Wie Kriegsgold nach Europa kommt
Der Krieg im Sudan ist nicht zuletzt ein Krieg ums Gold. Von den Abbaugebieten gelangt es über intransparente Wege nach Dubai – und von dort aus weiter nach Europa.
Sudan zählt in Afrika zu denjenigen Ländern, in welchen am meisten Gold geschürft wird. In der Bürgerkriegsregion Darfur, wo die meisten Minen liegen, finanziert die paramilitärische Miliz RSF (Schnelle Eingreiftruppe) ihren Krieg maßgeblich durch Goldhandel. Über undurchsichtige Wege wird es nach Dubai geschmuggelt – der größte Umschlagplatz für Gold aus Afrikas Krisengebieten. Von dort aus findet es auch Wege nach Europa.
Abubaker Adam befand sich etliche Meter unter der Erde, als er am Morgen des 15. April 2023 von oben gedämpfte Schüsse hörte. Grundsätzlich war das nichts Neues für den Schürfer. Denn zwischen den Schächten von Jebel Amir, einem riesigen Abbaugebiet mit einem der üppigsten Goldvorkommen des Sudan, ist der Einsatz von Waffen eine fast schon alltägliche Sache.
Seit Kleinschürfer dort 2011 die ersten Goldfunde machten, haben unterschiedliche bewaffnete Gruppen immer wieder um die Kontrolle über das Gebiet gekämpft – am erfolgreichsten die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) unter General Mohamed Hamdan Daglo, bekannt als Hemeti. In jenem Frühling, als Aldoum die Schüsse hörte, befand sich Jebel Amir schon seit Jahren unter der Kontrolle der RSF, auch wenn die Mine auf dem Papier zu dem Zeitpunktder sudanesischen Armee unterstellt war.
Im Sudan gehört ungenutztes Land formal dem Staat. Das gilt auch für rohstoffreiche Gebiete etwa mit Goldvorkommen, in denen der Staat die Lizenzvergabe offiziell reguliert. Tatsächlich aber werden weite Landstriche seit Generationen von lokalen Gemeinden genutzt, die darauf als traditionelle Eigentümer*innen Anspruch erheben.
Wird irgendwo Gold gefunden, wie in Jebel Amir, verpachten die Besitzer das Land an private Investor*innen, die dafür bezahlen, einen Schacht anzulegen. Anschließend heuern sie Arbeitskräfte wie Aldoum an, die sie mit einem Anteil am geförderten Gold bezahlen. Die Minenbetreiber müssen an lokale Machthaber, Sicherheitskräfte oder Zwischenhändler „Tribut“ bezahlen. Große Teile der Minenregion Darfurs werden bis heute von den RSF kontrolliert, die vor Ort auch als Sicherheitskräfte auftreten und Abgaben kassieren.
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Ich bin dabei!Die Region ist vom Goldabbau mittlerweile schwer gezeichnet. In den Jahren des Goldrauschs haben die Schürfer auf einer Fläche von mittlerweile etwa 26 Quadratkilometern die sandige Erde im kargen Buschland aufgewühlt, Schächte in die Erde getrieben, den Boden wie einen Käse durchlöchert. Neben den Eingängen liegen Haufen, der Aushub aus den Stollen. Zwischen den Löchern befinden sich Zelte und Lehmhütten, in denen die Goldsucher schlafen, sowie Garküchen und Marktstände. Um eine zusätzliche Einnahmequelle zu haben, hat Aldoum seine ersten Einkünfte einst in ein Restaurant investiert: eine Wellblechhütte mit ein paar Tischen und Stühlen.
Als Aldoum an jenem Tag im April 2023 die Schüsse hörte, brach er seine Arbeit ab, erzählt er. Eilig kletterte er im engen Schacht zurück in Richtung Tageslicht. „Als ich oben ankam, sah ich Menschen panisch in alle Richtungen davonlaufen und schloss mich an“, erinnert er sich. Warum an jenem Morgen geschossen wurde, habe er nicht gefragt, erzählt er, sondern sei einfach gerannt, barfuß und ziellos wie alle anderen.
Während der heute 30-Jährige erzählt, sitzt er im Schneidersitz auf einer Bastmatte in einer Hütte aus Ästen und Stroh. Seit August 2023 lebt er in der tschadischen Stadt Adré, nur zwei Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt. 40.000 Einwohner*innen hatte Adré, bevor der Krieg im Sudan begann. Seither haben weitere 230.000 Menschen hier Zuflucht gesucht.
Die Region ist vom Goldabbau mittlerweile schwer gezeichnet. In den Jahren des Goldrauschs haben die Schürfer auf einer Fläche von mittlerweile etwa 26 Quadratkilometern die sandige Erde im kargen Buschland aufgewühlt, Schächte in die Erde getrieben, den Boden wie einen Käse durchlöchert. Neben den Eingängen liegen Haufen, der Aushub aus den Stollen. Zwischen den Löchern befinden sich Zelte und Lehmhütten, in denen die Goldsucher schlafen, sowie Garküchen und Marktstände. Um eine zusätzliche Einnahmequelle zu haben, hat Aldoum seine ersten Einkünfte einst in ein Restaurant investiert: eine Wellblechhütte mit ein paar Tischen und Stühlen.
Als Aldoum an jenem Tag im April 2023 die Schüsse hörte, brach er seine Arbeit ab, erzählt er. Eilig kletterte er im engen Schacht zurück in Richtung Tageslicht. „Als ich oben ankam, sah ich Menschen panisch in alle Richtungen davonlaufen und schloss mich an“, erinnert er sich. Warum an jenem Morgen geschossen wurde, habe er nicht gefragt, erzählt er, sondern sei einfach gerannt, barfuß und ziellos wie alle anderen.
Während der heute 30-Jährige erzählt, sitzt er im Schneidersitz auf einer Bastmatte in einer Hütte aus Ästen und Stroh. Seit August 2023 lebt er in der tschadischen Stadt Adré, nur zwei Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt. 40.000 Einwohner*innen hatte Adré, bevor der Krieg im Sudan begann. Seither haben weitere 230.000 Menschen hier Zuflucht gesucht.
Vom Goldrausch zum Kriegsgold
In diesem brutalen Krieg geht es um Macht, aber auch um die Kontrolle von Land und den Reichtümern, die im Boden schlummern: vor allem um Gold.
Dem Goldrausch, der 2011 begann, begegneten die traditionellen Autoritäten in der Region, indem sie effektive Verwaltungsstrukturen schufen. Darunter Bergbaukomitees, die den Zugang kontrollierten und Gebühren erhoben. Dies allerdings empfand die Zentralregierung von Langzeitherrscher Omar al-Baschir in Khartum als Bedrohung. Sie versuchte, die Kontrolle über den lokalen Goldabbau zu erlangen – wo nötig mit Waffengewalt. 2012 nahmen Baschirs berüchtigte Dschandschawid-Reitermilizen die Bergbauregion Jebel Amir ein.
Aus der Miliz wurden im Jahr darauf die Rapid Support Forces (RSF), geführt vom heutigen Kriegstreiber Hemeti. Bis 2017 erlangten die RSF die Kontrolle über die meisten Minen Norddarfurs. Der Goldabbau wurde dort kaum industrialisiert, er blieb handwerklich, wobei aber das mit den RSF verbandelte Unternehmen al-Junaid die Kontrolle über die Verarbeitung der Rückstände aus dem Schürfprozess übernahm. Diese enthalten häufig Gold, das sich mittels Chemikalieneinsatz gewinnen lässt.
Zudem übernahm die Firma den Goldexport. Geführt wird al-Junaid, das eine Niederlassung in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) hat, von Hemetis älterem Bruder Abdulrahim Mohammed Dagalo. Das Gold hat die Familie reich gemacht. In sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, gehört Hemeti heute mutmaßlich zu den reichsten Warlords Afrikas.
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Von Darfur auf den Weltmarkt
„Beide Seiten finanzieren den Krieg zu einem Großteil durch den Verkauf des Goldes“, sagt Marc Ummel von der NGO Swissaid. Laut einer 2024 veröffentlichten Studie fördert Sudan jedes Jahr zwischen 70 und 90 Tonnen. Der Großteil davon gelangt über Dubai, die Wirtschaftsmetropole in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), auf den Weltmarkt. Die Emirate wiederum werden beschuldigt, die RSF mit Waffen, Munition und Fahrzeugen zu unterstützen. Der seit Jahren steigende Goldpreis macht den Krieg um das Edelmetall immer lukrativer.
Ummel verfolgt den Weg dieses Goldes auf den Weltmarkt sehr genau. Zumindest so genau es geht: Weil es in den RSF-kontrollierten Minen vor allem handwerklich geschürft werde, seien die Lieferketten mit zahlreichen Zwischenhändlern sehr komplex und intransparent, erklärt Ummel. Häufig werde das Gold auf den Transportrouten mehrfach raffiniert, „und nach dem Raffinieren ist die Herkunft nicht mehr nachweisbar“. Zwar wird Gold auch in jenen Regionen des Sudan, die derzeit unter der Kontrolle der Armee stehen, überwiegend handwerklich abgebaut. Immerhin aber wird es dort eher in den offiziellen Statistiken zu Produktions- und Exportmengen erfasst.
Anders in den RSF-kontrollierten Gebieten: Was dort gefördert werde, lasse sich nur schätzen, sagt Ummel. Er geht von jährlich zehn bis 15 Tonnen aus. Dieses Gold gelangt auf Schmuggelrouten aus dem Land, etwa über Tschad, Libyen, Ägypten und die Zentralafrikanische Republik – oder gar mit dem Flugzeug via Uganda oder direkt nach Dubai. Ob aber geschmuggelt oder offiziell exportiert: In den meisten Fällen landet das Gold in Raffinerien in Dubai. „Die VAE sind der zentrale Knotenpunkt für den Weg des sudanesischen Goldes auf den internationalen Markt“, sagt Ummel.
Die Beteiligung der Emirate am Krieg im Sudan ist komplex. Auf der einen Seite unterhalten sie enge wirtschaftliche Beziehungen zur international anerkannten Militärregierung; gemäß sudanesischer Zentralbank gingen im Jahr 2025 rund 90 Prozent der offiziellen Goldexporte in die VAE. Gleichzeitig gibt es Indizien, dass die Emirate auch die rivalisierenden RSF unterstützen – ein Vorwurf, den die Emirate zurückweisen.
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Gesetz noch außer Kraft
Der Krieg scheint das Goldgeschäft jedenfalls zu beflügeln. Unter Berufung auf die UN-Außenhandelsdatenbank Comtrade hat Swissaid zuletzt informiert, dass die VAE 2024 offiziell 29 Tonnen Gold direkt aus dem Sudan importiert hätten – wobei diese Zahl im November 2025 wieder aus der Comtrade-Datenbank entfernt wurde. Die Daten würden nun „doppelt überprüft“, erklärte Comtrade gegenüber „Swissinfo“.
Währenddessen sind in den letzten Jahren die Goldimporte aus den Emiraten in die Schweiz drastisch gestiegen. Gemäß Swissaid gelangten im Jahr 2025 mehr als 420 Tonnen im Wert von knapp 47 Milliarden US-Dollar aus den VAE in die Schweiz – das entspricht mehr als einer Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren.
Immerhin: Was die Rückverfolgbarkeit und die Kontrollmöglichkeiten betreffe, habe die Schweiz ihre Gesetzgebung zuletzt deutlich verbessert, so Ummel. 2025 hat das Parlament eine Revision des Edelmetallkontrollgesetzes verabschiedet. Die passende Verordnung dazu fehlt jedoch noch und soll erst 2027 in Kraft treten. Immerhin, künftig soll die Sorgfaltspflicht schweizerischer Raffinerien auf den Anforderungen der OECD basieren. Das heißt: Während sie nach bisheriger Gesetzgebung die Legalität bloß bis zum letzten Lieferanten zurückverfolgen müssen, werden Importeure – insbesondere Raffinerien – nun die gesamte Lieferkette nachweißen müssen. „Die Revision des Gesetzes war etwas Positives“, so Ummel und relativiert: „Es gibt noch viele offene Fragen dazu, wie genau die Umsetzung erfolgen soll.“
Im Juli verbot nun die EU jeglichen Einkauf und Import von Gold aus Sudan, sowie den Export, Transfer und Verkauf von Zyanid und Quecksilber nach Sudan – beides Chemikalien, die zur Goldgewinnung benötigt werden. „Gold hat sich zu einer wichtigen Einnahmequelle entwickelt, die den Konflikt im Sudan aufrechterhält“, erklärt die EU ihre Entscheidung. Dass ein Großteil des Goldes aus Sudan auf dem Weltmarkt als Gold aus VAE gehandelt wird, wird bei dieser Entscheidung nicht berücksichtigt. Ob sich die Schweiz diesen EU-Sanktionen anschließt oder in angepasster Form eigene beschließt, muss jedoch laut Angaben des Staatssekretariats für Wirtschaft noch geprüft werden.
Bettina Rühl ist freiberufliche Journalistin und lebt seit 2011 in Kenia. Für ihre Berichterstattung aus und über Afrika wurde sie vielfach ausgezeichnet. Sie ist zudem Vorsitzende des Korrespondent*innennetzwerkes weltreporter.net.