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Südlink 176 - Juni 2016

Körper und Politik - Einverleibte Macht und gelebte Widerstände

Editorial

von Nana Heidhues

Liebe Leser*innen,
beginnen wir mit einer guten Nachricht: Nach mehr als vier Jahren Haft ist María Teresa Rivera aus El Salvador endlich frei. Sie war nach einer Fehlgeburt 2012 wegen Mordes zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das zentralamerikanische Land hat eines der repressivsten Gesetze weltweit und erlaubt Abtreibung unter keinen Umständen. Zahlreiche Frauen sind wegen Abtreibungen oder Fehlgeburten in Haft.

Die salvadorianische Feministin Morena Herrera sieht in der Disziplinierung weiblicher Körper durch den Staat ein Kalkül, das nicht nur ideologisch, sondern auch ökonomisch motiviert ist. Dies ist eines von vielen Beispielen für patriarchale Körperpolitiken überall auf der Welt und dafür, wie – oft männliche – politische Machthaber versuchen, Kontrolle über die Körper von Menschen – oft Frauen* – auszuüben.

Dem Körper als Ort des Politischen, als Ort von Machtausübung und Widerstand, widmet sich das Dossier in diesem Südlink. Dabei werfen wir auch einen Blick in die Vergangenheit. Denn die Beherrschung und Klassifizierung von Körpern hat eine lange Geschichte und ist Teil des noch immer unaufgearbeiteten Erbes des europäischen Imperialismus. Heutige Körperpolitiken haben ihre Wurzeln in einem von Sexismus und Rassismus durchzogenen Blick auf Körper, der maßgeblich durch Kirche und Kolonialherrschaft etabliert wurde.

In der Kolonialzeit gewann die Abwertung von ‚schwarzen‘ gegenüber ‚weißen‘ Körpern an Bedeutung, diente sie doch dazu, die brutale koloniale Ausbeutung und Versklavung zu rechtfertigen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen aus den Kolonien in Europa in Völkerschauen oder Kuriositäten-Kabinetten ausgestellt und von Schaulustigen begafft. Pseudo-wissenschaftliche „Rassetheorien“ trugen dazu bei, die Vorstellung von der Minderwertigkeit bestimmter Menschengruppen aufgrund ihrer körperlichen Merkmale zu verfestigen. Die Vermessung und Konservierung von Körperteilen als wissenschaftliche Untersuchungsobjekte hatte zur Zeit des Kolonialismus und später im Nationalsozialismus Hochkonjunktur. Noch heute liegen in europäischen Museen Tausende von geraubten Schädeln und Gebeinen, und die zähen Debatten um Rückgabeforderungen aus ehemaligen Kolonialgebieten dauern auch in Deutschland an.

Die Kontrolle und Abwertung bestimmter Körper, die nicht der jeweiligen Norm entsprechen, hat konkrete Auswirkungen. Das zeigt sich in rassistischen Alltagsstereotypen ebenso wie in repressiver Abtreibungspolitik oder der Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen. Der menschliche Körper ist die kleinste Einheit politischer Machtausübung – aber auch die kleinste Einheit widerständigen Handelns –, feministische Aktionen für körperliche Selbstbestimmung überall auf der Welt machen dies ebenso deutlich wie die aktuelle Black-Lives-Matter-Bewegung gegen rassistische Polizeigewalt in den USA. Unsere Körper sind immer auch der Ausgangspunkt dafür, sich von Zuschreibungen und gewaltvollen Normen zu befreien. Auch hiervon erzählt unser Dossier.

Eine inspirierende Lektüre wünscht Ihnen
Nana Heidhues