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Südlink 174 - Dezember 2015

LGBTIQ - Kämpfe unterm Regenbogen

Zwischen Party und Protest

Die LGBTIAQ-Community in Südafrika hat viel erreicht, leidet jedoch noch immer unter Diskriminierung.

von Nyx Mclean

Weltweit wird Südafrika als Verfechter von LGBTIAQ-Rechten gepriesen. Die neue Verfassung des Landes von 1996 war die erste überhaupt, die Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung unter ihren Schutz stellt. Jenseits der Gesetzestexte ist jedoch weiterhin Protest angebracht.

In Südafrika haben LGBTIAQ1 gute Gründe zu feiern. Vor allem, wenn sie ihre Rechte mit denen im übrigen Afrika und mit konservativen Antihomosexuellen-Gesetzen vergleichen, wie sie etwa in Uganda erlassen wurden. Es ist nicht lange her, dass Ungerechtigkeiten auch in Südafrika gesetzlich festgeschrieben waren.

Das Apartheidregime diskriminierte zwischen 1948 und 1994 Menschen in erster Linie aufgrund ihrer Hautfarbe, aber auch des Geschlechts und der sexuellen Orientierung. Der Immorality Act etwa verbot sexuelle Beziehungen zwischen Weißen und Personen mit anderer Hautfarbe. Das Gesetz untersagte auch Sexarbeit, den Verkauf von Sexspielzeugen und Sex zwischen Männern.

Nach 1994 konnten auf gesetzlicher Ebene fünf Erfolge errungen werden, die die Situation der LGBTIAQ-Rechte in Südafrika verbesserten. Im Jahr 1996 verbot die neue südafrikanische Verfassung weltweit erstmals Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Der zweite Erfolg bestand in einem Urteil des Verfassungsgerichts, durch das ein Apartheid-Gesetz zum Verbot einvernehmlicher homosexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen für verfassungswidrig erklärt und damit gekippt wurde.

Als drittes wurde 1998 durch das Gesetz über Gleichberechtigung in Beschäftigungsverhältnissen (Employment Equity Act) der Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung am Arbeitsplatz eingeführt. Die vierte Neuerung erfolgte im Jahr 2002, als gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption erlaubt wurde. 2006 schließlich wurde der Civil Union Act erlassen, der die Anerkennung homo- und heterosexueller Partnerschaften mit der Möglichkeit zulässt, sie als Ehe oder als eingetragene Partnerschaft zu bezeichnen.

Doch die LGBTIAQ-Community Südafrikas ist mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, sowohl im Umgang untereinander als auch, was die notwendigen Aufgaben zum Schutz ihrer Mitglieder angeht. In ihrem Umfeld erleben viele südafrikanische LGBTIAQ noch immer Feindseligkeit, Diskriminierung und Gewalt aufgrund von Homo- und Transphobie und Sexismus.

Aufgrund der Auswirkungen der Apartheid ist Rassismus in Südafrika fest verankert. Dies lässt sich auch bei der Vorbereitung von Veranstaltungen oder Kundgebungen feststellen, die oft von weißen schwulen Männern und lesbischen Frauen organisiert werden, die von den gelebten Erfahrungen von schwarzen Trans* oder Lesben kaum eine Ahnung haben.

Ein Beispiel sind die Auseinandersetzungen um den Christopher-Street-Day.  2012 kam es auf dem Johannesburger CSD (Joburg Pride) zu einer Konfrontation zwischen den weißen Organisator*innen des Umzugs und vornehmlich schwarzen lesbischen und nicht-genderkonformen Aktivist*innen. Auch sonst gibt es immer wieder Debatten über den Mangel an Repräsentation und Inklusion auf CSD-Veranstaltungen.

Rassismus ist ein Thema, das alle Menschen in Südafrika betrifft, ebenso wie Klassismus, da Klasse infolge der ökonomischen Privilegien der Weißen während der Apartheid eng mit Hautfarbe verknüpft ist. Eine sichtbare Form der Exklusion bei LGBTIAQ-Veranstaltungen besteht in den überhöhten Eintrittspreisen, wodurch ärmere Mitglieder der Community nicht teilnehmen können.

Ein weiteres gravierendes Problem für LGBTIAQ in Südafrika sind Hassverbrechen, vor allem gegen lesbische, bisexuelle und queer lebende Frauen sowie Trans*. Die Gewalt gegen sie besteht in Form von Körperverletzung, Vergewaltigung und Mord, aufgrund einer tief verwurzelten Homo- und Transphobie. Derzeit entwirft eine Arbeitsgruppe zu Hassverbrechen2 gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Gewalt aufgrund von Diskriminierung.

Innerhalb der Bewegung gibt es Spannungen

Seit Jahren sehen einige Aktivist*innen eine Entpolitisierung der südafrikanischen LGBTIAQ-Bewegung. So gibt es in Bezug auf die CSD-Veranstaltungen heftige Auseinandersetzungen um die Frage, ob der CSD eine Bewegung oder eine Veranstaltung sein sollte, politisch oder unpolitisch, Protest oder Party.

Diese Spannungen zeigen die unterschiedliche Lebenssituation in Südafrika auf. Einige LGBTIAQ-Personen denken, dass der Kampf mit der Erlangung festgeschriebener Rechte schon erledigt sei. Sie machen nicht die täglichen Erfahrungen mit Drohungen und Gewalt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Für andere jedoch ist der Kampf noch lange nicht vorbei, da sie Tag für Tag mit Diskriminierung, Gewalt und Morddrohungen konfrontiert sind.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen Politisierung und Kommerzialisierung beschränkt sich nicht auf Südafrika, ist jedoch in diesem Kontext singulär, da es mit Rassismus und Klassismus nach dem Ende der Apartheid verknüpft ist.
Aus den Auseinandersetzungen um den CSD und dessen Entpolitisierung sind zahlreiche alternative CSDs oder Parallelveranstaltungen entstanden: der Soweto Pride, der Johannesburg People’s Pride und der Alternative Inclusive Pride. Auch auf diesen Veranstaltungen wird gefeiert. Es wird aber auch auf die Lebenswirklichkeit Bezug genommen, der die Mehrheit der LGBTIAQ-Community ausgesetzt ist. Die Aktivist*innen versuchen, ein Gleichgewicht zwischen Party und Protest herzustellen.

Südafrika hat also rechtliche Erfolge zu verzeichnen, muss aber noch viel tun, damit diese Erfolge sich im Leben der Menschen auswirken. Das Ziel muss sein, dass LGBTIAQ-Personen keine Gewalt und Diskriminierung mehr von Seiten ihrer Altersgenoss*innen, Angehörigen und in der Nachbarschaft erfahren müssen. Auch bleibt die Aufgabe der Community, im Inneren wirklich inklusiv zu werden und die Privilegien anzuerkennen, die viele ihrer Mitglieder aufgrund der langen Apartheid-Geschichte haben.

1Nyx Mclean nutzt über das geläufige LGBTI oder LGBTIQ hinaus noch ein A in der Aufzählung der Vielfalt unterm Regenbogen: LGBTIAQ umfasst Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter*, Asexuelle und Queers.

2 Hate Crimes Working Group: hcwg.org.za

Aus dem Englischen von Sebastian Henning.

Nyx McLean forscht zu Gender, Sexualität, digitaler Öffentlichkeit und digitalen Gemeinschaften. Derzeit arbeitet er*sie an einer Promotion zu CSD-Demonstrationen im Kontext Südafrikas nach der Apartheid. Im Jahr 2014 erhielt er*sie den „200 Young South Africans“-Preis für sein*ihr Engagement in der südafrikanischen Zivilgesellschaft.

Weitere Artikel aus dem Heft:

Editorial

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Klaus Jetz: Standesamt oder Steinigung. Die Lage von LGBTI im globalen Süden ist höchst unterschiedlich. In vielen Ländern, längst nicht in allen, sind Fortschritte zu verzeichnen.

Isabella Bauer: „Wir sind sichtbar geworden”. Verfolgt und ausgezeichnet – die ugandische Aktivistin Kasha Nabagesera und ihr Kampf für die Rechte der LGBTI.

Markus Plate: Wo Liebe lebensgefährlich ist. In Zentralamerika werden jährlich Dutzende Lesben, Schwule und Transpersonen ermordet.

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