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Südlink 187 - März 2019

Zentralamerika in Bewegung

Nur ein erster Schritt

Ein Leben in Würde? Das bietet auch der Faire Handel den Kakaobauern in Westafrika bisher nicht. Die Preise sind viel zu niedrig. Zumindest Fairtrade beginnt umzudenken.

Elisabeth Osei Agyei ist Mitglied der größten Kakaokooperative Ghanas, die den Fairen Handel beliefert. Das hat einige Vorteile, ihr Einkommen ist aber trotzdem zu niedrig. Foto: Evelyn Bahn INKOTA-netzwerk

Fairtrade hat angekündigt, seinen garantierten Mindestpreis für Kakao auf 2.400 US-Dollar pro Tonne zu erhöhen – ein Schritt, der lange überfällig war. Jetzt geht es darum, dass die Schokoladenindustrie die Preiserhöhung mitträgt. Doch selbst mit dem neuen Mindestpreis ist es für die Kakaobäuerinnen und Kakaobauern in Westafrika noch ein weiter Weg bis zu existenzsichernden Einkommen.

Elizabeth Osei Agyei ist erstaunt: „So viel Schokolade auf einmal habe ich noch nie gesehen!“ Wir stehen auf dem Marktplatz von Tübingen, beim größten Schokoladenfestival Deutschlands. Um uns herum türmt sich an den Ständen Schokolade in allen erdenklichen Sorten und Formen. Es ist die vierte Station unserer Rundreise. Vorhin hat Elizabeth in der Tübinger Stadtbücherei den interessierten Besucher*innen vom Alltag auf ihrer Kakaoplantage in Asamankese in der ghanaischen Eastern Region erzählt. Nun trinkt sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine heiße Schokolade.

Elizabeth ist Fairtrade-Kakaobäuerin und Mitglied bei Kuapa Kokoo, der größten Kakaokooperative Ghanas. Gemeinsam mit Sandra Kwabea Sarkwah von der INKOTA-Partnerorganisation SEND-Ghana tourte sie vor Weihnachten quer durch Deutschland, um die Menschen über die Situation und die Probleme der Kakaobäuerinnen und Kakaobauern aufzuklären. Immer wieder betonten die beiden: „Wir brauchen höhere Kakaopreise! Mit dem derzeitigen Preis ist ein Leben in Würde nicht möglich.“

Dass die Mehrheit der Kakaobäuerinnen und -bauern in Westafrika unter der Armutsgrenze lebt, ist lange bekannt. Schon seit Jahren fordert die INKOTA-Kampagne „Make Chocolate Fair!“ daher ein existenzsicherndes Einkommen für Kakaobäuerinnen und -bauern – ein Einkommen, das sowohl die grundlegenden Bedürfnisse der Kakaobauernfamilien abdeckt als auch die Ausgaben für einen nachhaltigen Kakaoanbau.

Das Problem: Wie hoch ein existenzsicherndes Einkommen eigentlich sein müsste, konnte und wollte lange niemand genau sagen. Die Berechnung eines solchen Einkommens ist nicht einfach, dabei müssen viele Faktoren berücksichtigt werden, zum Beispiel: Wie viele Personen leben durchschnittlich in einem Haushalt? Was ist ein adäquater Wohnmindeststandard? Wie hoch sind in einer bestimmten Region die Kosten für Lebensmittel oder Gesundheitsversorgung?

Dank zweier neuer Studien im Auftrag der Living Income Community of Practice liegen die Zahlen für die weltweit wichtigsten beiden Kakaoanbauländer, Ghana und die Elfenbeinküste, nun endlich vor. Und sie haben es in sich: Eine typische Kakaobauernfamilie in Ghana mit sechs Mitgliedern und bis zu vier Hektar Land verdient im Durchschnitt im Monat 848 Cedi, das sind umgerechnet 191 US-Dollar. Existenzsichernd wäre hingegen ein Einkommen von rund 395 US-Dollar – also etwas mehr als doppelt so viel. Noch dramatischer sieht die Situation in der Elfenbeinküste aus: Hier müsste sich das Einkommen im Durchschnitt fast verdreifachen, um existenzsichernd zu sein.

Die Studien zeigen außerdem: In beiden Ländern gibt es eine kleine Minderheit von wohlhabenderen Bauern und Bäuerinnen, die ein existenzsicherndes Einkommen erreichen. In der Regel verfügen sie über größere Landflächen. Der Faire Handel ist mit dem Ziel angetreten, Kleinproduzent*innen im Süden ein Leben in Würde zu ermöglichen. Durch garantierte Mindestpreise und feste Zusatzprämien versuchen Siegelinitiativen wie Fairtrade die Einkommenssituation der Kakaobauernfamilien zu verbessern. Aktive des Fairen Handels gehen häufig davon aus, dass die Bäuerinnen und Bauern durch den Fairen Handel automatisch der Armut entkommen.

Zumindest im Kakaosektor ist dies jedoch nicht der Fall. Eine von Fairtrade in Auftrag gegebene Studie fand vor einigen Monaten heraus: Selbst von den Fairtrade-zertifizierten Kakaobäuerinnen und -bauern in der Elfenbeinküste leben 77 Prozent unter der Armutsgrenze. Nur sieben Prozent erreichen bisher ein existenzsicherndes Einkommen. Die Situation ist also nicht wesentlich besser als bei den konventionellen Bauern und Bäuerinnen.

Diese Ergebnisse sind schockierend. Es ist Fairtrade jedoch zugutezuhalten, dass es die Zahlen veröffentlicht hat und die Probleme tatsächlich angeht. In Reaktion auf die Studie verkündete Fairtrade nämlich, seinen garantierten Mindestpreis für Kakao zu erhöhen: Lag dieser bisher bei 2.000 US-Dollar pro Tonne, so erhalten Fairtrade-Bauern ab Oktober 2019 2.400 US-Dollar pro Tonne. Dieser Schritt war lange überfällig. Denn bisher war der Mindestpreis so niedrig angesetzt, dass er in den letzten zehn Jahren fast nie zum Einsatz kam. Dies wird sich in Zukunft wahrscheinlich ändern: Aktuell liegt der Kakao-Weltmarktpreis rund 200 US-Dollar unter dem neuen Fairtrade-Mindestpreis.

Klar ist aber auch: Die Erhöhung des Mindestpreises kann nur ein erster Schritt sein. Fairtrade hat nämlich auch einen Referenzpreis für existenzsichernde Einkommen kalkuliert. Mit diesem Preis sollten Bäuerinnen und Bauern, die Vollzeit im Kakaoanbau tätig sind, über ausreichende Flächen verfügen und angemessene Erträge produzieren, ein existenzsicherndes Einkommen verdienen.

Anders als der Fairtrade-Mindestpreis wird dieser Referenzpreis als „Farm-Gate“-Preis (Ab-Hof-Preis) angegeben – es geht also um den Preis, der tatsächlich an die Bäuerinnen und Bauern bezahlt wird. Der Fairtrade-Mindestpreis dagegen ist ein FOB-Preis (Free on Board), der auch die Vermarktungs- und Transportkosten bis zum Verschiffungshafen beinhaltet. Der neue Fairtrade-Mindestpreis würde in der Elfenbeinküste einen Ab-Hof-Preis von 1.600 US-Dollar pro Tonne ergeben. Der Referenzpreis für existenzsichernde Einkommen beträgt dagegen 2.668 US-Dollar. Unter Berücksichtigung von Transport- und Vermarktungskosten würde sich dadurch ein Marktpreis (FOB) von deutlich über 3.000 US-Dollar ergeben.

Fairtrade selbst schreibt: „Der neue Fairtrade-Mindestpreis soll es Durchschnittshaushalten im Fairtrade-zertifizierten Kakaoanbau ermöglichen, ein Einkommen oberhalb der extremen Armutsgrenze zu erzielen.“ Das ist ein Anfang, aber zu wenig für den Anspruch „fairen“ Handels. Bis zur Umsetzung existenzsichernder Einkommen ist es noch ein weiter Weg.

Zieht der Kakaosektor mit?
Fairtrade steckt allerdings in einer Zwickmühle: Solange es andere Nachhaltigkeitsstandards gibt, die über keinen festen Mindestpreis verfügen, besteht für Schokoladenunternehmen ein Anreiz, das für sie günstigere Siegel zu wählen – in der Hoffnung, dass den meisten Konsument*innen der Unterschied nicht auffällt.

Nur rund sechs Prozent des weltweiten Kakaos wird durch Fairtrade zertifiziert. Die beiden großen Siegel im Kakaobereich, UTZ Certified und Rainforest Alliance, kommen dagegen zusammen auf einen Anteil von fast 40 Prozent an der globalen Kakaoproduktion. Die beiden waren jedoch stets noch anspruchsloser, was die Einkommen der Kakaobäuerinnen und -bauern angeht. Daran wird auch die Fusion der beiden Siegel unter dem neuen beziehungsweise alten Namen Rainforest Alliance wohl nichts ändern. Es deutet bisher nichts darauf hin, dass der neue Standard für nachhaltigen Kakao, den die fusionierte Rainforest Alliance zurzeit entwickelt, einen garantierten Mindestpreis enthalten wird.

Foto: Mathieu-Etienne Gagnon/Oxfam (CC BY 2.0)

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Die Rainforest Alliance setzt vor allem darauf, die Einkommen der Kakaobäuerinnen und Kakobauern durch Ertragssteigerungen zu erhöhen. Durch verbesserte Anbaumethoden sollen sie auf der gleichen Fläche mehr Kakao in besserer Qualität produzieren. Dadurch, so die Hoffnung, wird sich ihr Einkommen steigern, ohne dass ein direkter Einfluss auf die Preise genommen werden muss.

INKOTA hat diese Strategie aus mehreren Gründen schon wiederholt kritisiert: Erstens erfordern gesteigerte Erträge mehr Arbeit und auch mehr Investitionen – weshalb sich der tatsächliche Einkommensgewinn erfahrungsgemäß stark in Grenzen hält. Zweitens wird schon jetzt tendenziell zu viel Kakao angebaut: Erst vor zwei Jahren trug ein Überangebot maßgeblich dazu bei, dass der Weltmarkpreis für Kakao in den Keller stürzte. Und drittens zeigen die oben zitierten Studien einmal mehr, dass mit dem gegenwärtigen Preisniveau ein existenzsicherndes Einkommen für die Mehrheit der Bauern schlichtweg nicht möglich ist. Es wird daher Zeit, dass der Kakaopreis endlich ernsthaft in die Nachhaltigkeitsdebatte im Kakaosektor einbezogen wird.

Wenn die Schokoladenunternehmen es mit der Nachhaltigkeit ernst meinen, dann müssen sie auch höhere Preise für den Kakao zahlen. In den kommenden Monaten und Jahren wird sich zeigen, ob die Unternehmen bereit sind, die Erhöhung des Mindestpreises von Fairtrade mitzutragen.

Nicht nur als Verbraucher*innen gefragt
Wenn man Elizabeth Osei Agyei nach ihrer Meinung zum Fairen Handel fragt, betont sie trotz aller Kritik auch dessen Vorteile. Durch die Fairtrade-Prämie erhalte sie ein kleines Zusatzeinkommen und die Kooperative Kuapa Kokoo finanziere damit Gemeinschaftsprojekte wie zum Beispiel den Bau von Brunnen oder Schulen. Außerdem sei die Gesundheitsversorgung, die in Ghana häufig sehr teuer sei, für Mitglieder der Kooperative kostenlos.

Was sich unsere Gäste von Menschen in Deutschland wünschen? Sandra Kwabea Sarkwah von SEND-Ghana überlegt kurz, dann erklärt sie: „Verbraucher*innen müssen ihre Stimme gegenüber der deutschen Regierung erheben und verbindliche Regeln für Unternehmen zum Schutz der Menschenrechte einfordern. Bisherige freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht aus. Damit der Kakaosektor gerechter wird und sich die Lebensbedingungen der Bauern und Bäuerinnen verbessern, brauchen wir Verbindlichkeit. Hier sind die Verbraucher*innen in Deutschland auch als Bürger*innen gefragt.“

Johannes Schorling koordiniert beim INKOTA-netzwerk die Kampagne Make Chocolate Fair!.

Weitere online verfügbare Artikel aus dem Heft:

Michael Krämer: Editorial