Fridays-for-future-Demo von Schüler*innen zum globalen Klimastreik 2019
Südlink-Magazin

„Wir müssen die Bäuerinnen und Bauern mitnehmen“

Interview mit dem Fridays for Future-Aktivisten Tobias Schied über Landwirtschaft als ein zentrales Thema der Klimabewegung

von Tobias Lambert
Veröffentlicht 4. MÄRZ 2022

Das Thema Landwirtschaft steht meist nicht im Fokus internationaler Klimadebatten. Fridays for Future (FFF) hat mittlerweile konkrete Forderungen aufgestellt, um den Agrarbereich klimafreundlicher zu gestalten. FFF-Aktivist Tobias Schied betont im Südlink-Interview die Bedeutung der Politik für bessere Rahmenbedingungen und erklärt, warum er die Freitagsdemonstrationen weiterhin für eine geeignete Aktionsform hält.

 

Über fossile Brennstoffe hört man in der internationalen Klimadebatte und bei Fridays for Future sehr viel, über Landwirtschaft deutlich weniger. Welchen Stellenwert hat das Thema bei FFF?

Landwirtschaft ist für uns sehr wichtig. Da wir ehrenamtlich arbeiten und anders als NGOs keine Stellen ausschreiben, gibt es aber immer ein gewisses Auf und Ab. Wir sind darauf angewiesen, dass sich Leute für das Thema engagieren. Bisher hatten wir überwiegend zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU gearbeitet, weil dort die entscheidenden Weichenstellungen erfolgen. Anschließend wurde es eine Weile etwas stiller um das Agrarthema. Nun hat sich aber eine neue Gruppe innerhalb von FFF gebildet. Wir unterstützen zum Beispiel das „Wir haben es satt“-Bündnis und haben eigene Agrarforderungen aufgestellt.

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Südlink - Klimagerechte Landwirtschaft: Ohne Agrarwende geht es nicht
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Was sind denn die Kernforderungen von Fridays for Future im Bereich Landwirtschaft?

Wir haben fünf zentrale Forderungen aufgestellt: Erstens, die externen Kosten zu internalisieren. Das heißt, die Kosten, die durch die Emission von Treibhausgasen entstehen, müssen auf die Verursacher umgelegt werden. Zweitens müssen landwirtschaftliche und natürliche CO2-Senken besser gefördert werden, also der Humusaufbau, die Wiedervernässung der Moore oder der Ökolandbau. Zudem muss der Pestizideinsatz verringert und Biodiversität in der Landwirtschaft gefördert werden. Der dritte Bereich ist die Nutztierhaltung. Studien besagen eindeutig, dass wir den Nutztierbestand und den Fleischkonsum mindestens halbieren müssen, um klimaneutral werden zu können. Wir fordern, dass dies bis 2035 geschieht. Dafür brauchen wir verbindliche Flächenbindung für die Tierhaltung, artgerechte und umweltverträgliche Haltung und auch Kreislaufwirtschaft in der Futtermittelproduktion.

Und die anderen beiden Forderungen?

Viertens müssen wir ökonomische Anreize schaffen, damit mehr pflanzliche Lebensmittel konsumiert werden. Der Staat hat eine gigantische Vorbildfunktion und muss auch gegen Lebensmittelverschwendung tätig werden. Der fünfte Block sind die internationalen Rahmenbedingungen. Wir fordern eine Reform des Bodenmarkts, der den Zugriff von landwirtschaftsfernen Konzernen auf Agrarflächen verhindert. Wir stehen hinter der bäuerlichen Landwirtschaft und wollen einen fairen Handel umsetzen.

Gerade bei der Frage höherer Kosten wird häufig übersehen, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen viele Menschen gar nicht mehr für Lebensmittel zahlen könnten, weil sie entweder im Niedriglohnbereich arbeiten oder gar keine Arbeit haben. Denkt FFF das mit?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Was wir brauchen, ist eine Ernährungswende. Wir müssen uns klar machen, dass es einfach nicht geht, täglich Fleisch zu essen. Klar ist aber auch, dass beispielsweise die Hartz-IV-Sätze bei weitem nicht ausreichen, um sich eine gesunde und ausgewogene Ernährung leisten zu können, die zudem das Klima schont. Hier ist der Staat gefordert, diese Sätze anzupassen. Wir brauchen faire Löhne und angemessene Sozialleistungen, um allen eine gesunde Ernährung zu ermöglichen.

Gibt es konkreten Austausch von FFF-Aktivistist*innen mit kleinbäuerlichen Organisationen hierzulande und Aktivist*innen aus dem globalen Süden zum Thema Landwirtschaft und Ernährungssysteme?

Den gibt es auf jeden Fall, zum Beispiel mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und auch Bioanbau-Verbänden, die unsere Streiks unterstützen. Auch in Ländern des globalen Südens haben wir Kontakte, es könnten aber mehr sein.

In Deutschland sind wir ein Team aus mehreren Personen, und das läuft bisher echt gut; auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, die wir in Zukunft noch ausbauen und intensivieren wollen. International unterstützen wir das kleinbäuerliche Netzwerk La Via Campesina, das wir genau wie den bäuerlichen Kampf als Teil der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung betrachten.

Welchen Beitrag können FFF und die Klimabewegung allgemein leisten, um den Druck auf Politik und Agrarkonzerne zu erhöhen, um eine Transformation der Ernährungssysteme zu erreichen?

Jeder Wandel braucht eine Gesellschaft, die bereit für ihn ist und ihn gestaltet. Und da können wir einen großen Beitrag leisten. Dazu gehört auch, dass wir uns individuell in vielen Projekten vor Ort engagieren, wie zum Beispiel im Food-Sharing oder der solidarischen Landwirtschaft. Am wichtigsten ist es aber natürlich, den systemischen Wandel anzustoßen. Und dafür müssen wir die Bäuerinnen und Bauern mitnehmen.

Inwiefern?

Was mir ganz wichtig ist: An den Problemen sind ganz überwiegend nicht die Bäuerinnen und Bauern schuld. Ich bin selbst auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen und kenne daher vieles aus erster Hand. Landwirtschaft bietet enorme Möglichkeiten, etwas für das Klima zu tun. Die fossile Lobby hat aber vor allem auch im landwirtschaftlichen Bereich über Jahrzehnte hinweg selbst kleinste Änderungen blockiert, und die Löhne im bäuerlichen Bereich oder der nachgelagerten Verarbeitung liegen meist deutlich unter Mindestlohnniveau.

Viele Agrarbetriebe rechnen sich überhaupt nicht. Diese Rahmenbedingungen zu verändern ist die Aufgabe der Politik, die in den vergangenen Jahrzehnten leider völlig falsche Anreize hin zu immer mehr industrialisierter Landwirtschaft gesetzt hat. Wir müssen strukturelle Veränderungen erreichen, die dann im Lokalen umgesetzt werden.

Was für Aktionsformen braucht es dafür jenseits der globalen Klimastreiks?

Als Fridays for Future definieren wir uns vor allem über die Freitagsdemonstrationen. Wir sehen uns als Massenbewegung, die große Menschenmengen mobilisiert. Das ist für uns das Zentrale, und dabei wollen wir auch bleiben, um Aufmerksamkeit auf unsere Themen zu lenken. Wir werden immer breiter, engagieren uns auch bei längeren Aktionen wie zum Beispiel Klimacamps oder in vom Kohlebergbau bedrohten Dörfern und Wäldern. Wir setzen aber als Kernelement weiterhin auf niedrigschwellige Aktionsformen vor allem in Form der dezentralen Großdemonstrationen.

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Innerhalb der Klimabewegung gibt es eine Debatte darüber, ob nicht vermehrt entschlossenere Protestformen wie Besetzungen, Blockaden oder friedliche Sabotage angebracht sind, weil sich in der Klimaschutzpolitik so wenig bewegt. Wäre das im Agrarbereich auch denkbar?

Das ist eine schwierige Angelegenheit, innerhalb der großen Bewegung herrscht darüber keine Einigkeit. Manche FFF-Aktivist*innen sind auch bei anderen Organisationen aktiv. Wir haben schon viel erreicht. Dass Klimawissenschaftler*innen in den Hauptnachrichten zum Beispiel dazu befragt werden, was der Koalitionsvertrag für den Klimaschutz bringt oder selbst konservative Politiker*innen die Energiewende vorantreiben, ist schon ein gigantischer Wandel. Vor fünf Jahren wäre das nicht denkbar gewesen. Aktionsformen im Agrarbereich müssen meiner Ansicht nach immer mit den progressiven Bäuerinnen und Bauern abgestimmt werden und von diesen für gut befunden werden. Denn ohne sie können wir die Agrar- und Ernährungswende komplett vergessen.

Da sich die konkrete Politik aber nicht genug bewegt, blockieren Menschen jetzt Autobahnen.

Was bisher an Maßnahmen ergriffen wurde, ist natürlich bei weitem noch nicht genug und wir haben noch keine 1,5-Grad-konforme Politik. Eigentlich wünschten wir uns, dass niemand sich angesichts der Klimakrise dazu genötigt fühlt, sich auf die Straße zu kleben und eine Autobahn zu blockieren.

Ich habe sehr viel Verständnis dafür, dass Menschen, die angesichts der Trippelschritte, die trotz einer menscheitsbedrohenden Krise und Großdemonstrationen gemacht werden, sagen „Ich weiß mir nicht mehr anders zu helfen als durch Blockaden oder Hungerstreiks.“ Es ist aber nicht meine Aktionsform, ich plädiere weiterhin für niedrigschwellige und massentaugliche Klimastreiks. Doch auch wenn ich nicht alles teile, bin ich für ein diverses und kreatives Auftreten der Bewegung.

Das Interview führte Tobias Lambert.

Tobias Schied ist 19 Jahre alt, auf einem landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen und studiert Verwaltung. Er ist seit 2019 in der Heidenheimer Ortsgruppe von Fridays for Future aktiv und organisiert seit 2021 die bundesweite Arbeit zum Thema Landwirtschaft.

Tobias Schied ist 19 Jahre alt, auf einem landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen und studiert Verwaltung. Er ist seit 2019 in der Heidenheimer Ortsgruppe von Fridays for Future aktiv und organisiert seit 2021 die bundesweite Arbeit zum Thema Landwirtschaft.

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