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Südlink 174 - Dezember 2015

LGBTIQ - Kämpfe unterm Regenbogen

„Wir sind sichtbar geworden“

Verfolgt und ausgezeichnet – die ugandische Aktivistin Kasha Nabagesera und ihr Kampf für die Rechte der LGBTI.

Von Isabella Bauer

Es gehört Mut dazu, in Uganda offen als Lesbe, Schwuler oder Trans* zu leben. Besonders mutig ist Kasha Nabagesera, die seit Jahren für die Rechte von LGBTI kämpft und sich davon auch durch Todesdrohungen nicht abhalten lässt. Dafür wurde sie nun mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Ein Portrait der furchtlosen Aktivistin.

„Für ihren außerordentlichen Mut und ihre Ausdauer, mit der sie sich trotz Gewalt und Einschüchterung für das Recht der LGBTI-Menschen einsetzt, ein Leben frei von Vorurteilen und Verfolgung zu leben", erhält Kasha Jacqueline Nabagesera den diesjährigen Right Livelihood Award, so die Begründung des Auswahlkomitees für den sogenannten Alternativen Nobelpreis.

Kasha Nabagesera ist 35 Jahre alt und nicht nur eine der mutigsten, sondern auch eine der erfolgreichsten Menschenrechtsaktivistinnen in Uganda. Bereits vor zwölf Jahren hat sie Freedom And Roam Uganda (FARUG) mitgegründet, eine Initiative, die Lesben und Schwulen Schutzräume zur Verfügung stellt.

Ihre eigene Biografie hat sie zur Aktivistin gemacht. Früh merkte sie, dass ihre sexuelle Identität in ihrem Umfeld nicht toleriert wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen LGBTI konnte sie jedoch auf ihre Familie zählen: „Das ging schon los, als ich von mehreren Schulen geflogen bin, nur weil ich mich in andere Mädchen verliebt hatte oder Liebesbriefe an sie schrieb. Ich hatte das Glück, dass meine Familie hinter mir stand. All meine anderen Freunde, die von der Schule flogen, wurden von ihren Familien verstoßen. Wir haben sie dann zu Hause aufgenommen.“

Gemeinsam mit anderen setzt sich Nabagesera seit vielen Jahren für die Legalisierung von gleichgeschlechtlicher Liebe ein – in Uganda ein lebensgefährliches Engagement: Nicht nur, dass sie bereits mehrere Male verhaftet wurde, regelmäßig wird sie auch mit dem Tod bedroht. Als das Magazin Red Pepper 2014 eine Liste von LGBTI veröffentlichte und zu deren Ermordung aufrief, musste sie ständig Wohnort und Identität wechseln.

Es sind gerade die ganz normalen Bürger*innen, die sie verändern möchte: „Die Menschen, mit denen ich lebe, unsere Gesellschaft, ist meine größte Bedrohung. Das sind diejenigen, die mit dem Finger auf mich zeigen und mich schon mehrmals verprügelt haben“, sagt Nabagasera. Aber statt sich in Sicherheit zu bringen, geht sie auf die Leute zu: „Je mehr wir mit ihnen sprechen, desto schneller werden sie merken, dass wir normale Menschen sind und genau wie sie unseren Beitrag zur Gesellschaft leisten“, so ihre feste Überzeugung.

Einer ihrer größten Erfolge war die Niederschlagung eines homophoben Gesetzes durch den Obersten Gerichtshof des Landes 2014. Gemeinsam mit weiteren Aktivist*innen hatte sie gegen dieses Gesetz geklagt. Unterstützt von international aktiven christlichen Fundamentalist*innen hatten die Abgeordneten des ugandischen Parlaments ein Gesetzt verabschiedet, dass zunächst die Todesstrafe und nach internationalem Protest langjährige Strafen für Homosexuelle vorsahen.

„Wir leben hier und gehen nirgendwo anders hin“

Lange Zeit war die Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTI in Uganda kein öffentliches Thema. Nabagesera erinnert sich: „Als ich angefangen habe für unsere Rechte zu kämpfen, hat niemand darüber gesprochen. Die Menschen haben sich versteckt und sich nicht getraut, das Thema anzusprechen. Der Präsident hat damals gesagt, Homosexuelle existieren hier nicht.“

Wie viele andere sozial und kulturell unerwünschte Lebenskonzepte wurde auch die gleichgeschlechtliche Liebe als Fluch verstanden: „Als ich aufwuchs, wurde mir gesagt, ich sei von Dämonen besessen“, berichtet Nabagesera, „aber wir sind rausgegangen, haben mit den Menschen gesprochen, uns vorgestellt und gesagt: Wir leben hier und gehen nirgendwo anders hin. Also lasst uns in Frieden leben.“

Der Sichtbarkeit der queeren Gemeinschaft des Landes hat Kasha Nabagesera auch ihr neues Magazin Bombastic gewidmet. Es veröffentlicht die persönlichen Geschichten von LGBTI in Uganda. Im Editorial der ersten Ausgabe, die Anfang 2015 erschien, heißt es: „Diese Veröffentlichung soll einen Einblick in das Leben von LGBTI in Uganda geben. Die Geschichten, die du hier lesen wirst, sind wahre Geschichten aus dem Leben deiner Eltern, Brüder, Schwestern, Lehrer*innen, Priester und Freund*innen.“

Das Magazin gibt zum ersten Mal auch Lesben breiten Raum, ihre Lebensgeschichten öffentlich zu machen. Erschütternde Zeugnisse über Familien, die ihre eigenen Töchter vergewaltigen lassen, um sie heterosexuell zu machen, über Familien, die ihre Töchter verstoßen, weil sie keine Kinder bekommen wollen, über Diskriminierung, Gewalt und Ablehnung jeder Art geben einen Einblick in die Abgründe familiären Zusammenlebens.

„Bombastic spricht für all die ugandischen LGBTI, die keine Stimme haben. Und es spricht für die vielen, die mutig genug sind, ihre persönliche Geschichte zu teilen“, schreibt Kasha Nabagesera weiter. Ein mutiger und gefährlicher Weg, der viele Unterstützer*innen braucht – und Auszeichnungen wie den Alternativen Nobelpreis: „Der Preis ist eine große Ehre für mich und bedeutet eine wunderbare Anerkennung der Arbeit, die ich gemeinsam mit meinen Mitstreiter*innen leiste. In vielerlei Hinsicht haben sich die Dinge in Uganda in den letzten zehn Jahren verschlechtert. Wir werden offener verfolgt. Aber wir sind auch sichtbar geworden“, so Kasha Nabageseras Fazit und ihr ungebrochener Wille, sich weiter für die Menschenrechte der queeren Gemeinschaft in Uganda einzusetzen.

Isabella Bauer ist Beraterin, Trainerin und freie Journalistin. Sie arbeitet zu Themen der zivilen Konfliktbearbeitung im In- und Ausland.

Weitere Artikel aus dem Heft:

Editorial

Evelyn Bahn: Angst vor der Gretchenfrage. Ohne höhere Preise haben die Kakaobauern und -bäuerinnen keine Chance, der Armut zu entkommen.

Alessa Heuser und Christine Pohl: Ernährungspolitische Vielkönner. In Deutschland entstehen die ersten Ernährungsräte. Sie sind Teil einer globalen Bewegung für eine Ernährungs- und Agrarwende.

Klaus Jetz: Standesamt oder Steinigung. Die Lage von LGBTI im globalen Süden ist höchst unterschiedlich. In vielen Ländern, längst nicht in allen, sind Fortschritte zu verzeichnen.

Nyx Mclean: Zwischen Party und Protest. Die LGBTIAQ-Community in Südafrika hat viel erreicht. Leidet jedoch noch immer unter Diskriminierung.

Markus Plate: Wo Liebe lebensgefährlich ist. In Zentralamerika werden jährlich Dutzende Lesben, Schwule und Transpersonen ermordet.

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