Foto einer brennenden Straßenblockade; viele junge Menschen auf der Straße

Madagaskar war eines der Länder, in der die weltweiten Proteste der Generation Z im vergangenen Jahr Erfolg hatten. Der korrupte Präsident wurde gestürzt, eine Militärregierung versprach Reformen und Mitsprache bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Wie aber sieht es heute in dem Inselstaat aus, was ist vom Wind der Veränderung geblieben?

Nur ein Kopfschütteln erntet, wer Studierende in Madagaskar fragt, ob sich ihre materielle Situation seit ihren Protesten im Herbst 2025 verbessert hat. Weiterhin leben sie in Sechser-Zimmern im Wohnheim, die maximal zwölf Quadratmeter groß sind: drei einfache Stockbetten, ein Schreibtisch, den sich alle teilen. Der Abfluss der Gemeinschaftsdusche ist noch immer verstopft. Doch das macht keinen Unterschied, denn aus der Leitung kommt sowieso kein Wasser. Also behilft man sich mit den berühmten bidons jaunes, gelben Kanistern mit etwa 20 Litern Fassungsvermögen. Zum Kochen, Abwaschen, Trinken, für die Körperhygiene. An die Anwesenheit weiterer Mitbewohnerinnen, wie etwa Kakerlaken und Ratten, haben sich längst alle gewöhnt.

Die Zustände an madagassischen Universitäten sind für europäische Verhältnisse kaum vorstellbar. Wie lässt sich in so einer Umgebung lernen, noch dazu, wenn die Studienbeihilfen verspätet ausgezahlt werden und das Geld kaum für Reis mit etwas Gemüse reicht? Woher kommt die Hoffnung auf einen guten Arbeitsplatz nach dem Studium, in einem Land, in dem über 90 Prozent der Menschen im informellen Sektor arbeiten, also ohne festen Vertrag und ohne jegliche soziale Absicherung?

Publikation
Junge Menschen protestieren auf der Straße mit gemalten Bildern
Südlink 216 - Jugend im Aufbruch
Auf der Suche nach einer besseren Zukunft
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Auf der Suche nach einer besseren Zukunft
Von wegen „No Future“ und Handy-Apathie – junge Menschen sind keineswegs passiv. In vielen Ländern hat die Generation Z die Herrschenden herausgefordert und kämpft gegen Korruption, Misswirtschaft und Autoritarismus.Ob Marokko oder Kenia, Mexiko oder Peru, Bangladesch…

Vom Campus auf die Straße

Geduld und Hoffnung gehören zur madagassischen Alltagskultur. Doch selbst diese Geduld hat Grenzen, und Ende September 2025 war sie für viele junge Menschen erreicht. Die Auszahlung der Studienbeihilfen hatte sich, wie gewöhnlich, verzögert, und wie gewöhnlich wurde zu Semesterbeginn auf dem Universitätscampus in der Hauptstadt Antananarivo dagegen demonstriert. Doch als kurz darauf zwei Kommunalpolitiker*innen bei einem friedlichen Protest gegen die allgemein schlechte Strom- und Wasserversorgung verhaftet wurden und zu Demonstrationen aufriefen, schlossen sich die Studierenden an. Sie schlossen sich nicht nur an, sie mobilisierten auch selbst über soziale Medien.

Innerhalb weniger Tage entstand eine landesweite Bewegung, hauptsächlich getragen von der Generation Z, also den etwa 15- bis 30-Jährigen. Sie gewannen auch ältere Generationen, die aus Angst vor Repressionen infolge vorheriger politischer Krisen sehr zögerlich gewesen waren, wieder öffentlich Stellung zu beziehen; sie alle protestierten friedlich auf den Straßen des Landes. Die Bewegung blieb dabei führungslos, flexibel und schwer greifbar; insbesondere für Präsident Andry Rajoelina, der mit seinem autoritären Führungsstil zunehmend unter Druck geriet, trotz des massiven Einsatzes von Tränengas und Gummigeschossen gegen die Demonstrierenden.

Was als Protest gegen unwürdige Lebensbedingungen und eine zuverlässige öffentliche Daseinsvorsorge begann, wurde schnell politisch, Rücktrittsforderungen gegen die Regierung und Präsident Rajoelina wurden laut. Nach zwei Wochen zunehmend eskalierender Proteste verließ Rajoelina Anfang Oktober das Land, als sich die Elite-Militäreinheit CAPSAT auf die Seite der Demonstrierenden stellte.

Deren Anführer Oberst Michaël Randrianirina übernahm nach einer Entscheidung des Obersten Verfassungsgerichts die Regierungsverantwortung und setzte eine Übergangsregierung zum „Neuaufbau des politischen Systems“ ein. Er versprach die Ausarbeitung einer neuen Verfassung, auf Grundlage eines nationalen Konsultationsprozesses, sowie Wahlen innerhalb von zwei Jahren. Für einen Augenblick schien ein politischer Neustart möglich.

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Begrenzte Fortschritte, fragiler Freiraum

Für die Generation Z in Madagaskar waren die Wochen der Demonstrationen und der Sturz der Regierung Rajoelina ein eindrucksvoller Moment der Selbstwirksamkeit, zumal in einer Gesellschaft, in der Älteren traditionell mehr Autorität zukommt.

Doch die darauffolgende Phase erwies sich als deutlich komplizierter. Eine erste Veranstaltung des Konsultationsprozesses im Dezember 2025 blieb weitgehend folgenlos, ein klarer Fahrplan für das weitere Vorgehen fehlt bis heute. Viele Forderungen der Protestbewegung wurden zwar aufgegriffen, aber kaum konkretisiert. Im März 2026 erhöhte die Generation Z erneut den Druck auf die Regierung und erzwang deren Entlassung. Dadurch wurde ihr aktuelles Gewicht im politischen Gefüge zwar sichtbar, jedoch blieb auch nach dem bald folgenden zweiten Konsultationstreffen mit Vertreter*innen der jungen Generation weiterhin unklar, welche politische Tragweite ihre Beteiligung bei der Gestaltung des politischen Übergangs tatsächlich haben würde.

Etwas mehr als ein halbes Jahr nach Amtseinführung des Übergangspräsidenten bleiben materielle Verbesserungen begrenzt. Investitionen in Energieinfrastruktur wurden getätigt, Reformen im Bildungsbereich angekündigt, neue Universitätsgebäude eingeweiht. Ob und wann sich diese Maßnahmen im Alltag der Menschen niederschlagen werden, ist unklar. Strukturell bleibt sowieso vieles beim Alten, denn die öffentlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung sind weiterhin niedrig.

Der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft hatte sich hingegen zunächst erweitert. Demonstrationen wurden wieder genehmigt, kritische Äußerungen im Internet möglich. Doch dass dieser Raum fragil ist, zeigte sich in den vergangenen Monaten, als es wiederholt zu willkürlichen Verhaftungen von Aktivist*innen der Generation Z kam. Deren gezielte Einschüchterung scheint wieder zur politischen Realität zu gehören. Die Angst der Machthaber vor erneuten Protesten ist spürbar, die Angst der Zivilgesellschaft vor Repressionen ebenso.

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Die Generation Z hat sich seit den Protesten im Herbst 2025 verändert. Aus einer verhältnismäßig einheitlichen und vereinten Bewegung haben sich unterschiedliche Blöcke entwickelt – politisch, strategisch, emotional. Allen gemein ist der Stolz auf das bislang Erreichte, einen Präsidenten stürzt man schließlich nicht alle Tage. Doch abgesehen davon sind viele enttäuscht. Die Erwartungen an schnelle Verbesserungen haben sich nicht erfüllt, der Alltag hat sich kaum verändert. Die prekären Lebensbedingungen bestehen fort, genauso wie die Unsicherheit über die eigene Zukunft. Die politische Transformation wirkt abstrakt und technokratisch, weit entfernt vom eigenen Leben. Viele waren auf Proteste vorbereitet, jedoch nicht auf langwierige institutionelle Prozesse, die einen langen Atem erfordern, ohne direkt sichtbare Ergebnisse zu liefern. Desillusion hat sich breit gemacht.

Andere sind politischer geworden. Sie sind besser vernetzt als noch vor einem Jahr, auch über die Landesgrenzen hinaus, etwa mit der Generation Z in anderen afrikanischen Ländern oder der eigenen Diaspora. Sie formulieren selbstbewusst ihre Anliegen, bündeln Forderungen und erzeugen Aufmerksamkeit. Sie verstehen ihre Rolle langfristiger: nicht nur als punktuelle Protestbewegung, sondern als dauerhafte politische Kraft. Diese Gruppen gehen weiterhin auf die Straße, organisieren sich online und stellen konkrete Forderungen nach mehr Transparenz oder der Auflösung des aktuellen Parlaments zugunsten einer verfassungsgebenden Versammlung.

Eine neue politische Kraft

Fest steht: Die madagassische Generation Z prägt die politische Agenda. Korruptionsbekämpfung, Transparenz oder Klimaschutz sind durch die Proteste der jungen Menschen auf der Prioritätenliste der Politik gelandet. Die Mittelverwendung staatlicher Unternehmen, allen voran des staatlichen Strom- und Wasserversorgers, werden heute stärker beobachtet. Auch neu angestoßene staatliche Umweltprojekte und Bildungsreformen greifen explizit Anliegen der jungen Generation auf.

Vor allem aber hat die Generation Z mittlerweile eine zentrale Rolle im politischen Gefüge des Inselstaates übernommen: Die parlamentarische Opposition ist fragmentiert und politisch wenig glaubwürdig, nimmt nicht viel politischen Raum ein. In dieser Lücke entwickelt sich die Generation Z als politische Akteurin eigener Art.

Sie agiert als eine Mischung aus Watchdog, Mobilisierungsnetzwerk, Taktgeber der politischen Debatte und gesellschaftlichem Korrektiv. Ihre Mittel sind soziale Medien und die Straße, Hashtags und Demonstrationen. Ob daraus langfristig politische Macht entsteht und in welcher Form, ist offen. 

Die Generation Z hat das politische Gleichgewicht in Madagaskar verschoben. Sie hat gezeigt, dass Veränderung möglich ist, aber auch, wie schwierig es ist, sie zu verstetigen. Es scheint heute nicht mehr die Frage zu sein, ob die jungen Menschen gehört werden, sondern ob sie die Geduld aufbringen, den langen Weg politischer Transformation mitzugehen; und ob der aktuelle Präsident aus Furcht vor dieser neuen politischen Größe nicht altbekannte Register des autokratischen Regierungshandelns zieht.

Marjam Mayer ist Politikwissenschaftlerin und leitete bis Ende 2025 das Landesbüro Madagaskar der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Urheberrecht Bild: Raveloaritiana Mamisoa (CC 4.0 International)

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