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Südlink 191 - März 2020

Vor der Klimakatastrophe: Dem globalen Süden bleibt keine Zeit mehr

„Eine Frage der Gegenwart“

Imeh Ituen erklärt, warum die Klimabewegung im Norden so weiß ist und der globale Süden in den hiesigen Debatten zu wenig vorkommt.

Die Klimabewegung in Deutschland setzt sich vorwiegend aus weißen Jugendlichen der Mittelschicht zusammen, reduziert das Thema häufig auf einen Konflikt der Generationen und hat den globalen Süden nur oberflächlich im Blick. Schwarze Menschen, Indigene und People of Color (BIPoC) seien hingegen deutlich unterrepräsentiert, sagt die Sozialwissenschaftlerin und Klimaaktivistin Imeh Ituen. Im Südlink-Interview spricht sie über die Gründe dafür und warum es nicht einfach ist, mehr Diversität zu erreichen.

Eine Kritik an der hiesigen Klimabewegung lautet, dass sie sehr weiß und überwiegend in der Mittelschicht verankert sei. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Auf die großen Klimabewegungen in Deutschland trifft das auf jeden Fall zu, das besagen auch Studien. Wer schon einmal auf einer Klimaaktion oder einem Plenum war, wird bestätigen, dass dort überwiegend weiße, akademisch und bürgerlich geprägte Leute teilnehmen.

Woran liegt das?

Ich weiß von vielen, dass sie Erfahrungen mit Rassismus gemacht und dann gesagt haben, dass sie zum Beispiel nicht nochmal auf ein Klimacamp fahren. So etwas spricht sich herum. Lange Zeit hat die Bewegung das Thema kaum ernst genommen. Mittlerweile ist das zwar anders, es hat aber lange gedauert. Aus diesem Grund haben wir uns als BIPoC-Kollektiv zusammengeschlossen, um einen sicheren Raum für unsere Perspektiven zu haben. Wir veranstalten Vorträge und Workshops, organisieren Filmvorführungen, haben eine Baumpflanzaktion gemacht.

Steigt denn das Bewusstsein für Diversity innerhalb der Klimabewegung?

Es ist nicht einfach und hat in den vergangenen Monaten viel Kraft gekostet. Aber ich sehe Fortschritte. Das sind komplexe Prozesse, die sich nicht von heute auf morgen umsetzen lassen, Rassismen sind gesellschaftlich sehr tief verankert.

In größeren Organisationen sind Schwarze Menschen, Indigene und People of Color nur wenig vertreten. Viele möchten das ändern. Warum gelingt es nur langsam?

Das Problem beginnt damit, dass in diesen Organisationen BIPoC-Perspektiven personell nicht abgebildet werden. Dadurch werden Rassismen reproduziert, die viele Menschen ausschließen. Wenn Gruppen überwiegend weiß sind, lesen sich deren Texte und Statements ebenso weiß. Das ist mir zum Beispiel bei Stellenausschreibungen aufgefallen. Dann heißt es hinterher: Aber es haben sich keine BIPoC beworben. Das liegt aber oft daran, dass die Stellenausschreibung schon so klingt, als sei das kein Arbeitsplatz, an dem ich mich wohlfühlen könnte. Und BIPoC machen oft die Erfahrung, dass sich dieser anfängliche Eindruck bewahrheitet.

Klimaaktivist*innen, die im Rampenlicht stehen, wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer, achten mittlerweile darauf, dass auf internationalen Veranstaltungen nicht nur sie selbst, sondern auch Aktivist*innen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika sprechen. Welche Rolle spielt der globale Süden bei Fridays for Future?

Anfangs eine untergeordnete, aber die Kritik daran ist bei weiten Teilen angekommen. Es gibt auch Diskussionen über Namensänderungen, weil sich das „future“ stark auf den Norden bezieht. Es geht aber nicht nur um Repräsentation, also darum, wer spricht, sondern auch aus welcher Perspektive gesprochen wird.

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Wie ändert sich die Perspektive auf den Klimaschutz, wenn der Blick aus dem Süden kommt?

Im globalen Süden ist Klimawandel keine Frage der Zukunft, sondern schon seit Jahrzehnten Gegenwart. In Europa wird die gesamte Problematik oft lediglich auf den Ausstoß von Treibhausgasen reduziert. Bei den diskutierten Zukunftstechnologien als vermeintliche Lösung wird dann häufig unterschlagen, dass dafür Rohstoffe aus dem globalen Süden bezogen werden müssen. Das ist auch ein Privileg, Klimakämpfe zu führen, ohne an andere Kämpfe andocken zu müssen. Es ist etwas anderes, als wenn gerade die eigene Familie in Chile vertrieben wurde oder in Nigeria Öllecks die Lebensgrundlagen zerstören.

Tatsächlich findet der Begriff Klimagerechtigkeit in der Klimabewegung zunehmend Verwendung. Verstehen darunter alle inhaltlich das Gleiche?

Die Frage stelle ich mir auch oft. Wenn auf Demos Slogans zu Klimagerechtigkeit skandiert werden, würde ich gerne zu den Leuten gehen und sie fragen, was sie genau meinen. Es gibt bei Vernetzungstreffen den Versuch, Themen aus dem globalen Süden mit aufzunehmen. Das Hauptnarrativ der großen neuen Klimabewegungen ist aber: „Ihr klaut uns unsere Zukunft.“

Es wird auch davon gesprochen, dass im globalen Norden junge Menschen und Menschen mit wenig finanziellen Ressourcen stärker betroffen sein werden. Das alles ist für mich ein Teilaspekt von Klimaungerechtigkeit. Dazu gehört anzuerkennen, dass BIPoC auch in Ländern des globalen Nordens überproportional von Klimawandel betroffen sein werden, beispielsweise durch strukturellen und institutionellen Rassismus oder erschwerten Zugängen zum Arbeitsmarkt und zum Gesundheitssystem. Die größte Ungerechtigkeit dieser Krise hat eine globale Dimension.

Was verstehen Sie unter Klimagerechtigkeit?

Im globalen Süden sind viel mehr Menschen von den Folgen des Klimawandels betroffen als hier. Wir haben also eine enorme Diskrepanz zwischen Verantwortlichkeit auf der einen und Betroffenheit auf der anderen Seite. Der globale Norden ist für mehr als drei Viertel der historischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Länder des globalen Südens sind aber zwei bis drei Mal verwundbarer gegenüber den Folgen des Klimawandels. Klimagerecht wäre für mich, diese Diskrepanz auszugleichen.

Wie könnte das aussehen?

Klimabewegungen hier sollten Kompensationen für Länder des globalen Südens fordern und darüber hinaus auch an Menschen in Ländern des globalen Südens denken, wenn sie darauf hinweisen, dass Klimaschutz nicht auf Kosten ärmerer Bevölkerungsgruppen in Deutschland oder Europa geschehen darf. Davon sind große Teile der Klimabewegung aber weit entfernt. Doch es gibt immer mehr Leute, die sich tiefer gehend damit beschäftigen und sich für eine klimagerechte Welt einsetzen. Und dazu gehört eben auch, Rassismus und andere Unterdrückungsformen mit einzubeziehen.

Imeh Ituen ist Sozialwissenschaftlerin. Als Aktivistin hat sie das Klimaschutzkollektiv BIPoC Environmental Justice Group Berlin mitgegründet.

Das Interview führte Tobias Lambert im Januar.

Weitere online verfügbare Artikel aus dem Heft:

Michael Krämer: Editorial

Michael Krämer: Mit zweierlei Maß

Nicht einfach ein Gedenkort. Tahir Della über das geplante Aufarbeitungskonzept des Landes Berlin.

 

 

Klimagerechte Jugend. Vier Stimmen des Protests