Kampagnen-Infos, Mit-Mach-Aktionen, Termine - Abonnieren Sie den INKOTA-Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden!

Südlink 177 - September 2016

Ernährungssouveränität: Für eine Landwirtschaft mit Zukunft

Editorial

von Michael Krämer

 

Liebe Leser*innen,

„there is no alternative“ („Es gibt keine Alternative“) diktierte die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher einst der Öffentlichkeit. Der Markt würde und solle alles richten, meinte sie damit und schuf einen politischen Schlachtruf, der als „TINA-Prinzip“ zu einem Klassiker der neoliberalen Heilslehre avancierte.

Auch die wachsende Bedeutung der global tätigen Agrar- und Nahrungsmittelkonzerne wird uns gerne als alternativlos verkauft. Unsinn! Gerade im Bereich der Landwirtschaft gilt: Je mehr Macht die Konzerne haben, umso schlechter geht es den Bauern und Bäuerinnen – und auch den Verbraucher*innen. Weltweit. Vor allem aber bestehen überzeugende Gegenkonzepte, um eine Landwirtschaft mit Zukunft zu entwickeln.

Den Handlungsrahmen dafür bietet das Konzept der Ernährungssouveränität, das vor inzwischen zwanzig Jahren beim Welternährungsgipfel in Rom zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit präsentiert und seither stetig weiterentwickelt wurde. Erarbeitet von dem globalen Netzwerk La Via Campesina („Der bäuerliche Weg“) und anderen steht dieses Konzept für das Recht von Ländern, Regionen und Menschen ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen.

Ernährungssouveränität zielt auf eine radikale Demokratisierung des Ernährungssystems und setzt auf kontrollierbare Strukturen und politische Teilhabe – der Erzeuger*innen genauso wie der Verbraucher*innen. Im Großen wie im Kleinen. Ganzer Länder also, die sich zum Beispiel gegen transnationale Saatgutkonzerne wie Monsanto zur Wehr und auf einheimisches Saatgut setzen. Und einzelner Bauern und Bäuerinnen, die selbst entscheiden, welche Nahrungsmittel sie anbauen und ob sie diese vermarkten oder vor allem für den Eigenverbrauch nutzen möchten.

Was in Zeiten von Klimawandel und globaler ökologischer Krise besonders wichtig ist: Zur Ernährungssouveränität gehört eine bäuerliche Landwirtschaft, die an die lokalen Ökosysteme angepasst ist und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zum Ziel hat. Vielfalt statt Monokulturen, ökologische und soziale Nachhaltigkeit statt Profitmaximierung. Je mehr sich Agrarökologie durchsetzt, umso schlechter werden die Zeiten für Konzerne. In diesem Dossier finden Sie einige Beispiele für die Vorteile des Konzepts der Ernährungssouveränität gegenüber der vorherrschenden kapitalintensiven agroindustriellen Produktionsweise.

Wir berichten aber auch von den schier unglaublichen Anstrengungen syrischer Aktivist*innen, die inmitten des brutalen Kriegs in ihrem Land für Ernährungssouveränität kämpfen. Angesichts der Hungerblockaden des Assad-Regimes werden städtische Gärten und die Herstellung von eigenem Saatgut zu einem Akt des Widerstands.

Egal ob im globalen Norden oder im globalen Süden: Es ist höchste Zeit für eine umfassende Agrarwende. In diesem Dossier haben wir einige gute Gründe dafür versammelt. In der Hoffnung, dass Sie dies ebenso sehen, wünscht Ihnen eine anregende Lektüre

Michael Krämer