem dürfe sich die Industrie aus kartellrechtlichen Gründen gar nicht zu Preisfragen austauschen.

Es gibt entlang der Wertschöpfungskette von Kakao keinen einzelnen Akteur, der den Preis anheben könnte. Ein erster wichtiger Schritt wäre deshalb, dass sich alle Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf eine Berechnungsgrundlage für ein existenzsicherndes Einkommen (living income calculation) einigen. Neben Preis, Qualität und Produktionskosten werden bei einem existenzsichernden Einkommen unter anderem auch die Grundbedürfnisse und Faktoren wie die Anzahl der Familienangehörigen oder der Grad des Monocropping, also der Abhängigkeit von Kakao, in die Berechnung mit einbezogen.

Wenn die Schokoladenindustrie sich ernsthaft für eine Verbesserung der Situation der Menschen einsetzen will, muss sie an der Berechnung eines existenzsichernden Einkommens mitwirken – und danach die entsprechenden Konsequenzen ziehen. So könnten etwa interne Kostenstrukturen so verändert werden, dass ein fairer Preis an die Kakaobäuerinnen und -bauern gezahlt werden kann. Das kann für viele Akteure schmerzhaft werden. Für die Unternehmen, weil der Wert entlang der Kette nach unten umverteilt werden muss, und für die VerbraucherInnen, weil Schokolade nicht mehr für 39 Cent bei Lidl erhältlich sein wird.

Gefragt sind an dieser Stelle auch die drei standardsetzenden Organisationen im Kakaoanbau – UTZ Certified, Fairtrade und Rainforest Alliance –, die im Kakaobereich einen starken Zuwachs verzeichnen. Die Standards tragen zwar dazu bei, dass Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden, die Qualität des Kakaos durch Schulungen verbessert wird und Erträge steigen, doch der Einfluss auf das tatsächliche Einkommen der Bäuerinnen und Bauern ist gering. Durch Prämien haben sie nur Mehreinnahmen von etwa zehn Prozent. Das bietet keinen Ausweg aus der Armutsfalle.

Gerne berufen sich Fairhandels-Akteure auf den von Fairtrade festgelegten Mindestpreis, unter dem zertifizierter Kakao trotz sinkender Weltmarktpreise nicht verkauft werden darf. Dieser Mindestpreis liegt aber seit mehreren Jahren unter dem Weltmarktpreis. Fairtrade hat angekündigt, im kommenden Jahr den Mindestpreis zu erhöhen – ein seit langem überfälliger Schritt.

Evelyn Bahn koordiniert bei INKOTA die europäische Kampagne Make Chocolate Fair!

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Editorial

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