Das Foto zeigt eine Protestaktion von indigenen Personen in Brasilien gegen Bergbau
Südlink-Magazin

„Wir wollen unsere Rechte durchsetzen“

Interview mit der indigenen Aktivistin Rilcélia Akay Munduruku über die Auswirkungen des Goldbergbaus im brasilianischen Bundesstaat Pará

 

von Vinícius Mendes, Christian Russau
Veröffentlicht 4. SEPTEMBER 2026

In Brasilien leiden indigene Gruppen unter der Goldförderung. Diese verschmutzt die Flüsse, wie etwa den mittleren Tapajós, einen wichtigen Nebenfluss des Amazonas, und kontaminiert darin lebenden Fische, die eine der Hauptnahrungsquelle der indigenen Munduruku darstellen. Im Südlink-Interview spricht Rilcélia Akay Munduruku über die Gefahren des Goldbergbaus und wie die Munduruku damit umgehen.

In Ihrem Territorium am Tapajós-Fluss klagen Sie über Gesundheitsgefahren, die vom Goldabbau in der Region ausgehen. Wie äußert sich das konkret? 

Unsere Kinder sind heute krank, und wir Mütter ebenfalls. Viele schwangere Frauen verlieren ihre Babys wegen des Quecksilbers, das unser Blut vergiftet. Laboruntersuchungen bestätigen das. Die Nicht-Indigenen sind in unser Territorium eingedrungen und haben Verschmutzung und Krankheit hinterlassen. Wir können den Fisch nicht mehr wie früher essen. Wir tun es aber trotzdem, weil er Teil unserer Kultur, unserer Geschichte und unseres Überlebens ist. 

Die Fische waren früher unsere Verwandten, und heute sind sie krank. Wir bringen unseren Kindern bei, dass wir unsere Kultur und den Fisch nicht aufgeben dürfen. Aber wir müssen kämpfen und nach Lösungen suchen, damit der illegale Goldabbau aufhört und die zukünftigen Generationen wieder gesundes Essen haben. Jeder Tag ist eine Herausforderung für uns.

Cover des Südlink 217 "Die Welt im Goldrausch"
Südlink 217 - Die Welt im Goldrausch
Südlink 217 - Die Welt im Goldrausch
Von der Eroberung des amerikanischen Kontinents im 16. Jahrhundert bis heute – die Gier nach Gold ist ungebrochen. Mit steigenden Preisen lohnt sich der Abbau des Edelmetalls in immer mehr Regionen – Vertreibung von indigenen Gemeinschaften und Umweltzerstörung inklusive.

Wie sieht die traditionelle Ernährung des Munduruku-Volkes aus? Welche Lebensmittel bilden die Grundlage? 

Eines unserer wichtigsten Gerichte ist Fisch. Danach kommt das Maniokmehl. Maniok ist die Grundlage für viele Lebensmittel: Tapioka, Goma, Tucupi. Wir verwenden ihn auch für den traditionellen Brei, den Manicuera-Brei, der sehr wichtig ist und nur einmal im Jahr hergestellt wird. Dafür versammeln sich alle gemeinsam an einem Ort. Zu den häufigsten Fischen in der Region gehören Tucunaré, Piranha und Pacu. Einige wurden uns abgeraten zu essen, weil sie sich von anderen Fischen ernähren und dadurch stärker kontaminiert sind. Wir pflanzen außerdem Cará, Banane, Süßkartoffel und Perimum. Das Klima erschwert manchmal den Anbau auf den Feldern, aber wir finden Lösungen. 

Wann habt ihr bemerkt, dass die Fische sowie Flüsse kontaminiert sind und dies durch den Goldabbau verursacht wird? 

Wir haben es bemerkt, als ein Besucher, der sich für Indigenen-Rechte eingesetzt hat und den Prozess der Selbst-Dermarkation begleitete, sechs Monate im Territorium blieb. Er war es nicht gewohnt, unseren Fisch und unser Wasser zu konsumieren. Als er zurückkehrte, wurde er krank. Er machte alle möglichen Untersuchungen, und man stellte fest, dass der Quecksilbergehalt in seinem Blut sehr hoch war. Sechs Monate später starb er.

Und wie hat diese Kontamination die indigenen Dörfer beeinflusst?

Die Führungspersonen baten darum, dass im gesamten Territorium Blutproben genommen werden. Die Behörde FIOCRUZ des Gesundheitsministeriums kam und stellte fest, dass alle mit Quecksilber kontaminiert waren. Der akzeptable Wert liegt bei 9,8 Mikrogramm pro Liter, aber einige hatten mehr als 20. Schwangere hatten Fehlgeburten oder brachten Kinder mit Fehlbildungen zur Welt. Auch meine 13-jährige Tochter hat einen sehr hohen Quecksilberwert. 

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Wie geht ihr mit illegalen Goldschürfern im Territorium um? 

Es ist sehr schwierig. Oft müssen wir auf eigene Faust handeln. Das ist gefährlich, besonders für uns, die wir mit Medien arbeiten, weil sie wissen, dass wir Anzeige erstatten. Wir werden bedroht — die Caciques, die Krieger, wir Kommunikatorinnen. Wenn wir das Territorium verlassen, müssen wir am Hafen der Garimpeiros, der Goldsucher, vorbeigehen. Es gab nie direkte Konflikte, aber viele Drohungen. 

Wie reagiert ihr darauf konkret?

Wenn sie uns bedrohen, versuchen wir, unsere Rechte durchzusetzen. Manchmal versammeln sich die Krieger und vertreiben sie. Doch wir erhalten keine Unterstützung von den Behörden, die uns eigentlich schützen sollten. Als die Bundesbehörde für den Schutz der Biodiversität (ICMBio) zuletzt in die Region kam, erklärte sie, die Schürfboote der Goldsucher seien ‚legalisiert‘ – mit Dokumenten, die wir für gefälscht halten. Für uns ist unverständlich, wie solche Aktivitäten angesichts der massiven Wasserverschmutzung überhaupt genehmigt werden können. 

Wenn wir die Goldsucher nicht vertreiben können, geraten wir in eine Zwangssituation: Wir müssen zumindest versuchen, etwas im Gegenzug zu erhalten – etwa Öl für die Generatoren, das für die Versorgung der Dörfer notwendig ist. Wir nehmen es an, aber es fühlt sich an, als würden wir uns verkaufen.

Wie nutzt ihr Technologie wie Handy, Drohnen und soziale Netzwerke, um Goldsucher zu melden und euer Territorium zu schützen?

Wir nutzen soziale Netzwerke, um unsere Arbeit zu präsentieren. Wir suchen Partner, die uns helfen, Filme über die Realität des Territoriums zu machen. Die Drohne ist ein sehr wichtiges Werkzeug zur Überwachung, ebenso Kommunikations-Apps und GPS. Wir haben Schulungen mit über 30 Jugendlichen aus jedem Dorf gemacht, damit sie die Apps nutzen können. Sie identifizieren Bergbaufelder, Flugpisten und andere Bereiche der illegalen Goldsucher. Alle Informationen gehen in ein eigenes Überwachungsnetzwerk der Munduruku, das audiovisuelle Kollektiv und Caciques. 

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Gibt es junge Munduruku, die als Goldsucher arbeiten, um Geld zu verdienen?

Unser Volk gründet sehr früh Familien. Jungen von 13, 14 Jahren haben schon ihre Familie. Einige von ihnen gehen sogar zum illegalen Goldabbau, um Geld zu verdienen, weil es in der Gemeinschaft keine Einkommensquelle gibt. Aber wenn wir sie brauchen, kommen sie zurück. Sie kämpfen mit uns. Es ist gefährlich für sie, weil sie Dinge hören, die sie nicht hören sollten. Deshalb suchen wir Partnerschaften, um Projekte in die Gemeinschaft zu bringen, damit die Jugendlichen nicht mehr weggehen müssen.

Was erwarten Sie von den Präsidentschaftswahlen, die im Oktober in Brasilien stattfinden? 

Die Wahlen sind für uns eine schwierige Sache. Wir können nicht sagen, ob wir etwas Besseres oder Schlechteres erwarten und bleiben daher neutral. Aber wir kämpfen immer für Verbesserungen. Heute haben wir in Brasília die „bancada do Cocár,“, ein Gruppe indigener Parlamentarier. Unser Fokus liegt dort. Wir unterstützen unsere Verwandten, weil wir die Kämpfe unseres Volkes dort stärken wollen.

Inwiefern beeinflussen politische Entscheidungen aus Brasília euer Leben vor Ort?

Wir erwarten nicht, dass eine Regierung uns unterstützt, denn dort gibt es viele verschiedene Interessen. Der aktuelle Präsident Lula hat zwei Territorien der Munduruku demarkiert – Sawré Muybu und Sawré Ba’pim – ein Versprechen, das er erfüllt hat. Aber jetzt gibt es Diskussionen über ein mögliches Gesetz, das Bergbau in indigenen Territorien wieder erlauben könnte. Das hat uns sehr getroffen. 

Unser Fokus liegt darin, Indigene zu unterstützen, die auf unserer Seite stehen und Verbesserungen für uns durchsetzen wollen. Auch wenn viele sagen, wir seien eine Minderheit, werden wir unsere Basis stärken.

 

Das Interview führten Vinícius Mendes und Christian Russau.

Rilcélia Akay Munduruku ist 27 Jahre alt und gehört dem indigenen Volk der Munduruku im brasilianischen Bundesstaat Pará an. In ihrer Gemeinschaft arbeitet sie im Bereich Bildung und ist seit zehn Jahren Teil des audiovisuellen Kollektivs „Daje Kapap Eypi“, dem Frauen-Kommunikationskollektiv des Territoriums. 

 

Erhöhte Quaecksilberwerte

Seit dem Jahr 2017 untersucht die Behörde Fundação Oswaldo Cruz (kurz FIOCRUZ), die dem brasilianischen Gesundheitsministerium untersteht, die Werte von Quecksilber am Mittleren Tapajós-Fluss. Dazu werden Proben sowohl der Fische als auch von den dort lebenden Menschen genommen. Fische sind Hauptnahrungsquelle der am Tapajós lebenden indigenen Munduruku. Die FIOCRUZ konnte belegen, dass die Methylquecksilberaufnahme der Munduruku durch kontaminierten Fisch die empfohlene Tagesdosis der US-Umweltbehörde EPA um das 3- bis 25-fache und den Wert der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) um das 11-fache übersteigt. Die Untersuchungen wiesen bei allen untersuchten Munduruku erhöhte Quecksilberwerte nach. Besonders betroffen sind Frauen und Kinder.

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