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Südlink 175 - März 2016

Flucht und Migration - Afrikanische Perspektiven

Editorial

von Michael Krämer und Karenina Schröder

Liebe Leserin, lieber Leser,

mehr als sechzig Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, Tendenz steigend. Nur ein geringer Teil von ihnen versucht nach Europa zu kommen. Doch die reiche EU grenzt sich ab und setzt mehr und mehr auf Abschottung. Auch Deutschland, das im vergangenen Jahr noch vergleichsweise viele Geflüchtete aufgenommen hat, erschwert den Zugang und schränkt das Menschenrecht auf Asyl immer weiter ein. Zugleich wachsen Hetze und Gewalt gegen all jene, die sich hier vor Krieg, Verfolgung und Hunger in Sicherheit zu bringen versuchen. Doch anstatt konsequent gegen den rechten Mob vorzugehen, wird in der Politik vor allem darüber diskutiert, wie Fluchtwege weiter erschwert werden können.

Kaum noch wird darüber gesprochen, weshalb die Menschen sich eigentlich gezwungen sehen, ihr Land zu verlassen. Vor allem Menschen aus Afrika können in Europa kaum mit Empathie rechnen. Dabei sind einige der Fluchtursachen, welche die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, direkt aus Europa importiert: Rüstungsexporte heizen bewaffnete Konflikte an, Ölkonzerne verwüsten ganze Regionen und der subventionierte Export von Fleisch zerstört lokale bäuerliche Ökonomien.

Wer spricht schon darüber, dass sieben der fünfzehn neuen Konflikte seit 2010 in Afrika liegen? Nicht von ungefähr kommt ein Drittel der weltweit Geflüchteten aus diesem Kontinent, und flieht zumeist, nicht zu vergessen, in ein afrikanisches Nachbarland.
Migration ist seit jeher ein fester Bestandteil afrikanischer Gesellschaften. Viele verlassen ihre Gemeinden für eine gewisse Zeit, und in manchen Kulturen ist sie ein emanzipatorischer Akt, wie es Tidiane Kassé in seinem Einleitungsbeitrag zu diesem Dossier beschreibt: In die Ferne zu gehen gehört zum Erwachsenwerden, und wer zurückkehrt, bereichert die Seinen mit dem Wissen, „das man in einer anderen Welt erlangt hat“.

Legale Migration aus Afrika nach Europa ist heute jedoch kaum noch möglich. Dabei leistet diese zum Beispiel über die Rücküberweisungen in die Herkunftsländer, die etwa dreimal so hoch sind wie die offizielle Entwicklungshilfe, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der heimischen Gesellschaften.

Die Abschottungspolitik verhindert aber auch, dass Menschen, die es nach Europa geschafft haben, nach einiger Zeit wieder zurückkehren. Denn wer weiß schon, ob er oder sie es ein zweites Mal nach Europa schaffen würde. Dieses erzwungene Ende der „zirkulären Migration“ schafft neue Dramen und Krisen in vielen afrikanischen Ländern. Indem Migration als Prinzip des Gebens und Nehmens behindert wird, so Alassane Dicko, entsteht aus „einer zyklischen Bewegung ein Zyklus der tödlichen Bewegung“.

Dieses Dossier hat die Südlink-Redaktion gemeinsam mit AfricAvenir erarbeitet. Wir freuen uns sehr, dass wir in dieser Ausgabe so viele Stimmen aus Afrika versammeln konnten – die, da sind wir uns sicher, zu einem tieferen Verständnis von Flucht und Migration beitragen.

Eine erhellende Lektüre wünschen Ihnen

Michael Krämer und Karenina Schröder

Weitere Artikel aus dem Heft:

Tidiane Kassé: Afrika und die Dramen der Migration. Die Migrationsbewegung nach Europa wird niemals aufhören

Bintou Bojang: „Ich habe darüber gesprochen“ In Gambia und anderen afrikanischen Ländern ist weibliche Genitalverstümmelung ein Fluchtgrund. Nur wenige trauen sich, dagegen anzugehen. Eine von ihnen ist Bintou Bojang

Peter Donatus: Ökozid im Nigerdelta. Westliche Rohstoffpolitik ist in Nigeria eine Ursache für Flucht und Migration.

„Die Leute werden wieder politischer“. Pegida sollte nicht mehr in Dresdens Innenstadt demonstrieren dürfen, fordert Claudia Greifenhahn. Im Internet wird sie dafür angefeindet. Ein Gespräch mit der Geschäftsführerin des LadenCafés aha in Dresden

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