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Südlink 174 - Dezember 2015

LGBTIQ - Kämpfe unterm Regenbogen

Wo Liebe lebensgefährlich ist

In Zentralamerika werden jährlich Dutzende Lesben, Schwule und Transpersonen ermordet.

von Markus Plate

Wer anders lebt und liebt, lebt gefährlich im nördlichen Dreieck Zentralamerikas. Hunderte LGBTI-Aktivist*innen sind dort in den letzten Jahren ermordet worden. Während sich Guatemala langsam öffnet und El Salvador das Strafmaß für Hassverbrechen erhöht hat, wird die Situation für Schwule, Lesben und Trans*-Personen in Honduras immer schlimmer.

Anfang des Jahres streute der evangelikale Pastor Evelio Reyes in Honduras das Gerücht, das Parlament wolle die Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften ermöglichen. Das nationale Medienecho und die Reaktionen in Internetforen waren so schrill, dass sich alle Parteien bemüßigt fühlten, derartige Bestrebungen zu dementieren.

Schwulen- und Lesben- und insbesondere Trans*-Feindlichkeit sind in der honduranischen Gesellschaft tief verwurzelt. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) und andere sprechen von bis zu 200 LGBTI, die in den letzten fünf Jahren in dem zentralamerikanischen Land ermordet worden sind, davon mindestens 90 Schwule, 15 Lesben und 69 Trans-Personen.

Steigende Gewalt gegen LGBTI in Honduras

Seit dem rechtsgerichteten Putsch 2009 gegen den damaligen Präsidenten Manuel Zelaya hat die Gewalt gegen die LGBTI-Community dramatisch zugenommen. Iván Banegas vom Colectivo Violeta, das sich für die Rechte von Lesben, Schwulen und Trans*-Personen einsetzt, erinnert daran, dass die LGBTI-Bewegung den damaligen Präsidenten und seine Pläne einer Verfassungsreform unterstützt hatte. Davon hatte sich die Bewegung ein Aufbrechen der traditionellen Macht- und auch Geschlechterverhältnisse versprochen. Das Ziel des Putsches war es, all diesen Bestrebungen einen Riegel vorzuschieben, so Banegas. Deswegen sei auch die LGBTI-Bewegung direkt nach der Absetzung Zelayas lautstark für die Wiederherstellung der Demokratie auf die Straße gegangen.

Auch die Trans-Community lief damals mit, erinnert sich Nahomy Otero. Die ehemalige Sexarbeiterin aus San Pedro Sula war nach einem brutalen Angriff zur Aktivistin geworden. Für ihre Community hatte der Putsch schlimme Folgen. In den Wochen nach dem Putsch wurden 40 Mitstreiter*innen ermordet, dreimal so viele wie in den fünf Jahren zuvor. Früher schlug Trans-Personen Hass entgegen, weil sie „nicht als Mann“ leben wollten oder weil sie Sexarbeiterinnen seien. Nun auch noch als ein auffälliges Gesicht des Widerstands.

Auch Schwule wurden zur Zielscheibe: Eines der bekanntesten Mordopfer war der Menschenrechtsaktivist Walter Trochez. Ende 2010 wurde er in der Hauptstadt Tegucigalpa auf offener Straße erschossen. Nach dem Putsch hatte Trochez die zunehmende homo- und transphobe Gewalt angeprangert, auch im Ausland. Taten wie diese haben Pepe Palacios, Mitbegründer der linken Bewegung der Sexuellen Vielfalt im Widerstand (MDR), davon überzeugt, dass sich die Situation von Schwulen, Lesben und Trans*-Personen nicht grundlegend bessern wird, solange die traditionellen Machtverhältnisse und Denkmuster in dem Land nicht aufgebrochen werden. Laut Palacios ziehe sich die Homo- und Transphobie nach wie vor durch alle Teile der Gesellschaft und mache im Übrigen auch vor der Community selbst nicht halt, eine Community, die vom „G“ dominiert werde und in der man Trans* Personen gerne ignoriert.

Im familiären Rahmen lassen sich insbesondere Väter und Brüder immer wieder ihren Abscheu vor Schwulen durchblicken, junge Schwule werden auch heute noch von ihren Eltern vor die Tür gesetzt, in den meisten Kirchen wird ganz offen gegen sie gepredigt, die Polizei ist kein „Freund und Helfer“, sondern ein Aggressor, der für Schläge, Vergewaltigungen und Morde verantwortlich ist.

Im letzten Jahr warnte Amnesty International, dass viele Menschenrechtsaktivist*innen Drohungen und Übergriffe nicht einmal mehr anzeigten – aus Angst, dass ein Gang zur Polizei ein noch größeres Sicherheitsrisiko bedeuten würde. Die Verteidigung der Rechte von Trans*-Personen, Lesben und Schwulen hängt so am Tropf der internationalen Gemeinschaft, von solidarischen Organisationen aus Europa, den USA und dem Rest Lateinamerikas.

El Salvador: Schwere Strafen gegen Hassverbrechen

Im benachbarten El Salvador ist die Situation mit 500 Morden an LGBTI in den letzten 20 Jahren kaum besser, auch wenn die Generalstaatsanwaltschaft des kleinen Landes nicht in jedem Fall einen homo- oder transphoben Hintergrund erkennen mag. Einer der farbenfrohsten Ereignisse im salvadorianischen Kalender entpuppt sich dabei schon fast traditionell als einer der gefährlichsten: der jährliche Umzug der LGBTI-Community in San Salvador. Kaum ein Jahr vergeht, dass am Rande oder nach der fröhlichen Demonstration Menschen zu Tode kommen. Dieses Jahr, am 28. Juni, traf es einen schwulen Jugendlichen und einen schwulen Mann.

Außerdem wurde der Transmann Aldo Alexander Peña von der Polizei zusammengeschlagen. Dieser Fall allerdings dürfte weitreichende Folgen haben. Peña ist Mitglied der Hauptstadtpolizei CAM, was sicherlich half, den Fall publik zu machen. Laut William Hernández von der LGBTI-Organisation Entre Amigos ist dies der erste Fall, der klar eine Urheberschaft der Sicherheitskräfte bei Hassverbrechen belegt. Generalstaatsanwalt Luis Martínez sah sich gezwungen, vollständige Aufklärung, auch bezüglich der Motive der Tat zu versprechen.

Es sind Verbrechen und Übergriffe wie diese, die auf politischer Ebene in El Salvador zu einem Umdenken geführt haben. Anfang September hat der salvadorianische Kongress eine Novellierung des Artikels 129 des Strafgesetzbuchs beschlossen. Wer aus rassistischen, politischen oder homo- oder transphoben Motiven einen Menschen bedroht, angreift oder ermordet, hat in Zukunft mit deutlich höheren Strafen zu rechnen. Bei Mord wurde der Strafrahmen von 30 auf 50 Jahre, in besonders schweren Fällen sogar auf 65 Jahre erhöht. Einer der seltenen Fälle, in denen sich die ansonsten tief verfeindeten politischen Lager, die linke Regierungspartei FMLN und die rechte Opposition ARENA, auf eine gemeinsame Gesetzesinitiative verständigen konnten, betonen der ARENA-Abgeordnete René Portillo Cuadra und die FMLN-Politikerin Cristina Cornejo.

Die Strafverschärfung ist ein wichtiges Signal an die Gesellschaft. Abschreckende Wirkung dürfte es aber kaum entfalten, die Straflosigkeit bei Tötungsdelikten liegt in El Salvador bei 95 Prozent. Im Gegensatz zu Honduras wendet sich die Regierung jedoch explizit gegen die Diskriminierung und Verfolgung von LGBTI. Die Regierungspartei FMLN setzt sich für Antidiskriminierungsarbeit an Schulen, in Medien und am Arbeitsplatz ein.

Die FLMN hat als linke Volkspartei behutsam den Weg vorgegeben, seit sie vor einigen Jahren ihre einstige Ablehnung der „Homoehe“ aufgab. Auch hatte sie selbst vor einigen Jahren einen bekennenden Schwulen als Parteivorsitzenden. Für Trans*personen wurde eigens das Wahlrecht in El Salvador geändert. Sie dürfen seit den Präsidentschaftswahlen 2014 auch dann wählen, wenn ihr Äußeres nicht dem im Ausweis markierten Geschlecht entspricht.

Ein paar Freiräume in Guatemala

Aufgrund der bedrohlichen Lage daheim ist für viele Honduraner und Salvadorianerinnen ein Land zum Fluchtpunkt geworden, das auch nicht dafür bekannt ist, die Menschenrechte zu garantieren: Guatemala. Aber im dritten Land des sogenannten nördlichen Dreiecks Zentralamerikas gibt es so etwas wie Biotope, in denen sich Trans*Personen, Schwule und Lesben vergleichsweise frei bewegen können. Auf der Sexta Avenida im Herzen von Guatemala-Stadt sieht man mittlerweile schwules und sogar lesbisches Flanieren, es gibt mehrere, oft rappelvolle schwule Clubs, ein paar versteckte Frauen- und Lesbenläden und Künstlerkneipen, in denen jede und jeder so sein kann, wie sie oder er sich fühlt.

Mit „Un mundo para Jimena“ (Eine Welt für Jimena) ist gerade der erste guatemaltekische Kurzfilm herausgekommen, der Lesbisch-Sein zum Thema hat. Der junge Fotograf Eny Roland Hernández feiert in der nationalen Kunstszene und auch im Ausland Erfolge mit seinen homoesken Portraits und macht mit Plakataktionen die sexuelle Vielfalt im öffentlichen Raum sichtbar. Und mit „La otra banqueta“ (Die andere Straßenseite) gibt es schon seit fünf Jahren ein LGBTI-Filmfestival in Guatemala-Stadt. Es ist diese relative Offenheit, die junge Menschen aus der Provinz in die Hauptstadt und aus dem Rest Zentralamerikas nach Guatemala zieht.

Für einen jungen und sehr attraktiven katholischen Geistlichen aus Honduras, der in verschiedenen Gemeinden in Honduras und El Salvador arbeitet, ist Guatemala der Ort, wo er seine Sexualität leben kann: „Hier kennt mich niemand, hier gibt es die Infrastruktur, und das bisschen Aufgeschlossenheit, dass ich vor allem aus Honduras nicht kenne“. Die Salvadorianerin Adriana ist schon mit sieben Jahren nach Guatemala gekommen, alleine! Sie engagiert sich bei der Trans*-Organisation „Königinnen der Nacht“, studiert Jura an der nationalen Universität USAC. Adriana konnte in ihrer evangelikalen Familie keine Akzeptanz für ihre Identität erwarten.

Doch auch Guatemala ist für die LGBTI-Community ein äußerst gefährliches Pflaster. Auch hier wurden in den letzten Jahren Dutzende Trans*-Personen, Schwule und Lesben oft bestialisch ermordet, die Königinnen der Nacht haben den gewaltsamen Tod gleich mehrerer ihrer Mitstreiterinnen zu beklagen. Auch hier haben die meisten Trans*Personen außerhalb des Straßenstrichs keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, werden Schwule von ihren Familien und Gemeinden verstoßen. Und erst im Oktober wurde mit Jimmy Morales ein Kandidat mit offen frauenfeindlichen und homophoben Ansichten und Sprüchen zum Präsidenten des Landes gewählt. Keine guten Aussichten für die Länder des nördlichen Dreiecks.

Markus Plate arbeitet als Fachkraft für Brot für die Welt bei Voces Nuestras in Costa Rica, einer Organisation, die sich für das Recht auf Kommunikation einsetzt und Radiosendungen produziert. Daneben ist er seit vielen Jahren Journalist und Radiomacher mit Schwerpunkt Lateinamerika.

Weitere Artikel aus dem Heft:

Editorial

Evelyn Bahn: Angst vor der Gretchenfrage. Ohne höhere Preise haben die Kakaobauern und -bäuerinnen keine Chance, der Armut zu entkommen.

Alessa Heuser und Christine Pohl: Ernährungspolitische Vielkönner. In Deutschland entstehen die ersten Ernährungsräte. Sie sind Teil einer globalen Bewegung für eine Ernährungs- und Agrarwende.

Klaus Jetz: Standesamt oder Steinigung. Die Lage von LGBTI im globalen Süden ist höchst unterschiedlich. In vielen Ländern, längst nicht in allen, sind Fortschritte zu verzeichnen.

Isabella Bauer: „Wir sind sichtbar geworden”. Verfolgt und ausgezeichnet – die ugandische Aktivistin Kasha Nabagesera und ihr Kampf für die Rechte der LGBTI.

Nyx Mclean: Zwischen Party und Protest. Die LGBTIAQ-Community in Südafrika hat viel erreicht. Leidet jedoch noch immer unter Diskriminierung.

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