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Südlink 177 - September 2016

Ernährungssouveränität: Für eine Landwirtschaft mit Zukunft

Die Gefahr der Grünen Revolution

Internationale Agrarunternehmen gewinnen in der afrikanischen Saatgutproduktion immer mehr an Einfluss – mit fatalen Folgen für die lokale Landwirtschaft.

Von Mariam Mayet

Die Landwirtschaft in Afrika rückt seit einigen Jahren immer stärker ins Blickfeld internationaler Saatgutfirmen, die dort ihre kommerziellen Interessen sichern möchten. Zivilgesellschaftliche Organisationen warnen, dass kleinbäuerliche Rechte brutal beschnitten werden und setzen sich für die Stärkung bäuerlich verwalteter Saatgutsysteme ein.

Der Einfluss der neoliberalen Maßnahmen der sogenannten Grünen Revolution auf die Landwirtschaft in Afrika wird auf verschiedenen Ebenen immer deutlicher. Nicht nur im „Afrikanischen Entwicklungsprogramm für die Landwirtschaft“ (CAADP) der Afrikanischen Union, sondern auch in den Regierungsprogrammen einzelner Länder gelten Öffentlich-Private-Partnerschaften inzwischen als bevorzugtes Instrument für landwirtschaftliche Entwicklung. Es besteht eine klare Tendenz, insbesondere im Bereich Saatgut private kommerzielle Interessen zu sichern. Dies wird auf nationaler und regionaler Ebene beim harmonisierten Sortenschutz, bei der Festlegung bestimmter Rechte für Pflanzenzüchter sowie in Gesetzen und Regelungen über Saatgut-Zertifizierung deutlich. Mit diesen Rahmenwerken werden exklusive Eigentumsrechte und die Kontrolle über biologische Ressourcen geschaffen sowie Strafen für kleinbäuerliche Betriebe, die gegen die Regelungen verstoßen.

Die drakonischen Sortenschutzbestimmungen der „Afrikanischen regionalen Organisation für geistiges Eigentum“ (ARIPO) sind hierfür ein Paradebeispiel: Sie repräsentieren eine massive Kampagne gegen die kleinbäuerliche Praxis der Aufbewahrung von Saatgut und gegen staatliche Souveränität. Afrikanische zivilgesellschaftliche Organisationen stemmen sich mit aller Kraft gegen diese Entwicklungen und bedienen sich vielfältiger Strategien, um agroökologische Anbaumethoden mit bäuerlich verwalteten Saatgutsystemen zu stärken.

Hohe Gewinne für die Privatindustrie

Nach Jahrzehnten schwacher Investitionen, in denen die afrikanische Landwirtschaft international kaum beachtet wurde, ist derzeit ein neues Interesse an der Finanzierung landwirtschaftlicher Produktion erwacht. Diese neuen Investitionen kommen sowohl in Form entwicklungspolitischer oder philanthropischer Unterstützung wie auch als private Investitionsfonds daher und zielen auf die potenzielle Profitabilität afrikanischer Landwirtschaft ab.

Eines ihrer wichtigsten Ziele ist die Neustrukturierung und „Modernisierung“ von Saatgutsystemen in Afrika, wobei der Fokus darauf liegt, private Unternehmen in die Kommerzialisierung frei verfügbarer Saatgutsorten einzubinden. Dieser Modernisierungsschub wird mit der Begründung untermauert, die geringe Akzeptanz von „verbessertem“ oder zertifiziertem Saatgut aus dem formellen Landwirtschaftssektor in Subsahara-Afrika sei einer der Hauptgründe für die niedrige landwirtschaftliche Produktivität auf dem Kontinent. Die Grüne Revolution basiert auf der Logik, dass die Produktivität bäuerlicher Betriebe durch die Einführung und richtige Handhabe moderner Technologien, insbesondere chemischer Düngemittel, Bewässerungstechnik und Hybrid-Saatgut verbessert werden könne. Der private Sektor als Produzent und Verteiler von Saatgut – oft in Zusammenarbeit mit nationalen Berater*innern – wird in diesem Modell als ein Schlüsselelement betrachtet.

Die private Saatgutindustrie hat in Subsahara-Afrika in den vergangenen Jahren bereits riesige Gewinne gemacht. Es ist davon auszugehen, dass dies tiefgreifende negative Auswirkungen auf Millionen von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen auf dem gesamten Kontinent haben wird, unter anderem dass sie zu bloßen Konsument*innen in einem von privaten Unternehmen gestalteten und bestimmten Saatgutsystem werden.

Trotz ihres relativ geringen Umfangs (in finanzieller Hinsicht macht sie bislang weniger als zwei Prozent des globalen kommerziellen Saatgutmarkts aus) scheint die Saatgutindustrie in Afrika südlich der Sahara bereits denselben Trends von Unternehmenserweiterung und -konsolidierung zu folgen, die auch auf globaler Ebene zu beobachten sind: Seit 2012 hat der US-Saatgutkonzern DuPont Pioneer den südafrikanischen Saatguthersteller Pannar Seed übernommen, der Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta hat die sambische Mais-Saatgutfirma MRI aufgekauft und Vilmorin, Europas größte Saatgutfirma, hat ihre Besitzanteile an Simbabwes SeedCo auf 30 Prozent erhöht. SeedCo hat zudem 49 Prozent ihrer Anteile an der Tochtergesellschaft Quton Cotton, dem einzigen Baumwollsaatgut-Produzenten in Afrika, an das indische Unternehmen Mahyco verkauft, an dem wiederum Monsanto einen Anteil von 26 Prozent hält. Dieselben Unternehmen weiten ihre Aktivitäten auf dem Kontinent weiter aus – unter der Federführung zweier Investitionsplattformen, die beide dem Weltwirtschaftsforum entsprungen sind: Grow Africa und der Neuen Allianz für Ernährungssicherung der G7/G8.

Mais und Gartenbaufrüchte stellen die beiden größten Saatgutmärkte des Kontinents, deren Umsatz auf etwa 500 Millionen US-Dollar beziehungsweise auf 250 Millionen US-Dollar beziffert wird. Genau in diesen Bereichen ist auch die meiste Aktivität der Saatgutfirmen zu beobachten. Ein allzu ausschließlicher Fokus auf Mais, insbesondere auf Hybridmais, bringt jedoch negative Auswirkungen für die landwirtschaftliche und nährstoffliche Vielfalt mit sich. Zudem entstehen zusätzliche Betriebskosten, da Hybridsaatgut jedes Jahr neu gekauft und in Verbindung mit anderen chemischen Betriebsmitteln wie Kunstdünger und Pestiziden genutzt werden muss. Denn nur so können optimale Erträge erzielt werden.

Trotzdem ist die Ausbreitung von Hybridmais integraler Bestandteil der Subventionsprogramme für landwirtschaftliche Inputs, die in den letzten Jahren auf dem gesamten Kontinent wiederaufleben – was de facto dazu führt, dass große Teile der staatlichen Landwirtschafts-Budgets dafür verwendet werden, garantierte Märkte für multinationale Saatgutfirmen zu schaffen. Zu beobachten ist in letzter Zeit auch eine Tendenz zur Ausweitung des kommerziellen Saatgutsektors für Reis, Erdnüsse und Hülsenfrüchte wie zum Beispiel Sojabohnen oder Straucherbsen und für „cash crops“ – Anbaufrüchte für den Verkauf wie beispielsweise Tabak, Baumwolle, Kaffee – für internationale Wertschöpfungsketten.

Immer strengere Saatgutgesetze

Um die Entwicklung des kommerziellen Saatgutsektors voranzutreiben, werden außerdem gesetzliche Regelwerke und regionale Harmonisierungsprozesse im Bereich Sortenschutz und Saatgutproduktion und -vermarktung geschaffen. Beispiele hierfür sind das Arusha-Protokoll für Sortenschutz der Afrikanischen Regionalen Organisation für geistiges Eigentum (ARIPO) und das Sortenschutz-Protokoll der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC). Beide Regelwerke, die ein privates Besitzrecht auf Pflanzensorten etablieren, basieren auf den industriell ausgerichteten Sortenschutzabkommen des Internationalen Verbands zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV-Übereinkommen) aus dem Jahr 1991. Auch die harmonisierten Saatgutregelungen verschiedener regionaler Handelsgemeinschaften wie des Gemeinsamen Markts für das Östliche und Südliche Afrika (COMESA) oder der SADC zielen darauf ab, den Handel für das Saatgut der Unternehmen zu fördern.

Zivilgesellschaftliche Organisationen beobachten diese Entwicklungen mit höchster Sorge. Das Afrikanische Zentrum für Biodiversität und seine Netzwerkpartner in der Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika (AFSA) kritisieren, dass die genannten Regelungen schwerwiegende Eingriffe in das Recht von Bauern und Bäuerinnen darstellen, ihr eigenes Saatgut weiterhin aufzubereiten und wiederzuverwenden. Durch Beschränkungen der Tausch- und Verkaufsmöglichkeiten von Saatgut, erzwungene Registrierungsprozeduren und unangemessene Zertifizierungsbedingungen werden die traditionelle bäuerliche Sortenvielfalt und kleinbäuerliche Praktiken in der Saatgutzucht verdrängt und gesetzlich verboten. Dies führt langfristig zu einem Verlust von Biodiversität in der Landwirtschaft.

Das Afrikanische Zentrum für Biodiversität nimmt in der Mobilisierung des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen das ARIPO-Protokoll eine zentrale Rolle ein. Es führt Informationskampagnen durch, leistet Kapazitätsaufbau und betreibt direkte Lobbyarbeit. Der Widerstand gegen die Gesetze über industriellen Saatgutbesitz und das UPOV-Übereinkommen über geistiges Eigentum hat inzwischen dazu geführt, dass sich eine Bewegung für Saatgutsouveränität gebildet hat, die sich intensiv damit beschäftigt, wie bäuerlich verwaltete Saatgutsysteme gestärkt werden können.

Schutz gegen die Folgen des Klimawandels

Die Bedeutung bäuerlich verwalteter Saatgutsysteme für die Erhaltung biologischer Vielfalt, die Sicherung von Ernährungsvielfalt und die Existenzsicherung für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Afrika ist in vielen Forschungsarbeiten hervorgehoben worden. Die Mehrheit des auf dem Kontinent produzierten Saatguts wird in kleinbäuerlichen Betrieben gewonnen und von Landwirt*innen auf lokaler Ebene getauscht und gehandelt. Dies bietet eine solide Basis für den Aufbau alternativer Systeme von Saatgutsouveränität außerhalb des Kreditmarktes und des gewerblichen Marktes. Die zentralen Strategien zivilgesellschaftlicher Gruppen in Afrika zielen deshalb darauf ab, agrarökologische Anbausysteme zu unterstützen, die bäuerlich verwaltete Saatgutsysteme integrieren und stärken.

Eine der obersten Prioritäten für kleinbäuerliche Betriebe in Afrika ist ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Folgen des Klimawandels wie extreme Wetterereignisse. Dies erfordert eine flexible Anpassung von Saatgutsorten und eine höhere Diversifizierung durch den Anbau verschiedener Sorten, um das Risiko von Ernteausfällen zu verringern. Der Verlust von Biodiversität in der Landwirtschaft verringert nicht nur die Widerstandsfähigkeit gegen die Folgen des Klimawandels, sondern bedeutet auch einen Verlust an Vielfalt im Ernährungsplan der Menschen.

Afrika muss zentrale Strategien für die Diversifizierung des Anbaus von Lebensmitteln und der Ernährung auf Gemeinde- und Haushaltsebene entwickeln. Diese sollten die Förderung eigener Gemüsegärten und kleiner Viehzuchtbetriebe sowie des Anbaus traditioneller Nahrungsmittel umfassen. Außerdem sind verbesserte Konservierungsprozesse und Lagermöglichkeiten für Obst und Gemüse nötig, durch die es möglich ist, Abfälle, Nachernteverluste und saisonale Auswirkungen zu verringern. Die Stärkung kleinerer Betriebe für die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte und Lebensmittelherstellung sind wichtig, um die lokale Versorgung mit Essen zu sichern. Bildungsarbeit im Bereich Ernährung schließlich fördert einen gesunden und nährstoffreichen Speiseplan der Menschen.

Es ist bekannt, dass es in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft vor allem die Frauen sind, die die meisten Saatgutsorten erhalten und weiterentwickeln. Das Saatgut ist in Afrika in der Hand der Frauen. Diese müssen aktiv in Maßnahmen zur Erweiterung der Pflanzen- und Saatgutvielfalt und in die Stärkung bäuerlicher Saatgutsysteme eingebunden werden.

Es entsteht ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass kleinbäuerliche Rechte geschützt und lokal verwaltete Saatgutsysteme zu einem zentralen Bestandteil einer Agenda für Agrarökologie und landwirtschaftliche Vielfalt gemacht werden sollten, die auf einem Verständnis von Nahrungsmittelsystemen als komplexen Systemen beruht. Der Bericht des Internationalen Expertenforums für nachhaltige Ernährungssysteme (IPES) von 2015 stellt fest, dass Hunger, Mangel- und Unterernährung, der Verlust von Biodiversität, die Schädigung der Ökosysteme, kulturelle Erosion und soziale Konflikte nicht als Einzelphänomene betrachtet und behandelt werden können.

Afrika muss deshalb mit politischen und institutionellen Maßnahmen sein landwirtschaftliches Paradigma auf ein agrarökologisches Modell umstellen, das auf nachhaltige Weise genügend Nahrung für alle bereitstellen kann, indem es auf der bäuerlichen Landwirtschaft mit ihrer hohen Biodiversität und Vielfalt im Ökosystem aufbaut und bäuerlich verwaltete Saatgutsysteme schützt.

Aus dem Englischen von Nana Heidhues.

Mariam Mayet ist Gründerin und Direktorin des African Centre for Biodiversity (ACB), das Forschung, Analyse, Bildungs- und Netzwerkarbeit zu landwirtschaftlicher Biodiversität und bäuerlich verwalteten Saatgutsystemen in Afrika durchführt.