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Südlink 175 - März 2016

Flucht und Migration - Afrikanische Perspektiven

„Ich habe darüber gesprochen“

In Gambia und anderen afrikanischen Ländern ist weibliche Genitalverstümmelung ein Fluchtgrund. Nur wenige trauen sich, dagegen anzugehen. Eine von ihnen ist Bintou Bojang

von Bintou Bojang

Meist aus der Tradition heraus begründet, wird FGM (Female Genital Mutilation) in einigen Ländern im westlichen und östlichen Afrika bis heute praktiziert. Babys, Mädchen oder junge Frauen haben kaum eine Möglichkeit, sich dem schmerzhaften und gefährlichen Ritual zu entziehen und leiden ein Leben lang unter den Folgen. Ein Testimonial aus Gambia.

Ich bin ein Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung, auch bekannt als FGM (Female Genital Mutilation). In Afrika gibt es viele weitere Formen von Gewalt gegenüber Frauen, beispielsweise häusliche Gewalt, aber die genitale Verstümmelung junger Frauen ist in meinen Augen eine der schlimmsten Formen von Gewalt gegenüber Frauen. Es ist eine kulturelle Tradition, die in unseren Gemeinschaften auch heutzutage noch praktiziert wird. Erhebt man die Stimme und stellt diese Praxis infrage, dann sind es nicht selten die eigenen Eltern, die FGM als eine Tradition preisen, die bereits von unseren Vorfahren ausgeübt worden sei. Das stellt für sie einen Grund zum Stolz sein dar, und jene Frauen unseres Clans, die nicht dieser Praxis unterzogen wurden, werden als eklige, schmutzige Personen betrachtet.

Ohne Genitalverstümmelung ist ein Mädchen aus unserer Kultur, der Mandinka-Kultur, nicht dazu berechtigt, einen Mann des Mandinka-Stammes zu heiraten. Es gibt auch Stämme, bei denen die weibliche Genitalverstümmelung nicht praktiziert wird, beispielsweise den Wolof. Entsprechend ist es den Wolof-Frauen nicht erlaubt, Mandinka-Männer zu heiraten. Verliebt sich also ein Mädchen der Wolof in einen Jungen des Mandinka-Stammes, muss es die Genitalverstümmelung über sich ergehen lassen. Sie muss es zulassen, dass ihre Genitalteile abgeschnitten werden. Warum sollte man es zulassen, dass dem eigenen Kind Teile seiner Genitalien abgeschnitten werden? Wie kann man immer noch tanzen, wenn man so etwas zulässt?

Ein unvorstellbarer Schmerz

Ich erinnere mich, dass ich zwischen elf und zwölf Jahre alt gewesen bin, als sie die Genitalverstümmelung bei mir durchführten. Als sie uns damals holten, waren wir mehr als dreißig Mädchen. Ich wurde von meiner Großmutter, meinen Tanten und einigen anderen Verwandten, der Schwester meines Cousins und von meiner Halbschwester abgeholt. Ich wusste nicht, wo meine Mutter war, warum sie nicht dabei war. Als ich realisierte, dass hier etwas Seltsames vor sich ging, begann ich zu weinen.

Sie entfernten uns die komplette Klitoris und nähten uns danach wieder zusammen, um unsere Jungfräulichkeit zu versiegeln. Der Schmerz ist unvorstellbar, es ist so schmerzhaft. Ich habe mein Kind ohne irgendeine Betäubung oder ähnliches zur Welt gebracht, und nach meinem Empfinden ist eine Genitalverstümmelung schmerzvoller als eine Geburt.

Jedes Mädchen, das eine FGM durchgemacht hat, wird dasselbe Trauma haben. Sie haben Angst. Aber ich, ich konnte es trotzdem nicht für mich behalten, weil ich mich immer wieder fragte und frage, warum sie mir das angetan haben. Wenn ich meine Großmutter fragte, antwortete sie, dass sie besorgt sei über die Art und Weise, in der ich immer wieder dieselben Fragen stelle. Sie sagte, dass sie nichts darüber wisse. Sie sagte, ich müsse mich in Acht nehmen, sonst könnte ich sterben. Aus diesem Grund traut sich niemand die Tradition in Frage zu stellen, auch wenn es sie verrückt macht. Aber nicht mit mir. Ich sagte „Ja! ich werde darüber sprechen und dadurch die Ordnung brechen.“ Und das ist es, was ich getan habe.

Viele junge Frauen sterben, weil sie zu viel Blut verlieren. Da waren diese drei Mädchen unter uns, sie waren unsere Freundinnen. Als wir zur Schule gingen, fragten uns die Lehrer nach ihnen. Uns wurde gesagt, niemand dürfe den Lehrern erzählen, dass sie aufgrund von FGM ums Leben kamen. Ich sagte, dass ich dies dennoch tun würde. Sie sagten, wenn irgendjemand davon sprechen sollte, so würde dieser jemand auf der Stelle sterben. Doch, Gott sei Dank, ich habe den Lehrern davon erzählt und mir ist nichts passiert.

Ich erinnere mich noch an diesen Lehrer, Herr Jam, er ist mittlerweile leider verstorben. Herr Jam war gegen die Genitalverstümmelung, jedoch gehören die Gesetzgeber ebenfalls zu dieser Tradition. Sie haben ebenso Angst, die Regeln ihrer Tradition zu brechen. Ich kann mich daran erinnern, dass sogar der Präsident im Fernsehen einmal gesagt hat: Jene, die FGM nicht weiterhin praktizieren wollen, soll man gewähren lassen, aber wir dürfen sie nicht jene stoppen lassen, die es praktizieren.

Mein Lehrer hatte mich damals gefragt, ob ich dazu bereit sei im Fernsehen darüber zu sprechen oder etwas darüber zu schreiben. Meine Antwort war: „Ja! Ich kann darüber schreiben.“ „Kannst du auch ein Video machen, ein Interview?“ Ich bejahte auch diese Frage. Also brachte er mich zu einem Fernsehsender, und ich erzählte vor der Kamera alles, was ich wusste. Als das Interview im Fernsehen übertragen wurde, war das schrecklich für meine Familie. Mein Vater wurde als Oberhaupt der Gemeinschaft direkt mit dieser Tatsache konfrontiert. So etwas war bisher in keiner anderen Familie unserer Gemeinschaft vorgekommen.

Sie brachten mich zu dem Haus einer alten Frau. Dort banden sie mich an einen Orangenbaum und sagten zu mir, ich müsse bis zum Morgengrauen dort verharren. Sie banden mich dort an, sie schlugen mich, sie taten mir viele Dinge an und beschlossen letztendlich mich zu verheiraten. Das war das Geheimnis meines Vaters. Er dachte, wenn ich erst einmal verheiratet sei, dann würde ich nicht mehr zur Schule gehen. Unsere Leute sagten, aufgrund der westlichen Erziehung habe ich keine Angst vor unserer Tradition. Darum entschieden sie, mich so schnell wie möglich zu verheiraten, damit ich diese Sache vergessen, nicht mehr zur Schule gehen und die Tradition weiter führen sollte. Fünf Jahre nachdem ich die Genitalverstümmelung durchgemacht hatte, zwangen sie mich einen Mann zu heiraten. Ich war damals 16 Jahre alt. Ich wusste nicht, wie alt der Mann war, aber er sah älter aus als mein Vater. Alles, was ich wusste, war, dass er ein Bruder oder Verwandter meines Vaters war, da wir den gleichen Nachnamen trugen, er ist ebenfalls ein Bojang. Er hatte drei Frauen, und ich sollte die vierte werden. Und als sie mich zu dem Haus des Mannes brachten, gelang es ihnen, mich zu „entsiegeln“. Der Mann musste mit mir in Anwesenheit anderer Frauen schlafen. Denn ich beunruhigte sie, ich war stur und sagte, dass ich nicht vorhabe mit diesem Mann zu schlafen. Ich nannte ihn bei seinem Namen. Ich sagte ihm „Suleiman, du bist schlecht! Du bist frevelhaft, du musst von Sinnen sein. Möge der Donner deinen Hass gegen mich zünden.“ Ich beschimpfte ihn, ich verfluchte ihn und sagte „Gott wird dich strafen, du bist schlecht! Warum heiratest du nicht deine eigene Tochter statt mich?“

Drei Jahre bis zur Aufenthaltsgenehmigung

Ich hatte nie vorgehabt nach Deutschland zu gehen. Ich wollte einfach nur Schutz und Sicherheit. Die Leute, die mir geholfen haben auszureisen, hatten nie von einem bestimmten Land gesprochen. Der Priester erzählte mir, dass das Geld für die Reise von der Kirche bezahlt worden sei. Er sagte zu mir: „Wir helfen dir, an einen Ort zu kommen, wo du sicher bist, aber wir wissen nicht, wo das sein wird. Wir hoffen, dass es ein europäisches Land sein wird, kein afrikanisches, denn wenn es ein afrikanisches Land sein sollte, können diese Leute dich ausfindig machen.“

Hier in Deutschland ist es jetzt nicht weniger schwierig. Ich habe hier viele Frauen meiner Kultur und Tradition kennengelernt. Sie haben es ebenfalls durchgemacht, aber wenn ich ihnen sage, dass wir uns zusammentun müssen und darüber sprechen sollten, erklären sie mich für verrückt. Einige von ihnen brechen sogar den Kontakt zu mir ab. Obwohl sie nach Europa gekommen sind, verschließen sie dennoch ihre Augen. Sie befürchten nach wie vor den Tod, wenn sie darüber sprechen. Aus diesem Grund wende ich mich an Leute, die gewillt sind, sich für die Abschaffung dieser barbarischen Prozedur einzusetzen. Drei ganze Jahre dauerte es in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen zu bekommen. Zunächst hatten sie meinen Asylantrag abgelehnt, weil ich ihnen erzählt hatte, dass ich im Fernsehen war, aber kein Videoband als Beweis vorlegen konnte. Die Person, die meinen Asylantrag ablehnte, war eine Frau. Ich hatte nicht die Möglichkeit, diese Frau persönlich zu treffen, aber ich würde ihr gerne die Frage stellen, ob ihr an dem Wohlergehen anderer Frauen etwas liegt. Ich meine, wie kann ein 16 Jahre altes Mädchen, die ihr Leben bedroht sieht, wie kann ein so junges Mädchen in einer solchen Situation zu dem Fernsehsender gehen und nach dem Videoband fragen? Die Hauptaufgabe, die ich jetzt vor mir habe, ist es, den Kampf gegen die Genitalverstümmelung weiterzuführen. Die Vereinten Nationen und Menschenrechtsgruppen gehen bereits in mein Land und sensibilisieren die Menschen für die Realität von FGM. Und die Menschen fangen an zu verstehen, sie sagen „Ja! wir werden damit aufhören.“

Aber sobald diese Organisationen das Land wieder verlassen, fallen sie auf ihre Kultur und diese Tradition zurück und machen weiter wie zuvor. Mittlerweile wird es sogar schon an Kleinkindern durchgeführt. So wird es niemand erfahren, denn niemand wird einen auffordern, die Vagina des Babys zu zeigen. Frauen müssen sensibilisiert werden. Und ebenso die Männer, sie müssen genauso dafür sensibilisiert werden, was hier vor sich geht, denn viele sind ignorant und haben nicht die leiseste Ahnung, was da passiert. Die einzige Möglichkeit, dieser barbarischen Praxis ein Ende zu machen, ist Unterstützung. Wir brauchen die Unterstützung von anderen Menschen. Ich bitte jeden Menschen inständig dafür aktiv zu werden, zusammenzukommen und gemeinsam mit uns gegen diese radikale und schmerzvolle Tradition zu kämpfen.

Aus dem Englischen von Lydia Galonska.

Der Beitrag ist in einer deutlich ausführlicheren Version zuerst erschienen in: International Women Space (Hrsg.): In our own words. Refugee Women in Germany tell their stories / In unseren eigenen Worten. Geflüchtete Frauen in Deutschland erzählen von ihren Erfahrungen. Eigenverlag, Berlin 2015, 256 Seiten. Siehe auch die Rezension auf Seite 26 dieses Dossiers.

Bintou Bojang ist mit 17 Jahren als Asylsuchende aus Gambia nach Deutschland gekommen, wo sie seit gut drei Jahren lebt. Für den Kampf gegen FGM hat sie die Initiativen „Stop cutting our girls“ („Hört auf unsere Mädchen zu beschneiden“) und „A wounded girl will be wounded forever“ („Einmal ein verletztes Mädchen, immer ein verletztes Mädchen“) gegründet.

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Editorial

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