Fairer Handel

Ein Erfolgsmodell vor Herausforderungen

Kaffee, Tee, Orangensaft, Bananen, Schokolade oder Textilien – viele Produkte unseres täglichen Bedarfs kommen aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Damit sie bei uns billig angeboten werden können, arbeiten viele Menschen in den Anbauländern unter unwürdigen Bedingungen. Oft erhalten die Kleinbauern und –bäuerinnen so niedrige Preise für ihre Ernte, dass nicht einmal die Produktionskosten gedeckt sind. Viele Kleinbauern- und Arbeiterfamilien müssen um ihre Existenz fürchten. Für sie will der Faire Handel eine Alternative bieten.

Der Mensch im Mittelpunkt

Ziel des Fairen Handels ist es, den Bäuerinnen und Bauern ein höheres und verlässlicheres Einkommen zu ermöglichen als der herkömmliche Handel. Die ProduzentInnen schließen sich zu Kooperativen zusammen und vermarkten ihre Produkte gemeinsam. Der Faire Handel garantiert ihnen feste Mindestpreise und langfristige Abnahmeverträge. Außerdem erhalten sie eine Prämie, um Gemeinschaftsprojekte, wie zum Beispiel den Bau von Schulen, zu finanzieren. Im Fairen Handel stehen die Menschen im Vordergrund. Qualität bezieht sich deshalb nicht nur auf die Hochwertigkeit der gehandelten Produkte, sondern auch auf die Sozial- und Umweltverträglichkeit bei ihrer Herstellung und Vermarktung. Die Einhaltung der Fairhandels-Kriterien wird durch unabhängige Kontrollen regelmäßig überprüft.

Fair gehandelte Rohstoffe werden einerseits von Fair-Handels-Importeuren wie z.B. der Gepa oder El Puente verwendet, die ausschließlich fair gehandelte Produkte herstellen, andererseits von konventionellen Unternehmen, die einzelne fair gehandelte Produkte anbieten und dabei die Standards der anerkannten Siegelorganisationen einhalten. Der Vertrieb fair gehandelter Produkte in Deutschland erfolgt einerseits über Weltläden, andererseits zunehmend auch über den konventionellen Einzelhandel.

Infos zum Fairen Handel

  • Umsatz des Fairen Handels 2017: 1,5 Milliarden Euro, das entspricht einer Umsatzsteigerung von 13% zum Jahr 2016
  • Wichtigste Fairhandelsprodukte: Kaffee (34%), Südfrüchte (11%), Textilien (9%), Blumen (8%), Eiscreme (7%), Milch, Mehl, Backwaren (7%), Schokolade (4%)
  • Ausgaben pro Kopf für fair gehandelte Produkte: 18 Euro (2017)
  • Anzahl der Weltläden in Deutschland: rund 800

Handel gerecht gestalten

Daneben setzt der Faire Handel sich insgesamt für mehr Gerechtigkeit im Welthandel ein. Seine Forderungen richten sich an Politik und Handel. Anhand von Waren aus den Ländern des Südens macht der Faire Handel globale Zusammenhänge anschaulich und verständlich. Der Faire Handel möchte Menschen ermutigen, sich für verantwortungsbewussten Konsum und für eine Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einzusetzen. In Deutschland setzt sich das Forum Fairer Handel als Lobbyverband für die politischen Forderungen der Fairhandelsbewegungen ein.

INKOTA und der Faire Handel

Der Faire Handel verbindet die politische Arbeit für gerechte Handelsstrukturen mit konkreter Unterstützung, um Armut zu überwinden, indem er gerechtere Preise für die Produkte aus dem Süden zahlt. Für INKOTA ist der Faire Handel daher ein wichtiges Instrument, für das wir uns seit vielen Jahren aktiv einsetzen. In den 1990er Jahren unterstützte INKOTA den Aufbau des Fairen Handels in Ostdeutschland. Auch heute noch sind wir eng mit der Fairhandelsszene verbunden und kooperieren im Rahmen von Kampagnen wie zum Beispiel Make Chocolate Fair! mit Weltläden und Fairhandelsgruppen aus dem gesamten Bundesgebiet. INKOTA ist Mitglied der F.A.I.R.E. Warenhandels eG, dem ostdeutschen Regionalzentrum des Fairen Handels, und engagiert sich im Forum Fairer Handel in der Arbeitsgruppe „Grundsatz und Politik“.

Erfolgsmodell mit Schwächen

Seit seiner Entstehung vor über 40 Jahren ist der Faire Handel enorm gewachsen. Fair gehandelte Produkte finden sich heute längst nicht mehr nur im Weltladen, sondern auch im Supermarktregal. Der Faire Handel hat zahlreiche UnterstützerInnen und kommt zunehmend in der Mitte der Gesellschaft an. 2015 hat er in Deutschland erstmals mehr als eine Milliarde Euro umgesetzt. Doch die Freude ist nicht ungetrübt. Denn die Akteure des Fairen Handels entwickeln sich immer weiter auseinander. Auf der einen Seite setzt TransFair e.V., der deutsche Ableger der Siegelorganisation Fairtrade International, vor allem auf eine Steigerung der Verkaufszahlen und kooperiert dafür auch mit Discountern wie LIDL. Auf der anderen Seite befürchten jene Weltläden und Importorganisationen, die mit ihrer Arbeit auch weiterhin einen politischen Anspruch und eine Kritik am konventionellen Handel verbinden, eine zunehmende Verwässerung der Prinzipien des Fairen Handels. Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen und zu niedrige Löhne im globalen Süden beschädigen zudem seine Glaubwürdigkeit. Lesen Sie mehr über das Erfolgsmodell Fairer Handel und seine Schwächen im Südlink 178.

Fair heißt existenzsichernd

INKOTA vertritt die Position, dass der Faire Handel nur dann wirklich als „fair“ bezeichnet werden kann, wenn er den ProduzentInnen existenzsichernde Löhne bzw. existenzsichernde Einkommen garantiert, die ein Leben in Würde ermöglichen. Dies ist leider nicht immer der Fall. Unbestritten ist, dass sich die Lebensbedingungen einzelner Gruppen durch den Fairen Handel verbessert haben. Doch aus der Armut schaffen es nur wenige. Die INKOTA-Kampagne Make Chocolate Fair! kritisiert zum Beispiel, dass der Fairtrade-Mindestpreis für Kakao zu niedrig angesetzt ist, um die extreme Armut unter Kakaobauernfamilien abzufedern. INKOTA sieht die Fairhandelsorganisationen deshalb in der Pflicht, existenzsichernde Löhne bzw. Einkommen in ihren Standard zu verankern sowie Mindestpreise und Prämien entsprechend anzupassen. Sowohl bei Fairtrade International als auch innerhalb der World Fair Trade Organisation (WFTO), einem globalen Netzwerk von Fairhandelsorganisationen, finden aktuell Diskussionen zu diesem Thema statt.