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Südlink 176 - Juni 2016

Körper und Politik - Einverleibte Macht und gelebte Widerstände

Körper unter staatlicher Kontrolle

Sexarbeit als Überlebensstrategie zentralamerikanischer Migrantinnen in Mexiko

von Laura Aguirre

Tag für Tag überqueren hunderte Zentralamerikaner*innen die Grenze zwischen Guatemala und Mexiko. Viele der Frauen, um als Sexarbeiterinnen durchzukommen. Nicht wenige von ihnen werden Opfer von Frauenhandel. Die mexikanischen Gesetze gegen Frauenhandel dienen allerdings häufig eher der Kontrolle als dem Schutz der Frauen.

Eines Tages hatte Coni die Chance, ihr Dasein als Migrantin ohne gültige Papiere in Mexiko zu beenden. Sie erfüllte sämtliche Voraussetzungen, um als Geflüchtete anerkannt zu werden. An einem Tag im Jahr 2012 war sie mit nichts als den Klamotten am Leib aus San Pedro Sula in Honduras geflohen. Die Jugendbande, die ihr Viertel kontrollierte, war wegen 18.000 Lempira Schulden (etwa 700 Euro; Anm. der Red.) hinter ihr her. Diesen Schuldbetrag hatte sie von ihrer Schwester „geerbt“, nachdem sie sie ermordet hatten. In ihr Land konnte Coni nicht zurückkehren. Aber sie verlor nicht die Hoffnung, eines Tages ihre Tochter und ihre Schwestern wiederzusehen, die in Honduras geblieben waren.

Wäre sie offiziell als Geflüchtete anerkannt worden, wäre dies vielleicht möglich gewesen. Coni hätte legal in Mexiko bleiben können, und der Staat würde sie dabei unterstützen eine Wohnung und Arbeit zu finden. Womöglich hätte sie dann auch ihre Tochter nachholen können. Doch es kam anders. Im letzten Moment entschied sie sich, nicht zu der Anhörung zu erscheinen, die ihr diese Tür ganz offiziell geöffnet hätte.

Ich habe Coni Anfang 2013 in einer Ortschaft in Südmexiko kennengelernt. Gerade 22 Jahre alt geworden, arbeitete sie in einer der vielen Bars entlang der Grenze zu Guatemala, in denen sich zentralamerikanische Migrantinnen prostituieren. Ihre Kolleginnen überzeugten sie, nicht zu der Anhörung zu erscheinen. Sie warnten sie, dass sie ansonsten nicht mehr arbeiten dürfe, da die Behörden dies nicht erlauben würden. Schlimmer noch, erzählten sie ihr, es gebe Orte, an denen sie die Frauen einsperrten, die legale Papiere beantragten. Dort könnte auch sie letztlich enden.

„Sie sagen, dass sie ihnen einen Schlafplatz und essen geben würden, aber man immer bewacht würde und nicht weggehen dürfe, wann man wolle“, sagte Coni. „Stellt euch vor, ich könnte nicht mehr arbeiten. Wie soll ich dann meiner Tochter und meinen Schwestern Geld schicken? Gibt es diese Orte wirklich?”, fragte sie mich.
Zunächst wusste ich nicht, was ich ihr antworten sollte. Ich hatte keine Ahnung, von welchen Orten sie sprach. Dann verstand ich, was sie meinte. Sie hatte Angst, dass die Behörden sie in eine dieser Herbergen für die Opfer von Frauenhandel brächten.

Die Angst vor den Gesetzen
Chiapas ist für Zentralamerikaner*innen, die keine gültigen Papiere haben, das Tor nach Mexiko. Seit Jahren hat der südmexikanische Bundesstaat den Ruf, die Gleichung „Frau + Migrantin + illegal + Prostituierte = Opfer von Frauenhandel“ zu unterfüttern. Aber gleichzeitig wird Chiapas für sein Engagement gegen dieses Delikt anerkannt. Im Jahr 2009 stellte der Bundesstaat gemäß dem Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität (Konvention von Palermo) den Menschenhandel unter Strafe. Seitdem hat Chiapas mehr Strafurteile erwirkt als andere Bundesstaaten, vor allem im Bereich der sexuellen Ausbeutung.

Warum also lehnen die Prostituierten die Rettung und den Schutz des Staates ab oder fliehen davor? In der Praxis dient das Gesetz, das angeblich die Menschenrechte dieser Frauen garantieren soll, als ein Kontrollinstrument. Es dient vor allem dazu, die Frauen aufzuspüren, festzunehmen und in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken.

Der Jahresbericht über Menschenhandel des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) von 2014 besagt, dass dieses Delikt praktisch in allen Ländern vorkommt, und vor allem Frauen und Mädchen betroffen sind, um sie sexuell auszubeuten. Da illegale Migration im Verborgenen stattfindet, kann die Anzahl der Migrantinnen allerdings nur schwer ermittelt werden. Auch ist es schwierig zu unterscheiden, wer sich von ihnen selbst dazu entschlossen hat, in der Sexindustrie zu arbeiten, wer andere Aktivitäten ausübt und wer zur Sexarbeit gezwungen worden ist.

Laut der von der mexikanischen Regierung durchgeführten „Umfrage über Migration und sexuelle und reproduktive Gesundheit an der mexikanisch-guatemaltekischen Grenze“ aus den Jahren 2009-2010, stammten in dem entsprechenden Zeitraum 68,5 Prozent der im Sexgewerbe Beschäftigten aus zentralamerikanischen Ländern. Jeweils knapp 40 Prozent von ihnen kamen aus Honduras und Guatemala, 16 Prozent aus El Salvador, fünf Prozent aus Nicaragua und ein Prozent aus Panama. Die Anwesenheit der Zentralamerikanerinnen ist offensichtlich, denn die Prostitution entlang der chiapanekischen Grenze findet nicht im Verborgenen statt. Die Frauen werden nicht in Bars gesteckt, die als normale Wohnhäuser getarnt werden. Und sie werden auch nicht in abgelegenen Kellern versteckt. Das ist nicht nötig. Die Sexarbeiterinnen bewegen sich überall, sie arbeiten bei Tageslicht und im Schein der nächtlichen Laternen. So wie zwölf weitere mexikanische Staaten reguliert der Bundestaat Chiapas die Prostitution.

Die meisten Sexarbeiterinnen fühlen sich nicht als Opfer

Diese Reglementierung, die Nicht-Anerkennung dieser Tätigkeit als Arbeit und die Bestrafung des Menschenhandels bilden den rechtlichen Rahmen, in dem sich die Migrantinnen im Sexgewerbe bewegen. Es ist ein Graubereich, in dem sie nur wenige Rechte geltend machen können. Die Behörden können in den Prostituieren sowohl Opfer sehen, die es zu retten, als auch eine Bedrohung, die es zu kontrollieren gilt.

Die Prostituierten gelten als Gefahr für die öffentliche Gesundheit und die Moral. Sie können aber ihrer Arbeit nachgehen, solange sie bestimmte Regeln einhalten: Sie müssen in Rotlichtvierteln, Bars oder Nachtclubs arbeiten, sich regelmäßig gynäkologisch untersuchen lassen und immer eine von den Gesundheitsbehörden ausgestellte Bescheinigung bei sich tragen, die ihnen bestätigt, gesund zu sein.

Wenn sie diesen Verpflichtungen nicht nachkommen, können sie festgenommen, bestraft und abgeschoben werden. Doch wenn eine Frau als Opfer von Frauenhandel betrachtet wird, besteht das prinzipielle Interesse des Staates darin, sie zu retten, aus dem Sexgewerbe herauszuholen und mit Glück auch die Mafiosi zu verhaften. Um Frauen- und Mädchenhändler in flagranti zu erwischen, führt der Staat in den Rotlichtzonen Razzien durch.

Auch wenn im öffentlichen Diskurs niemand bestreitet, dass die meisten Frauen und Mädchen unter falschen Versprechungen zur Prostitution kamen und dort unter Zwang arbeiten, muss dies jeweils vor einem Richter bewiesen werden. Dies ist jedoch nicht einfach, da die Frauen sich nicht als Opfer fühlen und in den meisten Fällen ins Sexgewerbe zurückkehren. „Sie fühlen sich niemals als Opfer. Keine von ihnen, keine einzige. Das war in allen Fällen so, in denen wir bisher Frauen gerettet haben“, erklärte mir ein Staatsanwalt.

Dass sie sich nicht als Opfer fühlen, heißt aber nicht, dass die Frauen die Risiken und die Marginalisierung, die sie erleben, um als Prostituierte zu arbeiten, nicht kennen würden. Vielmehr bedeutet es, dass ihr Leben und die Entscheidungen, die sie treffen, derart komplex sind, dass sie nicht in die vereinfachte Kategorie „Opfer“ passen (passive und unschuldige Frau, die selbst zu keiner Handlung in der Lage ist und der Rettung und des Schutzes bedarf).

Eine Entscheidung oder Wahl zu treffen ist ein komplizierter Prozess, in dem die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Kontexte sowie Fragen der Klasse, Hautfarbe und Nationalität eine Rolle spielen. Genauso wie bei anderen Frauen, die feminisierten und prekären Tätigkeiten nachgehen, geht es nicht um Selbstverwirklichung, wenn sich Sexarbeiterinnen für diese Arbeit entscheiden. Vielmehr sehen sie Sexarbeit als die beste der wenigen Optionen an, zu denen sie Zugang haben.

Angesichts dieser Schwierigkeiten und um den Erfolg ihrer Rettungsaktionen sicherzustellen, konzentrieren sich die Behörden auf die „Mädchen“ (zumeist Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren). Diese haben keine Stimme, es zählt nicht, was sie sagen. Da sie minderjährig sind, sind sie laut Gesetz nicht in der Lage, über ihr Leben selbst zu entscheiden.

Nach ihrer „Befreiung“ werden die geretteten Minderjährigen zu wichtigen Zeuginnen in den Gerichtsprozessen. Ob sie in Mexiko bleiben dürfen, hängt häufig davon ab, wie gut sie mit den Behörden zusammenarbeiten. Sie leben fortan in speziellen, als Schutzhäuser bezeichneten Herbergen. Außer dem Staatsanwalt kennen nur wenige Personen deren Standort. Die Frauen dürfen diese Orte nur mit Begleitschutz verlassen und Telefonate oder Besuch nur eingeschränkt oder gar nicht empfangen. All diese Maßnahmen dienen offiziell dem Schutz der Opfer, selbst wenn sie nicht mit dem Gesetz in Einklang stehen.

„Vor ein paar Jahren schickten die Zuhälter Anwälte, die die Mädchen aufsuchten und schlecht von uns sprachen“, erzählt der Staatsanwalt. „Als wir das mitbekamen, entschieden wir, die Mädchen in einer Herberge unterzubringen, auch wenn dies gegen ihren Willen geschieht und ein wenig jenseits des Gesetzes liegt. Sie sind dort praktisch entführt, damit sie sich nicht mit den Anwälten oder ihren Familien treffen können, denn die drehen die Mädchen um. Sie schickten uns sogar Menschenrechtsorganisationen auf den Hals.“

Aus Sicht der Behörden sind diese den Frauen nichts mehr schuldig, sobald sie sie aus der Prostitution geholt haben. Doch dies löst bei weitem nicht deren Probleme und Bedürfnisse. Dass Migrantinnen im Sexgewerbe landen und dort verbleiben, liegt an sozialen Strukturen, die ihnen den Zugang zu Ressourcen und sozialem Kapital vorenthalten. Keine von den Frauen, die ich kennengelernt habe, wollte ihr ganzes Leben lang eine Prostituierte sein. Für sie war es eine vorübergehende Tätigkeit, aber unter den ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten die beste, um sich und ihren Angehörigen ein „besseres Leben“ zu ermöglichen.

„Gerettet zu werden“ bedeutet keine Arbeit und kein Geld mehr zu haben
Deshalb fliehen die Frauen und verstecken sich vor den Behörden, selbst wenn ihre Arbeitsbedingungen prekär und gefährlich sind. „Gerettet zu werden“ bedeutet für sie zuallererst, keine Arbeit und kein Geld mehr zu haben, um ihre Familien zu ernähren. Aber auch, ihrer Freiheit beraubt zu werden, Strafen zahlen zu müssen und in vielen Fällen gezwungen zu werden, in ihre Ursprungsländer zurückzukehren. Sich als Opfer anzuerkennen ist auch keine Garantie dafür, eine Aufenthalts- und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und sich frei bewegen zu können.

Im Februar 2014, fast ein Jahr nachdem wir uns das letzte Mal gesehen haben, kontaktierte mich Coni auf Facebook. Sie erzählte mir per Chat, dass sie sich in einem sonnigen Teil der USA befinde. Sie hatte sich einen Schleuser als Freund zugelegt, mit dem sie die mexikanische Nordgrenze überquerte und der sie bis zum Haus ihrer Verwandten brachte. Derselbe Freund brachte ihr später ihre Tochter und ihren Neffen. Später heiratete sie einen US-Amerikaner und ist nun dabei, ihre Papiere zu legalisieren. Coni dankte Gott. Aus ihrer Sicht hat sie die richtige Entscheidung getroffen, auf illegale und risikoreiche, aber sicherere Methoden zu setzen, um ihren Traum zu verwirklichen, in Ruhe und ohne Angst leben zu können.

Aus dem Spanischen von Tobias Lambert.

Laura Aguirre kommt aus El Salvador, arbeitet als freie Journalistin und promoviert am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin.