Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 wollte Kanzler Otto von Bismarck dieses zur europäischen Großmacht machen. Vor allem auf Druck deutscher Händler, die in Afrika tätig waren, verfolgte er ab den 1880er Jahren eine offensive Kolonialpolitik. In seinen „Schutzgebieten“ machte sich Deutschland vieler Verbrechen schuldig und beutete Land und Bevölkerung skrupellos aus. Auch hundert Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs sind dessen Auswirkungen zu spüren.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert lieferten sich die europäischen Mächte einen Wettlauf, der als sogenannter Scramble for Africa (Wettlauf um Afrika) in die Weltgeschichte einging. Dabei wurde Afrika als angeblicher „Raum ohne Volk“ oder „herrenloser Erdteil“ fantasiert. Forschungsreisende hatten den Kontinent kartographiert, seine Reichtümer systematisch erfasst und seine Inbesitznahme empfohlen.

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Südlink - Deutscher Kolonialismus: Wie die Vergangenheit die Gegenwart belastet
Südlink 188 - Juni 2019
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Südlink - Deutscher Kolonialismus: Wie die Vergangenheit die Gegenwart belastet
Südlink 188 - Juni 2019
Der Versailler Vertrag besiegelte vor 100 Jahren das Ende des deutschen Kolonialreichs. Doch dessen Auswirkungen lasten bis heute auf den ehemaligen Kolonien. Das zeigt nicht nur die aktuelle Debatte um die Raubkunst in deutschen Museen. Im heutigen Namibia verübten deutsche Kolonialtruppen den erst...

Deutschland, das sich erst 1871 durch seinen Sieg im deutsch-französischen Krieg als europäische Großmacht etabliert hatte, galt machtpolitisch gegenüber England und Frankreich zunächst als wenig bedeutend. Doch nun strebte das Kaiserreich einen Platz als europäische Großmacht mit weltweiten Ambitionen an. Für den Reichskanzler Otto von Bismarck bedeutete dies zunächst nicht in erster Linie, Kolonialpolitik zu betreiben, sondern vor allem auf europäischer Ebene Stabilität herzustellen. Neue Machtkonstellationen auf internationaler Ebene veranlassten das Kaiserreich aber in den 1880er Jahren dazu, die Inbesitznahme außereuropäischer Territorien zu einem seiner Hauptziele zu machen.

Auf dem Weg zur Kolonialmacht
Die Entwicklung Deutschlands zur europäischen Großmacht geschah zu einem Zeitpunkt, an dem seine Hauptgegner bereits seit über einem Jahrhundert Kolonialmächte waren. Das Interesse an Kolonien hing auch mit dem Aufschwung von Industrien zusammen, der zu einer Ausweitung der Warenproduktion geführt hatte. Nicht nur englische und französische, sondern auch deutsche Händler befuhren die Meere, um weit entfernte Absatzmärkte für ihre Waren zu finden. Gleichzeitig benötigten die Industrien Rohstoffe und waren exotische Produkte aus der Ferne gefragt. Zudem bot ein Kolonialimperium Prestige für die Metropole und konnte dazu beitragen, die Gesellschaft von den sozialen Problemen abzulenken, wie sie in Folge der Weltwirtschaftskrise ab 1873 bestanden. Auch sollten die Kolonien der angeblich auf engen Raum gepressten deutschen Nation neuen Lebensraum eröffnen. Einige Kolonialbefürworter sahen darin gar die Lösung, um die Gesellschaft von Kriminellen zu befreien.

Nach Bismarcks anfänglichem Zögern sorgten einige Reichstagsabgeordnete, Kolonialvereine, Bankiers und Großkaufleute für eine Neuorientierung der Kolonialpolitik. Laut ihren Berichten waren die deutschen Händler, die in französischen, spanischen und britischen Kolonien tätig waren, der Macht anderer Nationen und den lokalen afrikanischen Herrschern wehrlos ausgeliefert. Ihre Geschäfte könnten nur abgesichert werden, indem Deutschland Hoheitsrechte über diese Territorien herstelle.

Einer der prominentesten Fürsprecher einer neuen Kolonialpolitik war der Abgeordnete, Kaufmann und größte Reeder an der westafrikanischen Küste, Adolf Woermann. Seit den 1850er Jahren betätigte sich die Hamburger Firma C. Woermann bereits in Afrika. Auch traten zahlreiche Kolonialvereine wie der Westdeutsche Verein für Kolonisation und Export, die Gesellschaft für deutsche Kolonisation oder auch der Deutsche Kolonialverein für eine sofortige koloniale Expansion ein. Häufig wurde dieses Ziel durch sozialdarwinistische Ideen begründet, in denen der Wettlauf nach Kolonien zugleich als Daseinskampf verstanden wurde.

Ob sich Bismarck tatsächlich der kolonialen Propaganda gebeugt oder das koloniale Abenteuer eher aus persönlich-pragmatischer Orientierung einging, ist nicht vollständig geklärt. Doch betraute er im Frühling des Jahres 1884 den Arzt, Afrikaforscher und ehemaligen deutschen Konsul in Tunis, Gustav Nachtigal, mit einer geheimen Aufgabe. An der westafrikanischen Küste sollte dieser Schutzverträge mit den dortigen selbstständigen Herrschern schließen. Die englische Regierung begriff erst nach der Flaggenhissung auf den Gebieten der heutigen Länder Togo, Kamerun und Namibia, dass auch Deutschland sich als Kolonialmacht etablierte. Um die Gemüter zu besänftigen und die Aufteilung Afrikas endgültig aber friedlich zu regeln, rief Bismarck kurz darauf die Berliner Kongokonferenz ein, die von November 1884 bis Februar 1885 in Berlin tagte.

Das Kolonialimperium wuchs
Die vom deutschen Reich abgegrenzte Einflusszone auf dem afrikanischen Kontinent beinhaltete den Golf von Guinea und das Gebiet zwischen dem portugiesischen Angola und dem englischen Südafrika, das von den Portugiesen Angra Pequena (kleine Bucht) genannt wurde. Die Deutschen machten daraus die Lüderitz-Bucht, den ersten Vorposten des späteren Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia. Hinzu kam das als Deutsch-Ostafrika bezeichnete Gebiet (heute Tansania, Ruanda und Burundi).

Die erste Kolonie, die Gustav Nachtigal vor allem aufgrund der vielen Intrigen gegen die deutschen Händler in der Gegend unter deutschen Schutz stellte, war Togo. Kaum so groß wie Bayern wurde das Land, in dem die Deutsche Togo-Gesellschaft versuchte, die Plantagenwirtschaft zu dominieren, als „Musterkolonie“ verklärt. Nur eine Handvoll Polizeisoldaten kümmerten sich in der Kolonie um die Sicherheit. Es wird oft von der friedlichen Stimmung berichtet, die zwischen Kolonisierern und Kolonisierten nach 1900 geherrscht habe, doch diese Annahme ist ebenso irreführend wie die Bezeichnung „Musterkolonie“. Denn die Zeit war davor wie auch danach von Gewalt geprägt. Wer sich der Zwangsarbeit widersetzte, musste mit Prügelstrafen rechnen.

Das zweite Schutzgebiet, das Nachtigal schuf, war Kamerun, das damals nicht dem politischen Gebilde von mehr als 400.000 Quadratkilometern entsprach, das wir heute kennen. Es handelte sich um kleine Königtümer der Volksgruppe Duala entlang des Flusses Wouri. Die Deutschen Händler verkauften an den kamerunischen Küsten seit den 1850er Jahren von ausgedienten Schiffen (Hulks) aus europäische Waren an die lokale Bevölkerung, die mit ihren Kanus an die Schiffe heranfuhren. 1868 bekam die Firma Woermann die Erlaubnis, sich an der Küste niederzulassen, um direkt mit den dortigen Herrschern zu handeln.

Die Duala-Küsten standen aber schon seit mehr als zwei Jahrzehnten unter dem direkten Einfluss der Engländer, die vor Ort sogar schon eine Art Gerichtshof („Court of Equity“) etabliert hatten, um die Streitigkeiten zwischen Europäern sowie zwischen Europäern und Einheimischen zu regeln. Zwischen 1877 und 1884 baten die lokalen Herrscher King Bell und King Akwa angeblich die britische Königin Victoria, sie möge die kamerunischen Küsten annektieren und erschließen wie Kalabar in Nigeria. Obwohl heute Zweifel an der eigentlichen Autorenschaft dieser Briefe bestehen, zeigen sie zumindest, dass viele der dortigen Herrscher auf Grund ihres langen Zusammenlebens mit den Engländern englisch-gesinnt waren.

 
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Über die Pläne von Nachtigal informiert, versuchten die deutschen Händler vor Ort, die Könige über Geschenke, Versprechen, und Bargeld auf ihre Seite zu ziehen. Schließlich schlossen die Duala-Kings am 11. Juli 1884 einen Vertrag mit Vertretern der Firmen C. Woermann und Jantzen & Thormählen. Nur einen Tag später übertrugen die Firmenrepräsentanten den Vertrag an Nachtigal, der im Namen des Gouvernements agierte. Am 14. Juli wurde schließlich die Flagge gehisst, um zu zeigen, dass Deutschland ein Protektorat über das Küstengebiet von Duala etabliert hatte. Obwohl die deutschen Händler den Schutzvertrag mit Vorbedingungen unterzeichnet hatten, wonach sie sich nicht in die Angelegenheiten der einheimischen Kings einmischen und den von den Duala kontrollierten Zwischenhandel bestehen lassen würden, versuchten die Deutschen bald schon, ins Hinterland vorzudringen. Damit begann eine lange Reihe von Feldzügen, durch die die Eindringlinge die „Hinterländer“ zu unterwerfen suchten, indem sie Dörfer niederbrannten, Menschen hinrichteten und unbotmäßige Herrscher ins Exil zwangen.

Gewalt, Landraub und Enteignungen
Genauso wie in Togo war der Alltag im deutschen Kamerun durch viele Arten der Gewalt gekennzeichnet. Die Prügelstrafe wurde bald so üblich, dass Kamerun den Namen „the twenty-five-colony“ erhielt, wobei 25 Peitschenhiebe mit der Nilpferdpeitsche verteilt wurden. Dagegen erhoben sich Kolonialsöldner aus Dahome im Jahre 1893. Hinzu kamen Landraub und Enteignungen, vor allem seit der Gouverneur Jesko von Puttkamer die Konzessions- und Plantagenwirtschaft förderte und den Grund und Boden der Einheimischen zu „Kronland“ erklärte. Plantagengesellschaften wurden als Ort der Zwangsarbeit bekannt, wo Leute, sogar auch Kinder unter sehr harten Bedingungen schufteten. Aber auch bei Infrastrukturprojekten wie dem Bau von Straßen und Eisenbahnen, die zur Ausfuhr tropischer Produkte notwendig waren, war Zwangsarbeit üblich.

Insbesondere die Errichtung von Bahnstrecken forderte auch in Deutsch-Südwestafrika viele Opfer. Diese dritte deutsche Kolonie auf afrikanischem Boden kam nicht durch Verträge zwischen deutschen Kaufleuten und lokalen Herrschern zustande. In Deutschsüdwest hatte ein einflussreicher Kaufmann, Adolf Lüderitz, einen gewissen Heinrich Vogelsang im Jahr 1882 beauftragt, in seinem Namen einen Landstrich an der Küste zu kaufen. Der Kaufvertrag mit dem Nama-Herrscher Josef Fredricks von der Bethanie Community basiert aufgrund des verwendeten Maßstabes auf Betrug.

Keine andere Kolonie hat die Phantasie der Deutschen so erregt wie Deutsch-Südwestafrika, und keine hat für so viele Polemik auch in der nachkolonialen Zeit gesorgt. Bis heute steht sie als Symbol der “deutschen Bosheit“ aufgrund des dort zwischen 1904-1908 geführten Kriegs gegen die Herero und die Nama, welcher als erster deutscher Genozid in die Geschichte eingegangen ist. Die von General Lothar von Trotha kommandierte Schutztruppe vertrieb die Herero in die Omaheke-Wüste, wo sie zu tausenden verdursteten. Nachdem sich die Herero gegen Land- und Viehraub zur Wehr gesetzt und angeblich auch deutsche Farmer attackiert hatten, ordnete der General an, keine Kriegsgefangenen mehr zu machen. „Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen“, hieß es in von Trothas Aufruf an das Volk der Herero.

Von den geschätzt 80.000 Herero überlebten knapp 16.000. Bei den Nama war es nicht besser. Obwohl der Befehl von Trothas gegen Ende des Jahres 1904 angeblich aufgehoben wurde, ging das Leid für die Überlebenden weiter. Sie wurden in Konzentrationslagern zusammengepfercht und zu Zwangsarbeit beim Bau der Otavi-Bahn verpflichtet. Aufgrund des harten Klimas an der Küste starben hunderte weitere Menschen. „Es war grauenhaft, hilflos zusehen zu müssen, wie die Leute, Männer, Frauen und Kinder, so massenhaft erkrankten und hinstarben“, berichtete ein Missionar von der Lage.

Lagen die ersten afrikanischen Kolonien Deutschlands an der Atlantikküste, so entstand unter dem Historiker und Geographen Carl Peters mit Deutsch-Ostafrika eine weitere Kolonie am Indischen Ozean. Mit 995.000 Quadratkilometern war Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi) das größte der deutschen Schutzgebiete. Auch hier gingen die deutschen Kolonisatoren mit brachialer Gewalt gegen die Bevölkerung vor, wie zum Beispiel während des sogenannte Maji-Maji-Aufstands gegen die Kolonialherrschaft zwischen 1905 und 1907. Außerhalb Afrikas sicherte sich Deutschland im Mai 1895 noch Kolonialgebiete in Nord-Neuguinea (Kaiser-Wilhelm-Land) und der davor gelegenen Inselgruppe (Bismarck-Archipel) sowie im Jahr 1898 das chinesische Gebiet Kiautschou.

Afrika versucht den Kolonialismus zu überwinden
Durch den Ersten Weltkrieg verlor Deutschland seine Kolonien, aber die Spuren bleiben vorhanden. Sogenannte Rassenforscher brachten aus Afrika Tausende menschliche Schädel nach Berlin. Die meisten lagern bis heute dort, angeblich für Forschungszwecke. Auch Straßennahmen und Denkmäler, die an vermeintliche Helden des kolonialen Unternehmens erinnern, findet man noch bundesweit.

Die einheimische Bevölkerung der Kolonialzeit besaß so gut wie keine Rechte. Umso leichter fiel den Ethnologen, Kolonialbeamten und Forschungsreisenden, Kunst- und Kulturgüter zu beschaffen. Viele sogenannte Völkerkundemuseen, botanische Gärten oder Forschungsinstitutionen bauen auf einer kolonialen Vorgeschichte auf.

Die Nachwirkungen des Kolonialismus als Ideologie der wirtschaftlichen Ausbeutung sowie der politischen und militärischen Unterjochung überseeischer Länder sind noch immer für viele Probleme Afrikas verantwortlich. Keine Kolonialmacht hat die zu ihr gehörenden Länder besonders gut auf die Unabhängigkeit vorbereitet. Die meisten Länder blieben bis heute ihrer alten Kolonialmacht verbunden, nicht zuletzt durch die Beibehaltung der wirtschaftlichen Beziehungen. Sie liefern Primärprodukte aus der Landwirtschaft und dem Bergbau und importieren dafür Fertigwaren.

Immerhin: Dank der globalen Vernetzung erlebt Afrika eine Renaissance und befindet sich im Aufbruch. Der einst „vergessene Kontinent“ wird nicht auf Dauer an der Peripherie von Weltmarkt und Weltgesellschaft bleiben. Indizien dafür sind die eigene technische Vernetzung, aber auch die wachsende Diaspora im Westen.

Zum Autor

Albert Gouaffo ist Universitätsprofessor für deutsche Literatur- und für Kulturwissenschaft sowie interkulturelle Kommunikation an der Université de Dschang in Kamerun.

Albert Gouaffo ist Universitätsprofessor für deutsche Literatur- und für Kulturwissenschaft sowie interkulturelle Kommunikation an der Université de Dschang in Kamerun.

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