Globale Generation als politischer Akteur
Die Gen-Z-Proteste der letzten Jahre werfen ein Schlaglicht auf die Rolle der Jugend in politischen Prozessen
Entgegen der verbreiteten Meinung, die Jugend sei heute unpolitisch, haben die Proteste junger Menschen in den vergangenen Jahren die politischen Systeme mehrerer Länder herausgefordert. Hinter den kreativen Mobilisierungsformen stecken handfeste soziale Gründe, um auf die Straße zu gehen. Protest alleine reicht jedoch nicht. Und längst nicht alle jungen Menschen setzen sich für fortschrittliche Ziele ein.
Im Herbst 2025 wurde zum ersten Mal in der Geschichte eine Premierministerin über die Gamer-Plattform Discord nominiert. Für Nepal waren das gleich zwei Premieren: Mit Sushila Karki bekam das Land erstmals eine Frau als (Interims-)Premierministerin. Und die Foren auf Discord nahmen eine noch nie da gewesene Rolle als zentraler Ort der politischen Debatte während der Proteste ein.
Hinter diesen ungewöhnlichen Schlagzeilen steht eine beachtliche Entwicklung. Seit mehreren Jahren kommt es weltweit zu großen Protestbewegungen. Sie gehen von der sogenannten Generation Z aus, also jenen Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren und heute etwa zwischen 15 und 30 Jahren alt sind. Dies wirft allgemeine Fragen zur Teilhabe von Jugend und ihrer Rolle in politischen Systemen auf.
Wer mit dem Begriff „Jugend“ konkret gemeint ist, bleibt ambivalent. Nähert man sich dem Begriff soziologisch, handelt es sich nicht nur um eine reine Alterskategorie. Welche Erfahrungen junge Menschen machen oder welche Chancen sie haben, bekommt je nach historischen, kulturellen, politischen oder geografischen Kontexten eine andere Bedeutung.
Dies wird auch von demografischen Faktoren beeinflusst. Während vor allem in Europa die Geburtenzahlen seit Jahrzehnten rückläufig sind, sind die Gesellschaften im Globalen Süden häufig sehr jung. Dies wirkt sich auch auf die Bedeutung von Jugend als gestaltende Kraft für politische und gesellschaftliche Prozesse aus.
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Ich bin dabei!Prominente Protestbewegungen in den Ländern des Globalen Südens sind demnach ebenso in ihrem jeweiligen historischen und geografischen Kontext zu verorten und sollten nicht als singuläre Ereignisse betrachtet werden. Dennoch gibt es überregionale Gemeinsamkeiten und Muster bei den Themen, welche die Jugend heute bewegen.
Die Proteste haben vor allem soziale Ursachen
Insbesondere globale Krisen prägen die Kindheit und Jugend der heutigen Generationen. Angefangen bei der Covid-19-Pandemie, die das Leben der jungen Menschen durch Lockdowns und Schulschließungen zerrüttete, bis hin zur immer offensichtlicheren Klimakatastrophe und den Kriegen in der Ukraine sowie in Gaza. Dieses Krisenempfinden trifft auf innenpolitische Herausforderungen, die durch eine defizitäre Infrastruktur, Korruption, staatliche Gewalt und Repression im nationalen Raum sowie fehlende Zukunftsperspektiven durch soziale Ungleichheit oder eine hohe Jugendarbeitslosigkeit entstehen.
Anstatt ein souveränes Krisenmanagement umzusetzen, versagen Regierungen auf ganzer Linie und wirtschaften nicht wenige Politiker*innen lediglich in die eigene Tasche. So entzündeten sich in Indonesien im August 2025 Proteste aufgrund einer vorgeschlagenen Erhöhung der Wohnkostenzuschüsse für Parlamentarier*innen bei gleichzeitig anhaltender sozialer Ungleichheit. In Kenia stellte 2024 eine drohende Steuerreform, welche die junge Bevölkerung überproportional belastet hätte, den Ausgangspunkt für die Gen-Z-Proteste.
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jetzt lesenSoziale Medien verstärken die permanente Präsenz von Krisen in der Wahrnehmung junger Leute. Gleichzeitig stellen sie einen Rückzugsort sowie eine relevante Informations- oder Einkommensquelle dar. Als „digital natives“ sind die jungen Generationen – anders als noch ihre Vorgänger, die Millennials – heute vollständig mit dem Internet groß geworden. So verwundert es nicht, dass in Nepal ein Verbot von 26 Social-Media-Plattformen die jungen Leute in Massen auf die Straßen zog.
Die Jugend engagiert sich für demokratische Teilhabe
Die verbreiteten Proteste werfen die Frage auf, inwiefern die dahinterstehenden sozialen Bewegungen politische Partizipation neu definieren. Teilhabe junger Menschen kann sozioökonomische, zivilgesellschaftliche, politische und auf Wahlen bezogene Bereiche umfassen. Zugänge zu den einzelnen Dimensionen sind je nach Land unterschiedlich ausgeprägt. Während Länder wie Norwegen, Deutschland oder Dänemark in allen Dimensionen relativ gut abschneiden, sind es oftmals autoritäre oder von Konflikten betroffene Länder wie Afghanistan, Sudan oder Myanmar, die eine sinnhafte Teilhabe junger Leute kaum zulassen. Dies bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass junge Menschen politisch desinteressiert sind. Das fehlende Engagement liegt eher daran, dass politische Systeme oftmals nicht darauf ausgelegt sind, junge Menschen in Prozesse der Entscheidungsfindung einzubinden.
Ganz im Gegenteil hierzu zeigen die großen Gen-Z-Proteste der letzten Jahre, dass die Jugend sich durchaus für demokratische Teilhabe engagiert und dabei auch staatliche Repression und Gewalt in Kauf nimmt. Dabei befördert sie innovative und kreative Formen der Beteiligung, entwirft inklusive Zukunftsvisionen und schreibt so die Regeln für demokratische Partizipation neu. Insbesondere informelle Räume wie digitale Plattformen nehmen hierbei eine prominente Rolle ein und verknüpfen sich mit analogen Protesten.
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Diese formieren sich meist um einen konkreten Auslöser, wurzeln aber in jahrelangem Frust über strukturelle Ungleichheiten. In Serbien entzündete sich der Unmut der breiten Bevölkerung über ein eingestürztes Bahnhofsvordach, wodurch mehrere Menschen zu Tode kamen. Auf den Philippinen war es unter anderem der mangelhafte und von Vetternwirtschaft geprägte Umgang eines staatlichen Hochwasserschutzprojektes und in Madagaskar ging es um den Zugang zu Grundgütern wie Elektrizität oder Wasser.
Es stehen bei den Protesten also nicht abstrakte ideologische Konzepte im Mittelpunkt, sondern das Grundrecht, frei von Gewalt ein menschenwürdiges Leben zu führen. Es sind Missstände als Resultat jahrzehntelanger schlechter Regierungsführung, die adressiert werden. Regierungen erweisen sich häufig als unfähig, mit diesen innenpolitischen Problemen umzugehen, und wälzen die Lasten beispielsweise durch Steuererhöhungen auf die Bevölkerung ab. Die jungen Generationen sehen sich daher gezwungen, über andere Wege, wie etwa Proteste, Druck auszuüben, um Veränderung zu bewirken.
Die Proteste schafften eine unaufhaltsame Welle der kollektiven Solidarität, die sich auch auf die breite Bevölkerung übertrug. Obwohl die jeweiligen Regierungen, darunter in Nepal, Bangladesch oder Kenia, die Bewegungen gewaltsam niederzuschlagen oder zu infantilisieren versuchten, gelang es nicht, die einmal losgetretene Welle zu erdrücken.
Kreative Mobilisierungsformen
Technisch versiert, weiß die Gen Z digitale Räume für ihre Anliegen auf inklusive Weise zu gestalten. In Nigeria oder auch Indonesien wurden diese Räume genutzt, um Informationen zu politischen Entwicklungen in verschiedene lokale und indigene Sprachen zu übersetzen und über soziale Plattformen zu verbreiten. So konnten junge Menschen eine breite Masse der Bevölkerung auch abseits urbaner Zentren erreichen.Zudem dienten Plattformen wie X (ehemals Twitter) dazu, Proteste zu koordinieren und Informationen auszutauschen. Ähnliche Formen der Organisation konnten auch in Bangladesch im Kontext der Juli-Revolution 2024 beobachtet werden.
Soziale Medien wie Facebook, X, TikTok, Whatsapp, Telegram oder Discord nahmen auch eine zentrale Rolle bei der öffentlichen Meinungsbildung ein. Polizeigewalt gegen Studierende wurde während der Proteste dokumentiert und in Echtzeit geteilt. Online-Plattformen werden als Räume der Diskussion und Konsultation sowie der ausgewogenen Informationsverbreitung genutzt.
Der revolutionäre Geist wurde ebenso vom virtuellen in den öffentlichen Raum getragen. Graffitis, Karikaturen und Musik machten genauso wie Memes einen wesentlichen Teil der Aufstände aus. Das bekannteste Symbol ist wohl die Flagge mit dem „Straw Hats‘ Jolly Roger“, einem grinsenden Totenkopf mit Strohhut, aus dem japanischen Anime One Piece, die prominent während der Proteste in Indonesien, Nepal oder auf den Philippinen verwendet wurde.
In Bangladesch verwoben sich Symboliken, popkulturelle Motive und Musik aus älteren Revolutionen mit denen der Gegenwart und wurden quasi „neu aufgelegt“. Somit konnten nicht nur die jungen, sondern auch die älteren Generationen über bekannte Motive Anknüpfungspunkte an die Bewegung finden. In Madagaskar ließen sich ähnliche Strategien erkennen: Unkonventionelle Formen des Widerstands gaben diesem eine eher friedliche und lebensbejahende anstelle einer rein konfrontativen Form. Durch die Verwendung (pop)kultureller Symbole oder auch diverser Sprachen wird der zivile Raum zudem für die breite Bevölkerung und auch für marginalisierte Gruppen zugänglich.
Weiterhin bietet die Geschwindigkeit des Internets die Möglichkeit, Narrative oder Memes in Echtzeit und möglichst breit zu teilen und schafft Aufmerksamkeit über nationale Grenzen hinweg. Im Fall von Nepal spielte auch die Diaspora eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Bewegung.
Die Bewegungen sind in flachen Hierarchien, kollektiv organisiert und somit nicht von einer Führungsfigur abhängig. Sie sind daher nicht nur inklusiver, sondern auch anpassungsfähiger und schwerer zu zerschlagen. Während Parteien als „Gatekeeper“ oftmals Frauen und jungen Leuten Möglichkeiten der aktiven Teilhabe verschließen, greifen solche Diskriminierungsmechanismen nicht in informellen Bewegungen.
Von der Basis aus organisierte Bewegungen sind authentisch und setzen sich über intersektionale Diskriminierungsformen hinweg, indem sie Generationen und diverse gesellschaftliche Gruppen miteinander verbinden. Staatliche Überwachung scheitert oft an den dezentralen Strukturen, da eine Bewegung ohne Gesicht nicht so angreifbar ist und nicht einfach ausgeschaltet werden kann. Zudem kontrollierten die Bewegungen erfolgreich ihr eigenes Narrativ und konnten so eine Delegitimierung durch Regierungen vermeiden.
Antidemokratische Entwicklungen in der Jugend
Abseits der Gen-Z-Bewegungen stellen sich Teile der Jugend aber zunehmend auch gegen demokratische und feministische Werte. So denken mittlerweile 31 Prozent der männlichen Jugendlichen und jungen Männer aus der Gen Z, dass eine Frau sich ihrem Ehemann unterordnen sollte. Auch im Internet lässt sich dieser illiberale Wandel beobachten, der destruktive Formen annehmen kann, wie Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem Buch „Zerstörungswut“ aufzeigen.
Die Neue Rechte weiß sich ähnlicher Strategien zu bedienen: Sie nutzt gezielt popkulturelle Symbole und Bildsprache, um Verletzbarkeiten junger Menschen auszunutzen und diese zu radikalisieren. Man denke an die „Red Pill“-Allegorie aus dem Universum der Matrix-Filme, die insbesondere im Kontext der Mannosphäre eine wichtige Rolle einnimmt. Die Mannosphäre ist eine Subkultur im Netz, welche die Überlegenheit des männlichen Geschlechts und die Unterwerfung von Frauen propagiert.
Hierbei wird jungen Männern im Netz eingetrichtert, eine symbolische rote Pille zu nehmen, um wie Neo im Film Matrix, die „echte Realität“ zu sehen, nämlich die Unterdrückung von Männlichkeit durch einen hegemonialen Feminismus. Mittlerweile verwenden auch global bekannte Figuren wie Kanye West und Elon Musk den Begriff „red-pilled“, sodass dieser sich auch im Mainstream etabliert hat. Das Weltbild der Anhänger der Mannosphäre ist von Überlegenheitsfantasien eines „radikalen Maskulinismus“ geprägt.
In destruktiver und geschmackloser Weise spielt hier auch Humor eine wichtige Rolle, um Räume des Sagbaren in der Öffentlichkeit auszudehnen. So können etwa rassistische oder frauenfeindliche Memes einfach als „Spaß“ abgetan werden, bei gleichzeitiger Bloßstellung der Person, die auf den menschenverachtenden Inhalt hinweist, als „Spaßbremse“.
Doch es sind nicht nur (wenngleich mehrheitlich) Männer, die der Neuen Rechten angehörigen: Es gibt auch Frauen, die als sogenannte Tradwives eine große Anhängerschaft im Netz gefunden haben, indem sie stereotype Weiblichkeit und die Unterordnung unter den Mann als freiheitliche Werte anpreisen.
Transnationale Vernetzung und Mobilisierung findet in großem Ausmaß auch im rechten und illiberalen Milieu statt. Die sozialen Medien, die sich in den Händen einiger weniger Tech-Oligarchen befinden, sind in ihrer momentanen Form Teil des Problems. Während in den 2010er Jahren noch die Utopie vorherrschte, dass diese als demokratische Werkzeuge fungieren würden, werden sie auch immer mehr dazu genutzt, Wahlen und politische Diskurse zu manipulieren. Mittlerweile ist klar: Die Geschäftsmodelle der großen Tech-Konzerne befeuern polarisierende Filterblasen, um maximale Gewinne einzufahren.
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Ganz im Gegenteil zur oftmals durch ältere Generationen geäußerten Behauptung, dass junge Menschen sich heute nicht mehr für Politik oder das Weltgeschehen interessierten, haben die letzten Jahre gezeigt, dass diese die Rahmenbedingungen politischer Beteiligung sogar zu verändern wissen. Bei der Begeisterung für Jugend als gestaltende Kraft sollte aber nicht vergessen werden, dass Mobilisierung alleine nicht ausreicht, um einen nachhaltigen demokratischen Wandel zu bewirken.
Es braucht auch das Zusammenwirken mit Institutionen, ansonsten übernehmen oftmals wieder die etablierten politischen Kräfte oder das Militär die Macht. Momente des politischen Umsturzes bedeuten immer auch eine Phase großer Unsicherheit. Es ist somit eine gemeinschaftliche Aufgabe von Bevölkerung, Institutionen und Zivilgesellschaft, Forderungen in politischen Wandel zu überführen, um diesen möglichst demokratisch und sinnhaft zu gestalten.
Sarah Weiß leitet das „Young Advocates for Democracy“ Programm der Globalen Einheit für Demokratie und Menschenrechte der Heinrich-Böll-Stiftung in Brüssel. Zuvor koordinierte sie in Neu-Delhi die Stiftungsarbeit zu Südasien. Im April 2026 hat sie das Dossier „Gen Z: Voices of a Global Generation“ herausgebracht.