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Südlink 175 - März 2016

Flucht und Migration - Afrikanische Perspektiven

„Die Leute werden wieder politischer“

Pegida sollte nicht mehr in Dresdens Innenstadt demonstrieren dürfen, fordert Claudia Greifenhahn. Im Internet wird sie dafür angefeindet.

Ein Gespräch mit der Geschäftsführerin des LadenCafés aha in Dresden

Du hast im November in einem Brief an Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) gefordert, die montäglichen Pegida-Demonstrationen aus der Dresdner Innenstadt zu verbannen. Warum?

Wir haben seit einem Jahr ein riesiges Problem. Montag für Montag ist die Innenstadt lahmgelegt, weil es Menschen gibt, die ihren Frust auf die Straße tragen. Das ist zwar generell begrüßenswert, in diesem Fall aber werden ausgrenzende, erniedrigende und Angst machende Gedanken auf die Straße gebrachte. Das kann ich so nicht länger ertragen.

Es fahren gegen Abend keine Straßenbahnen mehr in der Stadt, die Zufahrtsstraßen werden abgesperrt, damit die wütenden Bürger über die Hauptstraße spazieren können – und so kommt es, dass die Dresdner*innen die Innenstadt großräumig meiden. Das ist für ein Geschäft wie unseres sehr schwierig, denn wir leben nicht von Zuschüssen, sondern von Umsätzen, die montags ausbleiben. Touristen wiederum bleiben weg, weil in der ganzen Welt Bilder von Dresden gezeigt werden, auf denen Menschen lautstark Ängste formulieren, ohne sinnvolle Lösungen anzubieten. Diese Ängste schüren weitere Ängste.

Wie hat der Oberbürgermeister auf den Brief reagiert?

Ich habe weder eine Eingangsbestätigung noch eine Antwort bekommen. Allerdings waren wir beide bei einem ersten „Bürgerdialog“ in der Kreuzkirche. Dort sagte er deutlich, dass er nichts unternehmen werde, was gegen das Versammlungsrecht verstößt. Das habe ich dann mal als Antwort genommen.

Nach zwei Wochen hast du den Brief auf deiner Facebook-Seite veröffentlicht. Es kamen viele positive Reaktionen. Auf einer rechten Internetseite wurde aber auch zu einem Brandanschlag gegen den Weltladen in der Kreuzstraße aufgerufen. Hast du mit so einer Reaktion gerechnet?

Ich habe nicht damit gerechnet, dass der – eigentlich eher harmlose – Brief solche Kreise zieht. Ansonsten muss man immer davon ausgehen, dass es sehr schmerzliche und angstschürende Reaktionen gibt, wenn man solche Schreiben im Internet veröffentlicht. Die verbale Gewalt in diesem Medium hat so sehr zugenommen, dass mich nichts mehr wundert.

Seit vielen Jahren stehen der Weltladen, das LadenCafé und viele andere Initiativen für ein weltoffenes und buntes Dresden. Heute wird das Bild Dresdens in der deutschen Öffentlichkeit von den fremdenfeindlichen und rassistischen Pegida-Aufmärschen geprägt. Warum ist Pegida in Dresden so stark?

Die Ursachen dafür suchen inzwischen unzählige Leute und Institutionen. Es gibt sicher keine einfache Antwort darauf, dann könnte man ja auch einfach reagieren. Ich denke schon, dass die jahrelange Abwesenheit von Menschen aus anderen Ländern dazu geführt hat, dass die Ängste vor ihnen riesengroß werden. Gleichzeitig machen sich seit Jahren rechtsorientierte Gruppierungen in Sachsen breit – und finden genügend Mitstreiter*innen, die etwas gegen ihr Gefühl tun wollen, ungerecht behandelt zu werden. Die Überheblichkeit, dass „mir Dinge zustehen, weil ich hier geboren bin“ und die Angst, dass „Fremde mir das wegnehmen, was eigentlich mir zusteht“, sind weit verbreitet. Die Politik wird dafür verantwortlich gemacht, dass man selbst nicht das bekommt, was man glaubt, bekommen zu müssen.

Auffällig ist, dass die Polizei und viele Politiker gerade in Dresden beziehungsweise in Sachsen vor allem die linke Szene als gewalttätig und provokativ beschreiben und seit Jahren rechtsorientierte Demonstrationen zulassen. Damit werden Rassismus und Ausgrenzung straßentauglich gemacht. Dresden hält sich formal an das Recht und lässt die Moral außen vor.
Und alle anderen müssen das eigene Leben Woche für Woche mühsam den Pegida-Demos unterordnen. Ich habe montags immer Chorprobe und war wochenlang zerrissen, ob ich nun zur Probe oder zur Gegendemo gehe. Als es montags nicht aufhörte, habe ich mich für die Probe entschieden. Das ist vielleicht moralisch schlecht, aber es ist gleichzeitig so unsinnig, von der Polizei abgedrängt auf einem Platz zu stehen und sich von den Pegidisten auslachen zu lassen, weil wir Gutmenschen ja ohnehin „Weicheier“ seien.

Sind Menschen, die zu den Pegida-Demonstrationen gehen, überhaupt noch ansprechbar für rationale Argumentationen?

Da gibt es solche und solche. Im Internet zu diskutieren, ist meistens unsinnig, da dort niemand dem anderen zuhört. In Dresden-Prohlis (Neubaugebiet und sozialer Brennpunkt; Anm. der Red.) gab es den Versuch, vor dem Bezug einer Schule durch Flüchtlinge mit den „verängstigten Anwohner*innen“ in einen Dialog zu treten. Das ging völlig daneben und die Initative „Prohlis ist bunt“ wurde niedergeschrien und mit Kastanien beworfen. Zu den von der Landeszentrale für politische Bildung und anderen organisierten Gesprächsforen kommen allerdings durchaus auch Leute, die bereit sind, Argumente auszutauschen und sogar zuzuhören. Ich denke, hier ist einiges möglich.

Und was bedeutet dies für die Nord-Süd-Arbeit in Dresden? Findet ihr gegenüber den Hassparolen von Pegida noch Gehör in der Öffentlichkeit?

Dresden ist nicht nur Pegida. Zurzeit „spazieren“ montags regelmäßig etwa 4.000 bis 5.000 Pegidisten durch die Innenstadt. Viele von ihnen sind nicht aus Dresden, sie kommen aus dem Umland und zeigen das auch. Wir haben aber 500.000 Einwohner*innen und ganz viele von „uns“ engagieren sich, fragen nach, gründen Initiativen, bieten Veranstaltungen an, kommen ins Gespräch, arbeiten an der Basis. Es ist etwas Verrücktes passiert: Angesichts der verbalen Entgleisungen an den Montagen müssen Menschen sich positionieren – an ihren Arbeitsstellen, in ihren Freundeskreisen, in ihren Familien. Und viele diskutieren nicht, sie engagieren sich.

Wir haben in den letzten drei Monaten die Ausstellung „Frauen auf der Flucht“ gezeigt und darum herum ein sehr buntes Rahmenprogramm gestrickt. In Zusammenarbeit mit den verschiedensten Gruppen in Dresden ist daraus eine gute Veranstaltungsreihe geworden, die auch von Menschen besucht worden ist, die wir davor noch kaum erreicht hatten. Das ist doch positiv! Die Leute werden wieder politischer. Sie denken auch laut. Und fragen mehr nach. Es wäre unsinnig, Pegida dafür zu danken, aber Pegida hat auf jeden Fall die Diskussionsfreude angefacht.

Und wie arbeitet ihr zu den Themen Flucht und Migration? Könnt ihr da etwas erreichen?

In Dresden gibt es inzwischen unzählige Ideen, die auch umgesetzt werden. „Paradiesisch musizieren“ zum Beispiel, eine Idee der Evangelischen Hochschule Dresden, bei der In- und Ausländer*innen nicht nur miteinander musizieren, sondern sich auch gegenseitig Unterricht erteilen. Es gibt internationale Cafés und Begegnungszentren, Ausstellungen, Vorträge, Diskussionen, Begegnungen, Tandem-Partner-Börsen, auch offizielle, Deutschkurse in kleinem und großem Rahmen und Wohnungspartnerschaften. Wir sind ja ohnehin nah an den Themen, da das Ökumenische Informationszentrum bei uns im Haus ja auch die Ausländerberatungsstelle Cabana betreibt. Wir bieten seit Jahren Veranstaltungen auch zu Fluchtursachen an – das wird höchstens mehr, aber keinesfalls eingestellt.

Wer kommt zu euren Veranstaltungen?

Das ist sehr unterschiedlich. Die Gruppe der Interessent*innen wächst, aber wir erreichen immer noch vor allem diejenigen, die sich ohnehin mit diesen Themen auseinandersetzen. Deshalb ist es wichtig, dass wir selbst auch andere Veranstaltungen wahrnehmen, um größer zu denken und neue Kontakte zu knüpfen.

Seit einigen Monaten schon berichtet die Dresdner INKOTA-Kollegin davon, dass die Haltung gegenüber Ausländer*innen immer feindseliger und aggressiver wird. Seit den Übergriffen gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten hat sich die Haltung zum Thema Flucht und Migration ja in ganz Deutschland deutlich verändert. Auch Politiker*innen der Regierungsparteien machen inzwischen unverhohlen Stimmung vor allem gegen Muslime, die nach Deutschland geflohen sind. Flucht und Migration wird heute in weiten Teilen der Öffentlichkeit vor allem als Problem wahrgenommen. Wie sind da eure Erfahrungen in Dresden?

Das ist hier nicht anders. Dann heißt es, dass die Frauenkirche eine Moschee wird und wir Frauen ab morgen immer ein Kopftuch tragen müssten. Und dass unsere Männer uns beschützen müssten, weil wir sonst unablässig vergewaltigt würden. Diese merkwürdigen Gedanken haben sich offensichtlich in vielen festgesetzt. Aber es gibt in Dresden zum Beispiel auch einen Trialog der Religionen. Bei der letzten Veranstaltung haben alle drei Referenten – ein Jude, ein Muslim und ein Christ – überraschenderweise dieselbe Geschichte zitiert. Gastfreundschaft – wird in Bibel, Koran und Thora fast wörtlich gleich beschrieben. Das war eine große Erkenntnis.

Zu DDR-Zeiten gab es vier Prozent Katholiken und elf Prozent Protestanten. Niemand hatte damals Angst davor, zwangsgetauft zu werden. Heute haben wir weniger als ein Prozent Muslime, und viele glauben, diese Religion sei so stark, dass sie sich durchsetzt. Das ist schon absurd und zeigt, wie wenig viele an ihre eigene Kraft glauben.

Noch einmal zurück zum Bild Dresdens und Ostdeutschlands insgesamt in der bundesdeutschen Öffentlichkeit: Was empfindest du, wenn PolitikerInnen und JournalistInnen den Osten heute pauschal als fremdenfeindlich abtun und das Pegida-Phänomen nutzen, um den Westen als das bessere Deutschland zu präsentieren?

Es scheint ja so zu sein, dass die „Ossis“ irgendwie hinterm Mond leben und nicht begreifen wollen, dass sich die Welt verändert. Zumindest wird dieses Bild gezeichnet. Und vielleicht gibt es hier wirklich mehr verängstigte und frustrierte Menschen, vor allem außerhalb der großen Städte, die ganz deutlich den Eindruck haben, nicht ernst genommen zu werden. Ich glaube aber, dass das außerhalb westdeutscher Städte nicht anders ist. Die Frage ist sehr politisch – und zeigt eigentlich, dass diese Polarisierung offensichtlich gewollt ist. Aber es gibt viele, die offen sind und neugierig. Sowohl hier als auch dort. Pauschalisierungen habe ich schon immer als eine Zumutung wahrgenommen.

Das Interview führte Michael Krämer Ende Januar.

Claudia Greifenhahn ist Geschäftsführerin des LadenCafés aha in der Kreuzstraße 7 in Dresden, einer Mitgliedsgruppe des INKOTA-netzwerks.

 

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