Zwei Wirbelstürme mit Starkregen und Überschwemmungen haben im März und April 2019 im Zentrum und Norden Mosambiks gewaltige Schäden angerichtet und rund tausend Todesopfer gefordert. Die Katastrophe traf auf ein Land, das sich ohnehin schon in einer kritischen Lage befindet. Ein Skandal um geheime Kredite hat Mosambik an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geführt. Darunter leiden insbesondere die Armen, denn die Schuldenkrise hat Auswirkungen auf fast alle Lebensbereiche.

Der erste Blick auf Mosambik täuscht: Beim Anflug auf die Hauptstadt Maputo ragen zahlreiche neue Wolkenkratzer in den Himmel, und mit der drei Kilometer langen neuen Hängebrücke, die Maputo mit dem Stadtteil Katembe auf der anderen Seite der Bucht verbindet, hat die Stadt ein neues Wahrzeichen erhalten. Damit hat auch die Bautätigkeit in Katembe rapide zugelegt. Maputo wächst, die Stadt ist quirlig und voller Menschen, die zahlreichen Restaurants in der Innenstadt sind gut gefüllt. Aber dieser Eindruck täuscht. „Viele Menschen wissen morgens nicht, ob sie abends etwas essen werden“, erklärt Meneses Roberto von der INKOTA-Partnerorganisation ORAM. Und je weiter man sich aus Maputo entfernt, desto sichtbarer wird die Not.

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Südlink - Deutscher Kolonialismus: Wie die Vergangenheit die Gegenwart belastet
Südlink 188 - Juni 2019
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Südlink - Deutscher Kolonialismus: Wie die Vergangenheit die Gegenwart belastet
Südlink 188 - Juni 2019
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Damit sind nicht nur die verheerenden Wirbelstürme und Überflutungen in den Provinzen Sofala und Manica im Zentrum des Landes im März und in Cabo Delgado im Norden im April dieses Jahres gemeint. Mosambik steckt seit einigen Jahren in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise, die Auswirkungen auf fast alle Lebensbereiche hat. Ausgelöst wurde diese durch illegal aufgenommene Kredite. Noch unter dem früheren Staatschef Armando Guebuza hatten die drei halbstaatlichen Firmen EMATUM, ProIndicus und Mozambique Asset Management (MAM) in den Jahren 2012/2013 Auslandskredite mit einem Volumen von rund zwei Milliarden US-Dollar bei der Schweizer Bank Credit Suisse und der russischen VTB Bank aufgenommen.

Die Hintergründe dieser Geschäfte sind nach wie vor undurchsichtig. Keiner der drei Betriebe verfügt über ein überzeugendes Geschäftsmodell, um die Kredite zurückzahlen zu können. EMATUM wurde offiziell gegründet, um eine neue Thunfischfangflotte für Mosambik aufzubauen. Allerdings wurde mit den geliehenen Geldern auch militärische Ausrüstung wie Patrouillenboote beschafft. Und während die Kredite zwar mit einer Staatsgarantie versehen waren, wurden sie gegenüber der mosambikanischen Öffentlichkeit, dem Parlament sowie internationalen Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) verheimlicht. Erst im April 2016 kamen sie ans Licht.

Die Unzufriedenheit wächst
Die Folgen des Skandals sind gravierend und wirken in den Alltag zahlloser Menschen hinein: Der IWF und andere Geber stellten ihre direkte Budgethilfe für Mosambik ein. Mosambik ist aber zur Finanzierung des Staatshaushaltes stark auf internationale Hilfe angewiesen, die Staatsverschuldung beträgt mittlerweile fast 100 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Die Finanzkrise hat weitreichende Folgen: Programme unter anderem im Bereich Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft mussten zum Teil drastisch gekürzt werden, mit Auswirkungen insbesondere für diejenigen, denen es ohnehin schon am Nötigsten fehlt. Die Flutkatastrophe trägt nun zusätzlich dazu bei, dass die Erwartungen für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr von ursprünglich 4,7 auf 2,5 Prozent gesenkt wurden.

Mit der Schuldenkrise und der schleppenden Aufarbeitung des Skandals um die illegalen Kredite wächst auch die Unzufriedenheit der Menschen. Verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen haben sich gegen die intransparente Schuldenpolitik formiert und fordern einen Schuldenerlass sowie die juristische Aufarbeitung der Kreditvergabe, die die schuldigen Politiker und Banker zur Verantwortung zieht.

Im Oktober sind die Mosambikaner*innen zu Parlaments-, Präsidentschafts- und Provinzwahlen aufgerufen. Während die Regierungspartei FRELIMO mit dem aktuellen Präsidenten Filipe Nyusi antritt, kandidiert für die größte Oppositionspartei RENAMO Ossufo Momade, der den Parteivorsitz von ihrem langjährigen Anführer Afonso Dhlakama, der vergangenes Jahr gestorben ist, übernommen hat.

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Schon die Kommunalwahlen 2018 haben gezeigt, dass die Regierungspartei allen Grund zur Nervosität hat: Außer im Zentrum des Landes ist die RENAMO insbesondere im rohstoffreichen Norden stark, dort wo sich viele Menschen sozial und wirtschaftlich abgehängt fühlen. Von den gigantischen Erdgasreserven, die hier abgebaut werden sollen, und den damit verbundenen bisherigen Explorationsarbeiten, profitieren sie bislang nicht.

Der Norden, insbesondere die Provinz Cabo Delgado, wird zudem von vorgeblich islamistischen Kämpfern attackiert, mehr als 200 Menschen wurden bereits getötet, Zehntausende haben aus Angst ihre Dörfer verlassen. Wer wirklich hinter den Attacken steckt, ist umstritten. Sicher ist hingegen, dass die Regierung die Situation nicht im Griff hat. Mit der politischen Krise einher geht eine Einschränkung der Presse-und Meinungsfreiheit: Vermehrt werden Journalist*innen verhaftet, und wer die Regierung kritisiert, muss mit Repressionen rechnen. So wurde der Radioreporter Amade Abubacar, der aus Cabo Delgado über die mutmaßlich islamistischen Attacken berichten wollte, mehr als 90 Tage im Gefängnis festgehalten.

Demonstrationen in Maputo, wie zum Beispiel zum Weltfrauentag, wurden mit fadenscheinigen Begründungen verboten. Auch eine Aktion der regierungskritischen Nichtregierungsorganisation „Centro de Integridade Publica“ (CIP) wurde untersagt: Als CIP damit begann, T-Shirts mit der Aufschrift „Ich zahle nicht für geheime Schulden“ zu verteilen, umstellte die Polizei das Büro des CIP in Maputo und beschlagnahmte die vorhandenen T-Shirts. Außerdem wurde das CIP aufgefordert, eine weitere Verteilung der Shirts einzustellen.

Zahlreiche Beispiele illustrieren, wie sehr der Alltag der Menschen von der sozio-politischen Krise geprägt ist. Da ist die Krankenschwester aus dem öffentlichen Krankenhaus in Maputo, die ihre eigenen Untersuchungs-handschuhe kaufen muss – ansonsten kann es passieren, dass sie die Patient*innen ohne Handschuhe behandeln muss. Da ist der Lehrer, der seit Monaten kein Gehalt mehr erhalten hat. Oder der Projektmitarbeiter, der nach einem Autounfall auf dem Land in eine Krankenstation gebracht wird, in der es außer einer Packung Paracetamol für Kinder keinerlei Medikamente gibt.

Und da ist der landwirtschaftliche Techniker, der seit Wochen untätig in seinem Büro in der Agrarbehörde sitzt, weil es kein Geld für Benzin gibt, um sein Motorrad zu betanken und die Bauern auf dem Feld zu unterstützen. Wie dringend diese Unterstützung nötig wäre, zeigt sich auf den Äckern: Kaum ein Maisfeld, das nicht vom sogenannten „Herbst-Heerwurm“, einer Raupenplage, befallen ist. Und wenn die Ernte ausfällt, droht Hunger: Rund zwei Drittel der Menschen in Mosambik leben von der Subsistenzlandwirtschaft. Ernteausfälle lassen sich kaum kompensieren, die Vorräte, die die Bauern haben, reichen nicht lange.

Zwei verheerende Wirbelstürme
Als wäre die Lage nicht schon schlimm genug, haben im März und April innerhalb weniger Wochen zwei verheerende Zyklone das Zentrum und den Norden Mosambiks hart getroffen. Mosambik gehört zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen afrikanischen Ländern, wie aus dem Klima-Risiko-Index von Germanwatch hervorgeht. Der Zyklon Idai zerstörte im März die Küstenstadt Beira und hinterließ auch im Hinterland eine Spur der Verwüstung. Zyklon Kenneth traf einen Monat später die Küstenregion in der nördlichen Provinz Cabo Delgado schwer. Idai kostete rund 1.000 Menschen das Leben, mehr als 160.000 Menschen wurden in Nothilfezentren untergebracht.

Insgesamt waren mehr als 1,4 Millionen Menschen von dem Zyklon betroffen, wie aus Zahlen des nationalen Katastrophenschutzinstituts INGC hervorgeht. Rund 800.000 Hektar Ackerfläche wurden teilweise oder ganz zerstört, und mehr als 3.500 Klassenräume sind nicht mehr nutzbar – mit Auswirkungen auf mehr als 335.000 Schüler*innen, deren Unterricht größtenteils ausfällt. Auch wurden mindestens 55 Gesundheitsstationen stark beschädigt oder völlig zerstört. Durch Zyklon Kenneth wenige Wochen später kamen ersten Schätzungen zufolge rund 50 Menschen ums Leben, etwa 20.000 Menschen wurden obdachlos.

Die Kosten für Soforthilfe und Wiederaufbau sind enorm: Nach Schätzungen der mosambikanischen Regierung wird der Wiederaufbau rund drei Milliarden US-Dollar kosten. Gelder dafür sollen unter anderem bei einer Geberkonferenz Ende Mai in Beira mobilisiert werden. Sowohl der IWF als auch die Weltbank haben ihre Unterstützung in Form von Nothilfekrediten zugesagt. In den betroffenen Regionen muss fast alles wieder aufgebaut werden: Wasser-, Strom- und Telefonleitungen, Schulen, Krankenhäuser, Straßen und Wohnhäuser. Und neben dem Aufbau der Infrastruktur muss die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln sichergestellt werden – die Wirbelstürme schlugen kurz vor der Getreideernte zu, die Lager und Speicher sind leer oder ebenfalls zerstört.

Auch die INKOTA-Projektpartner in der Provinz Manica sind stark betroffen. Zahlreiche Bauern und Bäuerinnen aus dem Saatgut-Projekt mit dem Bauernverband UNAC in den Distrikten Sussundenga und Gondola haben alles verloren – Häuser, Ernte, Arbeitsgeräte. Viele Betroffene des Zyklons kehren nun in ihre Dörfer zurück und stehen dort vor einem kompletten Neuanfang. Sie müssen ihre Häuser wieder aufbauen und ihre Felder wieder instand setzen. UNAC unterstützt die Menschen beim Wiederaufbau, mit Saatgut für die nächste Aussaatperiode und Arbeitsgeräten. „Camponeses unidos, sempre venceremos“ – geeinte Bauern, wir werden gewinnen – an dieses Motto der UNAC glauben die Bauern und Bäuerinnen immer noch. Hoffentlich wird es sich irgendwann bewahrheiten.

Informationen über die Wiederaufbauprojekte von INKOTA in Mosambik finden Sie hier.

Zur Autorin

Christine Wiid ist Mosambik-Referentin bei INKOTA und war zuletzt im Februar in dem südostafrikanischen Land.

Christine Wiid ist Mosambik-Referentin bei INKOTA und war zuletzt im Februar in dem südostafrikanischen Land.

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