Rohstoffe in Zeiten von Industrie 4.0

Industrie 4.0 heißt das neue Glaubensbekenntnis der Industrie. Industrieverbände und Bundesregierung sehen in der digitalisierten Vernetzung von Maschinen und Dingen die Superwaffe für die drängendsten Fragen der Zeit. Doch Industrie 4.0 verschärft den unermesslichen Rohstoffbedarf vor allem im globalen Norden weiter. Und die Einhaltung menschenrechtlicher und ökologischer Standards bei der Rohstoffgewinnung ist noch kein Thema der Debatte. Das muss sich ändern.

Industrie 4.0 – die Dinge werden selbständig

Maschinen und Dinge kommunizieren miteinander, der Lieblingsjoghurt wird auf Bestellung gemischt, der Laufschuh als Unikat im 3D-Drucker produziert und das Auto fährt selbständig zur Werkstatt für den Batteriewechsel. Genau das ist Industrie 4.0.

„Wenn Bauteile eigenständig mit der Produktionsanlage kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen oder Material nachbestellen – wenn sich Menschen, Maschinen und industrielle Prozesse intelligent vernetzen, dann sprechen wir von Industrie 4.0.“, beschreibt das Bundeswirtschaftsministerium auf seiner Webseite die sogenannte vierte Industrielle Revolution. Alles Materielle bekommt einfach ein elektronisches Kleinhirn, mit dem es Daten ins digitale, globale Netz einspeisen, sich abstimmen und von anderen Elektrohirnen Steuerungsbefehle erhalten kann. Maschinen lernen von Maschinen. Maschinen programmieren und steuern Maschinen.

Der Haken: 4.0 braucht Rohstoffe

Digitalisierung ist aber angewiesen auf Rohstoffe: Jedes der genannten elektronischen Kleinhirne benötigt eine Hülle, jeder Sensor eine Platine, jeder Roboter zahlreiche Sensoren, elektronische Geräte ihren Touchscreen, jedes Windrad seinen Hochleistungspermanentmagneten. Wenn wir aber von all dem immer mehr benötigen, ist das  nicht vereinbar mit den ökologischen Grenzen des Planeten.

Viele Zukunftstechnologien bringen zudem einen sehr spezifischen Rohstoffbedarf mit sich. Einzelne Komponenten müssen bestimmte Eigenschaften hinsichtlich ihrer Dichte, Schwere, Leiterfähigkeit oder Elastizität aufweisen, die nur ein bestimmter Rohstoff hergibt. Gallium, Germanium, Indium, Kobalt, Kupfer, Lithium, Platin, Dysprosium, Silber, Tantal, Titan und Zinn sind einige der Rohstoffe, die unerlässlich sind und sein werden für die Technologien, die Industrie 4.0 möglich machen.

Lithiumabsetzbecken: Lithium ist das Salz für Nickel-Graphit-Batterien. (Foto: Michael Reckordt)

Wo Rohstoffhunger herrscht, kommen Menschenrechte zu kurz

Während Industrie 4.0 für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vor allem Handlungsbedarf bei der Rohstoffsicherung bedeutet, sorgen sich Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen in der ganzen Welt um die Auswirkungen der rohstoffsichernden Strategien auf Mensch und Natur. Denn wenn der BDI und andere Industrieverbände Rohstoffsicherung betreiben, treten Menschenrechte und Ökologie nicht selten in den Hintergrund.

Wer trägt die Kosten, wenn schwermetallbelasteter Rotschlamm und ätzende Natronlauge aus dem Bauxitabbau in Guinea für gravierende gesundheitliche Probleme bei der lokalen Bevölkerung sorgen? Wer übernimmt die Anwaltschaft, wenn in der kongolesischen Provinz Katanga MinenarbeiterInnen über Jahre toxischem Kobaltstaub ausgesetzt sind und Flüsse durch radioaktive Rückstände unbrauchbar geworden sind? Die negativen Auswirkungen des Rohstoffabbaus finden im Hype um Industrie 4.0 neben den Versorgungsängsten der Industrie derzeit keinen Platz.

Leider verweigert auch die Bundesregierung eine stärkere Regulierung, mit der deutsche Unternehmen für Schäden beim Rohstoffabbau Verantwortung übernehmen müssten. Stattdessen bietet sie der deutschen Wirtschaft mit Freihandelsabkommen, Klagemöglichkeiten gegen Exportbeschränkungen, Investitionsgarantien kontinuierlich Rückendeckung.

Industrie Fair.0

Industrie 4.0 kann nur fair werden, wenn sie konsequent mit staatlichen Regulierungen im Bereich Menschenrechte- und Umweltschutz flankiert wird. Die Begeisterung für Industrie 4.0 darf nicht von der politisch notwendigen Frage nach der Suffizienz, dem rechten Maß, ablenken. 2013 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung Industrie 4.0 euphorisch als Lösungsansatz für die herausfordernde Verknappung natürlicher Ressourcen und Rohstoffe eingeordnet. Und 2017 wähnt sich Industrie 4.0 noch immer euphorisch und mit fast schon ignoranter Technologiegläubigkeit auf der Zielgeraden zur Dematerialisierung. Die wird aber nicht stattfinden, das zeigen inzwischen auch die Prognosen verschiedener staatlicher Einrichtungen.  Fossile werden durch metallische Rohstoffe ersetzt, Rohstoffströme werden sich wandeln. Weniger aber wird es wohl nicht.