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Südlink 176 - Juni 2016

Körper und Politik - Einverleibte Macht und gelebte Widerstände

Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Macht des Sehens: Körperpolitik ist eng mit der Klassifizierung von Menschen anhand körperlicher Merkmale verknüpft. Die hat eine lange Geschichte – und wirkt bis heute.

von Lina Render de Barros

Die Klassifizierung und Bewertung von Körpern gewann besonders in der Kolonialzeit eine wichtige Bedeutung für die Machtausübung. Rassistische Politiken, die sich an Körpern orientierten, wurden gestärkt, da sie die Ausbeutung bestimmter Bevölkerungsgruppen scheinbar legitimierten. Ihre machtvolle Wirkung setzt sich bis heute fort: In Gewalt gegen Menschen, die anhand ihrer Körper bestimmten Gruppen zugerechnet werden, in globalen Unrechtsverhältnissen – und in unserem Blick.

Im Februar dieses Jahres mussten sich Fans der Sängerin Beyoncé gleich von zwei Schocks erholen: Zunächst sorgte ihr Musikvideo „Formation“ für Aufregung, in dem sich Beyoncé mit klaren Worten Schwarz positioniert: „My daddy Alabama, Momma Louisiana / You mix that negro with that Creole make a Texas bama / I like my baby heir with baby hair and afros / I like my negro nose with Jackson Five nostrils / Earned all this money but they never take the country out me.“

Gleich darauf zeigte sie beim Superbowl, einem der wichtigsten Sportereignisse der USA, eine Performance des Songs, die in Kostümen und Choreographie klare Referenzen zur Schwarzen Widerstandsbewegung Black Panther aufwies. Die sozialen Netzwerke sprudelten unter #BoycottBeyonce und #SupportBeyonce empörte wie begeisterte Kommentare aus. Im Netz tauchten Videos von People of Color (PoC)1 auf, die sich ironisch mit dieser medial deutlich gewordenen Form von Color Blindness2 auseinandersetzten.

Beyoncé, Black-Lives-Matter und Baartman
Die TV-Show Saturday Night Life veröffentlichte das Satirevideo „The Night Beyoncé Turned Black“, das sich sofort viral verbreitete: Es zeigt apokalyptische Szenen, in denen weiße US-amerikanische Fans durch den Schock über die „Entdeckung“ von Beyoncés Blackness in Panik geraten. „Formation“ wird als ihr politischster Titel gefeiert, und so politisch wie ihre Selbstpositionierung sind in dem Video auch die deutlichen Bezüge zur Black-is-Beautiful-Bewegung der 1960er Jahre und zur aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung gegen rassistische Polizeigewalt.

Noch vor dem Streit um „Formation“, Beyoncé und ihr Bekenntnis zu Befreiungsbewegungen hatte es in diesem Jahr bereits Wirbel um die Sängerin gegeben, der ebenfalls von einem sehr politischen, jedoch weniger diskutierten Thema handelt – und auch hier ging es um Blackness und Körper: Es waren Gerüchte laut geworden, dass Beyoncé die Hauptrolle in einem Film über Saartjie „Sarah“ Baartman spielen solle, die im 19. Jahrhundert aus Südafrika nach Europa verschleppt wurde. Aus Südafrika und den USA kamen Stimmen, die anführten, Beyoncé eigne sich Geschichten an, die nicht ihre seien.

Baartman war eine Angehörige der Khoi, einer Bevölkerungsgruppe, die von europäischen Unterdrückern als Hottentotten bezeichnet wurde. Aufgrund kolonialrassistischer Vorstellungen von Körpern und sexistischer Sexualphantasien wurde Bartmaan als Objekt fetischisiert und exotisiert. Als „Hottentotten-Venus“ wurde sie in London und Paris wie ein Tier ausgestellt. Dank ihrer großen Berühmtheit zu Lebzeiten und über ihren Tod hinaus ist der Fall Baartman gut dokumentiert und gilt heute als eines der bekanntesten Beispiele kolonialrassistischer Körperpolitik.

Zahlreiche, zum Teil voyeuristische Zeichnungen in angeblich naturwissenschaftlicher „Neutralität“ zeigen Baartman und einzelne ihrer Körperteile. Kritische oder satirische Auseinandersetzungen, die weniger Baartman selbst, als den Voyeurismus der Schaulustigen zum Thema machen, sind selten. In der Ausstellung von Baartmans Köper, die auch Jahrzehnte nach ihrem Tod weitergeführt wurde – 1974 endete die Präsentation ihrer sterblichen Überreste und erst 2002 konnte sie in Südafrika beerdigt werden –, zeigt sich nicht in erster Linie die Faszination für ihre Körperformen, sondern vor allem die Stellung Schwarzer Menschen, Schwarzer Frauen in Europa. Das Anstarren von Menschen in sogenannten „Völkerschauen“, menschlichen Zoos, wie im Tierpark Hagenbeck in Hamburg, war bei Deutschen beliebt, den Gewinn machten weiße Kolonialherren, Zirkusdirektoren und Forscher.

Eine Wissenschaft für sich: Das Sehen

Dass sich die Fetischisierung oder Abwertung bestimmter körperlicher Merkmale und der damit verbundene Prozess des Anderns (engl. Othering) – also der Markierung dessen, was als „normal“ und was als „anders“ zu gelten hat – nicht allein auf Hautfarbe bezog, zeigt noch ein weiteres Beispiel aus Europa: Die Darstellung von Körpern irischer Menschen während der Diskussionen um die „Home Rule“, die „autonome Selbstverwaltung“ Irlands.

Der Unabhängigkeitskrieg (1919-21) gegen die britische Besetzung, der vor allem aus dem Leid der irischen Bevölkerung resultierte, wurde auf britischer Seite von zahlreichen Karikaturen und Zeichnungen begleitet, welche Ir*innen als andersartig, unterlegen und unmenschlich zeigen sollten. Dies wurde politisch dazu genutzt, Ausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen.

Viele Landbesitzer hatten ihre wichtigsten Gutshöfe nicht in Irland, sodass ein Großteil des dort erwirtschafteten Geldes in England ausgegeben und Irland völlig ausgebeutet wurde, was insbesondere bei schlechter Ernte zu einer katastrophalen Versorgung der Bevölkerung und Hungersnöten führte. Teil dieser typisch kolonialen Herrschaftsstruktur war ein rassistischer Diskurs, der die Andersheit kolonisierter Bevölkerungsgruppen an körperlichen Merkmalen zu „beweisen“ suchte und diese in Bild und Text festschrieb.

Viele zeitgenössische Karikaturen zeigten Iren als affenähnliche Wesen. Dies sollte ihre angebliche Unfähigkeit sich selbst zu regieren untermauern. Es sollte ein Bild von Unzivilisiertheit und Ungebildetheit erzeugt werden. Die Karikaturen wurden von scheinbar objektiven wissenschaftlichen Zeichnungen begleitet.

Die Aufklärung und Charles Darwins „On the Origin of Species“ (1859) hatten einen enormen Einfluss auf pseudo-wissenschaftliche Praxen und Forschung wie den „wissenschaftlichen“ Rassismus. Darwins Theorie des „survival of the fittest”, also die These, dass die am besten an ihre ökologische Nische angepassten Lebewesen überleben und sich fortpflanzen können, wurde im Sinne eines Überlebens des Stärkeren fehlinterpretiert.

In diesem Sinne nutzten Sozialdarwinisten Darwins Hypothesen zur Rechtfertigung der Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen. Zur genauen Unterscheidbarkeit von Unterdrückenden und Unterdrückten mussten körperliche Merkmale definiert werden, an die wiederum semantisch Eigenschaften geknüpft wurden, die immer mit Inferiorisierung einhergingen. Die Ähnlichkeit zwischen Unterdrückten und Unterdrückenden erforderte eine ständige Wiederholung des Anderns in Wort und Bild, so lange, bis die Unterscheidungspraxen als Normalität erschienen.

 

Abbildung: „Es wird davon ausgegangen, dass die Iberer ursprünglich eine Afrikanische Rasse waren […]. Sie kamen nach Irland und mischten sich mit den Einheimischen des Südens und Westens, von denen ebenfalls davon ausgegangen wird, dass sie von geringer Abstammung sind und Nachfahren von Wilden der Steinzeit, welche [...] nie im gesunden Kampf ums Überleben von ihrer Konkurrenz ausgestochen werden konnten um auf diese Weise, […] Platz für höhere Rassen zu machen.”  Aus der Publikation: Ireland from One or Two Neglected Points of View (H. Strickland Constable, 1899)


Der Begriff „Rasse“3, der auf familiäre Beziehungen zurückging, konnte unter diesen Bedingungen mit Konzeptionen von Andersheit gefüllt werden, die schon lange vorher, beispielsweise in Erzählungen und Legenden sowie später in Berichten von Missionaren und Seefahrern existiert hatten. Auf diese Weise wurde die Idee von „Rasse“ zu einer Tatsache, die, obwohl sie keine Erklärungen für Sklaverei und koloniale Ausbeutung bot, zu ihrer Rechtfertigung diente. Indem die Idee der Existenz von „Rassen“ in populären und vermeintlich wissenschaftlichen Schriften verbreitet wurde, wurden Menschen immer mehr davon überzeugt, dass es „Rassen“ gebe, sie sahen „Rasse“ plötzlich.

Rassismus und andere Formen von Diskriminierung erscheinen uns häufig als Reaktion auf Andersheit. Dies wird deutlich in Aussagen wie: „Sie wird diskriminiert, weil sie eine Schwarze Trans Frau ist“. Viel zutreffender wäre es jedoch, zu sagen: „Sie wird diskriminiert, weil wir in einer rassistisch-patriarchalen Gesellschaft leben, deren Erhalt ihre Abwertung voraussetzt.“

Während Rassismus anhand von Hautfarben und Körpermerkmalen heute als evident erscheint, macht das Beispiel der Irischen Home Rule die Konstruiertheit besonders deutlich, denn wer kann Iren  anhand körperlicher Merkmale von Briten unterscheiden? Dass Hautfarbe bei der Klassifikation von Körpern noch immer eine so zentrale Rolle spielt, deutet darauf hin, dass diese hierarchisierende Unterscheidungspraxis manchen ökonomische Vorteile sichert. Während Irland seine Unabhängigkeit von Großbritannien weitgehend erreicht hat, sind zahlreiche koloniale Kontinuitäten zwischen globalem Süden und globalem Norden und damit die Fortsetzung der Ausbeutung von Millionen Menschen und unzähligen Tonnen an Bodenschätzen und Ressourcen weiterhin Realität.

Es wird deutlich: Sehen und damit auch der Blick auf Körper – auf unsere eigenen und auf die anderer – ist ein gelernter, ein sozialer Prozess. Wirklich ist damit nicht einfach das, was ist, sondern das, was in sozialer Interaktion in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext legitimiert wird. Die Körper von PoC und Schwarzen Menschen werden heute medial kaum als Symbole von Macht, Status und Schönheit präsentiert, meist dienen sie der Personifikation von Armut, Hunger, Aids und Krieg.

Schwarz ist Stark
Dass diese Bilder nicht so einfach aus der Welt zu schaffen sind, auch nicht durch erfolgreiche PoC, verdeutlicht das bereits erwähnte Satirevideo „The Night Beyoncé turned Black“: Wenn Schönheit und Erfolg weiß sind, muss Beyoncé eben auch weiß sein. Sie wird bzw. wurde weiß gesehen.

Die Überraschung in der Öffentlichkeit ist wohl auch deshalb so groß gewesen, weil Beyoncé sich zeitweise mit blonden glatten Haaren gezeigt hatte und auf Werbefotos eine Zeitlang einen deutlich weißeren Teint trug. Vor allem aber auch, weil sie bislang wenig mit politischen Themen wie Rassismus an die Öffentlichkeit getreten war.

Ihren Song „Formation“ hingegen, in dem sie den Stolz auf ihre Schwarzen Eltern und auf die Weitergabe ihres „Erbes“ an ihre Tochter mit „baby hair and afros“ und „negro nose” ausdrückt, bezeichnen manche bereits als Hymne neuer Schwarzer Bürgerrechtsbewegungen. „Jackson Five nostrils” ist hier nicht nur als Abgrenzung zu Michael Jacksons operierter, an weiße Schönheitsideale erinnernde Nase zu sehen. Sondern auch als Reaktion auf die Kritik des White Passings – der Anpassung an und dem Anschein des weißseins – einer erfolgreichen Schwarzen Künstlerin, die Beyoncé selbst vielfach erhalten hat.

Mit dem positiven Bezug auf ihr Schwarzsein reagiert Beyoncé nicht nur auf Kritik, sondern nutzt ihre Rolle als Star auch als Vorbild für Kinder und Jugendliche of Color. Die Botschaft, die sie sendet, lautet: So wie ich bin, bin ich Schwarz, und Schwarz ist Schön, Schwarz ist Stark. Wenn berühmte Persönlichkeiten sich und ihre Körper weißen Normen anpassen, teilen sie genau das Gegenteil mit: Um erfolgreich zu sein, müsse man möglichst weiß sein.

Mythen über Menschenkörper
Die gesellschaftliche Realität, dass Macht und Erfolg im Zusammenhang mit weißsein stehen, stellen erfolgreiche Schwarze Menschen und PoC in Frage. Die positive und selbst-affirmierende Bezugnahme auf entwertete und stereotypisierte Körpermerkmale wie „afro“ oder „negro nose“ richtet sich gegen die Abwertung rassifizierter Subjekte. Beyoncé stellt damit nicht nur Positionen von Individuen in Frage, sondern auch die Ideologie des Rassismus, die eine ökonomische Machtverteilung mit globalen Eliten und deren Kapital aufrechterhält. Black is Beautiful. Black is Powerful.

Deshalb ist der Fall Beyoncé weit mehr als ein Streit zwischen Fans: Er macht deutlich, dass Sehen und der Blick auf Körper ein gewordener, historischer und an Machtverhältnisse gekoppelter Prozess sind. Und, wie sehr bestimmte Mythen über Menschenkörper – in diesem Fall bestimmte „Erzählversionen“ von weißsein, also die über Medien, Literatur und Film verbreitete Superioritätsidee von „weißer Unschuld, Reinheit und weißem Heldentum”, wie es die Rassismusforscherin Maisha-Maureen Eggers ausdrückt – in unseren Gesellschaften verinnerlicht sind.

Der Fall Beyoncé zeigt auch, dass Selbstermächtigung und Widerstand gegen die Normalität des rassistischen, sexistischen Blicks immer auch körperpolitische Akte sind. Die positive Bezugnahme auf den eigenen Körper und auf stigmatisierte körperliche Merkmale dient gleichzeitig als Kritik, Widerstand und Empowerment. Sie schließt damit an eine Vielzahl von Bewegungen an, die eine positive Affirmation des eigenen Körpers zum Ausgangspunkt ihres politischen Handelns machen: die Black-is-Beautiful-Bewegung der 1960er und 70er Jahre, das Natural-Hair-Movement, die autonome Behinderten- und Krüppelbewegung der 1970er und 80er Jahre sowie feministische Proteste gegen sexistische Körperpolitiken und Diskriminierung wie von ARGE Dicke Weiber, um nur einige Beispiele zu nennen.

Schwarze und of Color Künstler*innen, Akademiker*innen, Queers und Aktivist*innen bemühen sich darum, aus ihren jeweils spezifischen Blickwinkeln normative Ordnungen und rassistische, sexistische Körperpolitiken in Frage zu stellen. Der rassistische Blick und die entstehenden Körperbilder dienen der Aufrechterhaltung konkreter Machtverhältnisse. Sie beeinflussen alle Bereiche unserer gegenwärtigen Gesellschaften.

Dies zu ändern ist nicht nur die Aufgabe von marginalisierten Menschen. Gerade diejenigen, die von Diskriminierung nicht „betroffen“ scheinen, sind eingebunden in die Aufrechterhaltung des Status quo. Die Beschäftigung mit Körperpolitiken aus einer dekolonialen feministischen Perspektive bedeutet daher immer auch eine Auseinandersetzung mit der Gewordenheit von Unterscheidungspraktiken und des Sehens. Und diese Auseinandersetzung beginnt zuerst mit dem eigenen Blick.

Lina Render de Barros ist eine Queer of Color Aktivistin aus Frankfurt am Main. Sie forscht zu Prozessen der Rassifizierung, Bildung und Identität, liebt Weltfrieden und Schokolade.



1 „Of Color“ ist eine Selbstbezeichnung, die Menschen mit Rassismuserfahrungen verwenden, um ihre Solidarität aufgrund der geteilten Erfahrung miteinander deutlich zu machen und sich als Teil Schwarzer Befreiungsbewegungen zu positionieren.

2 Color Blindness ist die Behauptung, Hautfarbe oder rassifizierende Marker nicht zu sehen, die damit häufig eine Unsichtbarmachung von Privilegien (auf Seiten der Sprecher*in) und von Diskriminierungserfahrung beinhaltet.

3 „Rasse” in Anführungszeichen zu setzen markiert den Konstruktionscharakter des rassistischen Begriffes. Die Distanzierung von der Vorstellung von „Rassen” soll durch die Verwendung des englischen Begriffes „race” oder das Mitsprechen der Anführungszeichen deutlich gemacht werden.