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Stimmen aus dem globalen Süden über Konzernmacht

INKOTA hat ExpertInnen und Betroffene aus Afrika, Asien und Lateinamerika gefragt: Was bedeutet die Fusion von Bayer und Monsanto für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und die Bevölkerung in eurem Land? Welche Auswirkungen hat die wachsende Konzernmacht im Agrarbereich schon heute und welche Entwicklungen sind zu erwarten?

Afrika

Mariam Mayet & Stephen Greenberg vom African Centre for Biodiversity (ACB), Südafrika

„Die Konzentration von Konzernmacht hat in den letzten Jahren eine Steigerung des Saatgutpreises für Mais bewirkt, welcher die Preise etwa für Getreide in Südafrika überholt hat. Dies war auch einer der Faktoren, die 2014 bis 2016 zu höheren Maispreisen für VerbraucherInnen geführt haben.“

Luís Muchanga, INKOTA-Partner von der Nationalen Kleinbauernvereinigung UNAC, Mosambik

„Durch die Unternehmensaktivitäten von Bayer und Monsanto drohen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in der ganzen Welt immer mehr verdrängt zu werden. Sie sollen die vermeintlich ‚intelligenten‘ Methoden der industriellen Landwirtschaft anwenden. Dadurch werden die bäuerlichen Gemeinden ihrer Grundrechte wie dem Zugang zu ihrem Saatgut beraubt. Das riesige Agrar-Oligopol bestimmt damit zunehmend die weltweiten Spielregeln.“

Elizabeth Mpofu, Generalkoordinatorin der Internationalen Kleinbauernvereinigung La Vía Campesina (LVC), Simbabwe

Saatgut-Gesetze werden von Regierungen in Kooperation mit Saatgut-Konzernen neu formuliert. Diese Konzerne versuchen, den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern das Recht zu verwehren, ihr lokales und indigenes Saatgut zu nutzen. Die Bäuerinnen und Bauern haben keine andere Möglichkeit, als kommerzielles Saatgut zu kaufen. Durch den damit verbundenen Einsatz von chemischen Düngemitteln, Herbiziden und Pestiziden schadet dies auch massiv der Umwelt. Ein agrarökologisches Modell – mit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im Zentrum – wird untergraben, obwohl dies eigentlich die Form von Landwirtschaft ist, die die Umwelt und Mutter Erde bewahrt.“

„Kleinbäuerinnen und Kleinbauern können schon aus finanziellen Gründen nicht Jahr für Jahr neues Saatgut kaufen. Es ist eine Gefahr für die kleinbäuerliche Landwirtschaft und zerstört ihr Wissen und ihre Traditionen.“

Asien

Ashish Gupta, ökologischer Botschafter und Vize-Präsident der Internationalen Föderation von Bewegungen der ökologischen Landwirtschaft (IFOAM) in Asien, Indien

„Bei der gesamten Debatte rund um die Digitalisierung der Landwirtschaft findet eine ‚Romantisierung‘ von technischen Lösungen statt. Die technischen Möglichkeiten einer digitalen Landwirtschaft werden als einfache Lösungen für hoch komplexe Probleme dargestellt. Dabei geht es aber eigentlich nur um wirtschaftliche Aspekte wie Kosten, geistige Eigentumsrechte und ähnliche Dinge.“

Mao Hermitanio & Alfie Pulumbarit von Resist Agrochemical TNCs und MASIPAG, Philippinen

Über fünf Millionen Liter Glyphosat, auch bekannt als Monsantos Breitbandherbizid Roundup, werden alleine auf den Philippinen jede Anbausaison auf mehr als 600.000 Hektar Gen-Maisfelder gekippt. Dadurch wird alles Leben auf den Äckern sowie die gesamte natürliche Bodenbedeckung zerstört und die Gesundheit der Bäuerinnen und Bauern und der umliegenden Gemeinden gefährdet.“

Ramesh Sharma, Ekta Parishad (Einigkeitsrat), Indien

„Wir erleben in Indien schon heute eine große Expansion des Agribusiness. Indien ist einer der größten Verbraucher von Agrarchemikalien, vor allem bei Cash Crops wie Zuckerrohr oder Baumwolle. Viele Bäuerinnen und Bauern kaufen für viel Geld teure Chemikalien von den Konzernen. Wenn die Ernte nun ausfällt oder schlecht ist, können sie ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen und haben kein Auskommen mehr. Viele von ihnen sehen leider nur noch einen Ausweg – Selbstmord. Zwischen 2013 und 2017 haben sich in Indien ungefähr
60.000 Bauern das Leben genommen
.“

Debjeet Sarangi, Gründer und Vorsitzender von Living Farms, Indien

„Durch die Großfusionen von transnationalen Saatgut- und Agrochemie-Konzernen, darunter Bayers 65 Milliarden Dollar schwerer Aufkauf von Monsanto, der Zusammenschluss von Dow und DuPont sowie die Übernahme Syngentas durch ChemChina, liegt die gesamte globale Agrochemie-Industrie in den Händen von nur drei transnationalen Großkonzernen. Dieses Monopol weniger Unternehmen sowie deren Dominanz über unser Ernährungs- und Landwirtschaftssystem werden dadurch weiter gestärkt.

Dieses von Konzernen kontrollierte Ernährungssystem zerstört die unserer Landwirtschaft zugrundeliegenden Traditionen, unser Verständnis der Fürsorge und des Teilens und verstärkt zusätzlich Mangelernährung und Hungerkrisen. Solche Monopole schwächen die Position von Frauen in der Gesellschaft, verdrängen traditionelles Wissen indigener Gemeinschaften und führen zu einer fortschreitenden Zerstörung unserer lebenswichtigen Ressourcen.“

Nguyen Van Anh, INKOTA-Partner von CHIASE, Vietnam

„Und während das Land und seine Bäuerinnen und Bauern völlig von den multinationalen Unternehmen abhängig werden, die den weltweiten Gen-Saatgutmarkt kontrollieren, riskiert Vietnam, seine Exportmärkte insbesondere gegenüber der Europäischen Union und Japan zu verlieren. Denn eine Reihe von Ländern haben entweder Verbote auf gentechnisch veränderte Produkte eingeführt haben oder sich als Gentechnik-freie Zonen ausgewiesen.

Zum einen mangelt es an Informationen und am Zugang von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu den Technologien. Die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern besitzen nur begrenzte Kenntnisse und Fähigkeiten über den Umgang mit digitalen Instrumenten. Zum anderen sind die Kosten für die Einführung der Technologien sehr hoch. Somit kommt die Digitalisierung vor allem großen und industrialisierten Farmen zugute, worunter kleine Betriebe leiden.“

Lateinamerika

Carlos Vicente von GRAIN, Argentinien

„Argentinien war eines der ersten Länder Südamerikas, in denen gentechnisch veränderte, gegen Glyphosat resistente Sojapflanzen angebaut wurden. Diese Anbauform hat sich in den letzten 21 Jahren dramatisch ausgebreitet und bedeckt heute 54 Millionen Hektar Land in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay – eine Fläche ein gutes Stück größer als Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen.“

„Die Fusion von Bayer und Monsanto stellt einen weiteren Schritt in der Verstetigung eines tödlichen Agrarmodells dar. Denn je mehr sich die Konzernmacht in den Händen Weniger konzentriert, desto schwieriger wird es für die Regierungen und für die Zivilgesellschaft, die Tätigkeiten der Unternehmen zu beobachten und einzuschränken. Dies führt unausweichlich zur Einführung neuer gentechnisch veränderter Sorten, der Anwendung von immer gefährlicherer Agrarchemie und der Vertreibung von indigenen Gruppen und Kleinbäuerinnen und Kleinbauern von ihrem Land.“

Víctor Sánchez, INKOTA-Partner von Procomes, El Salvador

„Die Programme zur Förderung der Erzeugung von bäuerlichem Saatgut und Projekte zur agrarökologischen Erzeugung können mit diesen Mega-Unternehmen wegen ihrer geballten wirtschaftlichen und politischen Macht nicht mithalten und verlieren den Anschluss. Dadurch können die Bäuerinnen und Bauern ihre agrarökologische Arbeit kaum noch fortsetzen.“

„Gentechnisch verändertes Saatgut wird leichter eingeführt werden können und das wird die Ernährungssouveränität in unserem Land beeinträchtigen und alle KleinerzeugerInnen, die Grundnahrungsmittel anbauen, in den Ruin treiben, da sie nicht mit dem Hochleistungssaatgut konkurrieren können.“

Luiz Zarref von der Landlosenbewegung (MST), Brasilien

„Von Monsanto sind in Brasilien 23 Produkte zugelassen, darunter auch solche, die in Europa verboten sind (wie Alachlor und Acetochlor). Unter den meistverkauften Agrarchemikalien in Brasilien ist Glyphosat – das von Monsanto auf den Markt gebracht wurde – die Nummer Eins. Die Fusion von Bayer und Monsanto wird noch weitere Giftcocktails auf die Felder Brasiliens bringen, die in Europa längst verboten sind.“

Jaime Amorim von der Landlosenbewegung (MST), Brasilien

„Die Fusionen der großen Agrarchemiekonzerne sind eine große Gefahr für jene Länder, die noch nachhaltige Lebensmittel erzeugen und Ernährungssouveränität vorantreiben. Denn die Großkonzerne expandieren immer stärker in andere Länder und Regionen und versuchen dort ihre technologischen Pakete zu verkaufen. Damit schaden sie immer mehr den Menschen und der Umwelt.“

Juan Vaccari, Institut für Entwicklung und Umwelt, Peru

Die bäuerliche Landwirtschaft ernährt 75 Prozent der Bevölkerung in Peru. Von den 2,2 Millionen LandwirtInnen und ViehhalterInnen sind fast zwei Millionen kleine und mittlere ErzeugerInnen. Der Rest gehört der Agrarindustrie an, die sich primär auf den Export ausrichtet.“

„Die Markt- und Machtkonzentration zeigt sich auch in der Landkonzentration und in großen Bewässerungssystemen, die Millionen US-Dollar kosten. Diese finanzieren die PeruanerInnen und sie dienen dazu, tausende Hektar zu bewässern, die im Besitz der mächtigen Agrarkonzerne sind, damit diese ihre Agrarprodukte exportieren können und immer reicher werden. Die fehlende Unterstützung für die bäuerliche Landwirtschaft führt dazu, dass viele Bäuerinnen und Bauern gezwungen sind ihr Land zu verkaufen, was wiederum zur Landkonzentration und zum Großgrundbesitz beiträgt.“

Flor Martínez, INKOTA-Partnerin von ODESAR, Nicaragua

„Bayer und Monsanto haben noch nie die Ärmsten im Fokus ihres geschäftlichen Handelns gehabt. Also können wir auch nach ihrer Fusion nicht erwarten, dass sie jetzt auf einmal beginnen, zu gunsten der Ärmsten zu agieren. […] Wir wären sehr naiv, wenn wir an ihre “guten Absichten” glauben würden.

Als Folge der Digitalisierung der Landwirtschaft werden die Reichen immer reicher werden. Denn die Digitalisierung von Informationen ist kostspielig und die einfachen Menschen werden für diese Art von Dienstleistung zahlen müssen. Außerdem – und das ist sehr problematisch – wird die Abhängigkeit von den Technologien steigen und damit die Selbstbestimmtheit und Kreativität der Menschen abnehmen.“

Rony Aguilar, INKOTA-Partner von der Landpastorale San Marcos, Guatemala

„Die Digitalisierung der Landwirtschaft wird in weiten Teilen zu einem Verlust von traditionellem Wissen führen. Das zum Beispiel auf Fruchtfolgen von heimischen Pflanzenarten beruht. Mit anderen Worten: Die Beziehung zwischen der Landwirtschaft und der Energie und Materie der Natur wird sich weiter entfernen.“

Samuel Ventura, INKOTA-Partner von Acua, El Salvador

„Die kleinen und mittleren landwirtschaftlichen ErzeugerInnen werden durch die Fusion immer mehr in die Ecke gedrängt und damit verwundbarer. Denn die Megakonzerne üben einen großen Transformationsdruck aus hin zu einer industriellen Landwirtschaft und zu riesigen Monokulturen. Diese ist vermeintlich kostengünstiger, da die Konzerne mit dem massenhaften Gebrauch von Pestiziden, Dünger und anderen Agrochemikalien vorantreiben und damit versuchen die Produktionsmengen nach oben zu treiben. Jedoch werden hier die schlimmen und teuren Folgen für Böden, Wasser, Biodiversität und die Gesundheit der Menschen nicht berücksichtigt.“