Saatgut der Revolution
Landwirtschaft und Selbstorganisierung in Syrien nach der Assad-Diktatur
Eineinhalb Jahre nach dem Sturz des Assad-Regimes entstehen in Syrien vielerorts Netzwerke, die der anhaltenden Gewalt und Krise solidarische Strukturen entgegensetzen. In landwirtschaftlichen Kollektiven, Saatgutnetzwerken und lokalen Initiativen wird erprobt, wie ein Syrien aussehen könnte, das auf Würde, Solidarität und Selbstbestimmung beruht.
Als Maisa* im April 2026 am Busbahnhof der syrischen Stadt Masyaf eintrifft, nimmt sie drei Kilogramm Saatgut entgegen. „Es war wie ein Goldschatz in meinen Händen“, erinnert sie sich. Vorsichtig trägt sie die kleinen Säcke nach Hause. Dort packt sie das Saatgut um: vier Portionen kleiner Tüten mit lokalen, alten Gemüsesaatgutsorten für vier umliegende Dörfer.
Es ist bereits das zweite Jahr, dass Maisa in den armen Bergregionen rund um Masyaf bäuerliches Saatgut verteilt. Dieses Mal liegen den Päckchen genaue Anweisungen bei, wie die Samen vermehrt und weitergegeben werden sollen. Das Saatgut stammt aus Saraqeb in der Provinz Idlib, wo Bauern und Bäuerinnen bereits während des langen Krieges begannen, lokale Sorten kollektiv zu vermehren und gemeinschaftlich verwaltete Saatgutbanken aufzubauen – trotz der oft gezielten Bombardierungen ihrer Felder durch das Assad-Regime und die russische Armee. Für viele in Syrien ist Saatgut heute mehr als nur ein landwirtschaftliches Betriebsmittel. Es ist zur Überlebensfrage geworden, zum Symbol von Selbstbestimmung in einem Land, dessen Landwirtschaft über Jahrzehnte von oben kontrolliert wurde.
Syriens Landwirtschaft unter Assad
Dass syrische Landwirt*innen ihre Arbeit bis heute nicht als selbstbestimmt erleben, hat eine lange Geschichte. Zwar galt Syrien über Jahrzehnte als eines der wenigen Länder der Region mit relativ starker eigener landwirtschaftlicher Produktion. Doch dieses Modell beruhte nie auf bäuerlicher Autonomie oder demokratischer Kontrolle über Land und Ressourcen, sondern war zentraler Bestandteil eines autoritär organisierten Staatsprojekts.
Die Landreformen ab Ende der 1950er Jahre schwächten große Teile der alten Grundbesitzerklasse und verteilten Land an viele Familien um. Doch sie führten nicht zu einer Demokratisierung des ländlichen Raums. Ein erheblicher Teil des enteigneten Landes wurde in staatliche Betriebe überführt, während der Staat selbst zur zentralen Instanz wurde. Unter der Baath-Partei, die ab 1963 die Macht in Syrien übernahm, wurde Landwirtschaft noch stärker Teil der nationalen Herrschaftspolitik. Der Staat verteilte Saatgut, Dünger und Kredite und band ländliche Gemeinden über Parteistrukturen oder bürokratische Netzwerke an sich. Angebaut wurde insbesondere Weizen als Symbol nationaler Versorgungssicherheit und Baumwolle als wichtiges Exportprodukt.
Ab den 1980er Jahren förderte der Staat im Rahmen der sogenannten Grünen Revolution Hochertragssorten, synthetische Düngemittel und neue Bewässerungstechniken. Kurzfristig stieg die Produktion, doch lokale, bäuerliche Saatgutsysteme, traditionelle Anbauweisen und kleinbäuerliches Wissen wurde verdrängt.
Unter Bashar al-Assad verschärften sich diese Widersprüche in den 2000er Jahren weiter. Während der Staat sich neoliberalen Reformen öffnete, kürzte er Subventionen, vernachlässigte ländliche Regionen und baute soziale Sicherungssysteme ab. Als Mitte der 2000er Jahre eine schwere Dürre große Teile Syriens traf, verloren Hunderttausende ihre Lebensgrundlagen und verließen ihre Dörfer Richtung Städte.
Mit dem Beginn der Revolution 2011 und dem darauffolgenden Krieg wurde dieses ohnehin fragile Agrarsystem in weiten Teilen kaputtgemacht. Millionen Menschen wurden aus ihren Regionen verdrängt, viele verloren den Zugang zu ihrem Land. Auf dem Höhepunkt der Belagerungspolitik zwischen 2013 und 2018 waren über 50 Gemeinden in Syrien eingeschlossen. Die Bevölkerung sollte systematisch ausgehungert, ihr Widerstand gebrochen werden.
Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 fanden viele Rückkehrer*innen keine funktionierende Landwirtschaft mehr vor, sondern zerstörte Bewässerungssysteme, Felder, die mit Minen oder Blindgängern belastet waren. Die Folgen des Klimawandels verschärfen diese Entwicklung noch und bedrohen nahezu alle landwirtschaftlichen Kulturen, von Weizen bis Oliven.
Doch über die vergangenen Jahre entstanden auch Strategien des Überlebens, der Resilienz und des Aufbaus von Alternativen: bäuerliche Saatgutsorten wurden wiedergefunden, vermehrt und weitergegeben, in belagerten Gebieten entstanden improvisierte Gärten, Vertriebene bauten auf kleinstem Raum Nahrungsmittel an anstatt sich auf Nahrungsmittelpakete zu verlassen.
Südlink
In unserem entwicklungspolitischen Magazin Südlink lesen Sie spannende Artikel und einordnende Kommentare zu wichtigen Nord-Süd-Debatten.
jetzt lesenUmkämpfte Felder
Wie umkämpft Syriens landwirtschaftliche Zukunft heute ist, zeigt sich auch auf der Agrarmesse in Damaskus im April 2026. Zwischen Ständen des syrischen Landwirtschaftsministeriums und von Entwicklungsakteuren präsentieren sich Unternehmen aus der Türkei, den Golfstaaten oder aus Syrien. Fast überall werden die gleichen Produkte angepriesen: Hybrid-Saatgut, synthetische Düngemittel und Pestizide sowie standardisierte Komplettpakete. Alternative Ansätze spielen kaum eine Rolle.
Die Messe macht sichtbar, wer derzeit versucht, Syriens Landwirtschaft neu zu ordnen. Internationale Entwicklungsakteure wie die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO oder die deutsche GIZ verfolgen ein Modell der „Stabilisierung“ und „Resilienz“, in dem Landwirtschaft als technisches Feld des Wiederaufbaus erscheint: Im Fokus ihrer Bemühungen stehen Effizienz und Steigerung der Erträge. Gleichzeitig drängen (internationale) Agrarkonzerne darauf, neue Absatzmärkte für ihre Produkte zu erschließen.
In Syrien bestehen derzeit parallele landwirtschaftliche Ordnungen nebeneinander fort. Gerade in Regionen wie Idlib haben sich eigenständige landwirtschaftliche Strukturen entwickelt, von aktiven Kooperativen bis hin zu unabhängigen Produktions- und Vertriebsnetzwerken, die vielerorts handlungsfähiger wirken als die schwerfälligen staatlichen Apparate in Damaskus. Die Frage ist deshalb nicht nur, ob der Staat zurückkehrt, sondern welche Form von Staatlichkeit sich durchsetzt und welche lokalen Strukturen dabei verdrängt oder integriert werden.
Hinzu kommt ein weiterer Konflikt: Humanitäre Hilfe und Entwicklungsprogramme behandeln landwirtschaftliche Probleme häufig vor allem als technische Defizite, also als Frage fehlender Betriebsmittel, Infrastruktur oder Expertise. Weit seltener wird Landwirtschaft als politische Frage verstanden: als Kampf um Kontrolle über Land, Wasser, Saatgut, Wissen und Märkte.
Wie eine alternative Zukunft der Landwirtschaft in Syrien konkret aussehen könnte, zeigt sich bereits heute in vielen lokalen Initiativen. Als Mizghin sich im Januar 2026 lachend bei Freund*innen beschwert, seine Mutter aus Kobanê habe ihn angerufen und gesagt, er solle bloß nicht ohne Obstbäume nach Hause kommen, wirkt die Szene surreal. Doch die Bäume, von denen er spricht, sind Teil eines Netzwerks von Landwirt*innen und Aktivist*innen, die Wissen über Agrarökologie teilen, bäuerliches Saatgut und Setzlinge verbreiten und sich gegenseitig praktisch unterstützen.
Die Bäume stammen aus Daraya bei Damaskus, einer Stadt, die vom Assad-Regime zerstört wurde. Dass ausgerechnet von hier heute Setzlinge in andere Teile Syriens gebracht werden, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer materiellen Gegenpraxis. Als Mizghin erzählt, dass seine Mutter in der zu diesem Zeitpunkt von Truppen der Übergangsregierung bedrängten Stadt Kobanê ebenfalls Bäume möchte, reagiert sein Freund Iyad sofort. Er geht zu seinem improvisierten Lager neben dem Haus, wo er junge Bäume zwischen Erde und Stoffbahnen aufbewahrt, schneidet einige zurecht und packt sie ein. „Für deine Mutter", sagt er.
Solche Gesten sind mehr als bloße Nachbarschaftshilfe. In einem Land, dessen Übergangsphase weiterhin von Gewalt, Militarisierung und Unsicherheit geprägt ist, verstehen viele Beteiligte diese Arbeit selbst als politische Praxis.
Derzeit entstehen in vielen Teilen des Landes neue Netzwerke von unten. In der Initiative „Solidarity Fields“ organisieren syrische Aktivist*innen, die aus Griechenland zurückgekehrt sind, kollektive Landwirtschaftsprojekte und unterstützen lokale Gemeinschaften in ihrer agrarischen Eigenständigkeit. Die „Organic Farming Association“ in Idlib produziert als bislang einzige Initiative samenfestes Saatgut in größerem Umfang – und das seit 2017. Aktivist*innen wie Maisa verteilen bäuerliches Saatgut. Andere koordinieren über WhatsApp-Gruppen hunderte Landwirt*innen im ganzen Land, damit sie Wissen, Ressourcen und Unterstützung austauschen können.
Einige der Netzwerke haben gemeinschaftliche Pflanzenschulen aufgebaut, in denen Jungpflanzen biologisch vorgezogen und anschließend zusammen mit Saatgut sowie einer kleinen politischen Broschüre verteilt werden. Bei Trainings lernen Bauern und Bäuerinnen zum Beispiel, wie sich einfache Plastiktunnel bauen lassen, in denen Jungpflanzen schneller wachsen und besser geschützt sind. Wenn Menschen zu den Pflanzenschulen kommen, um Pflanzen abzuholen, bleiben sie oft auf einen Tee, tauschen Erfahrungen aus und knüpfen neue Kontakte – so wachsen mit den Setzlingen zugleich neue Beziehungen.
Ja, ich mach mit!
Setzen Sie sich dauerhaft mit uns für eine gerechte Welt ohne Hunger und Armut ein und werden Sie INKOTA-Fördermitglied! Als Mitglied erhalten Sie zudem viermal im Jahr unser Magazin Südlink druckfrisch nach Hause.
Ich bin dabei!Kollektive Wiederaneignung und internationale Solidarität
Wenn Menschen heute bäuerliches Saatgut, Setzlinge und Wissen über informelle Netzwerke durchs ganze Land tragen, verteilen sie nicht nur landwirtschaftliche Ressourcen. Sie bauen zugleich an einer anderen Vorstellung davon, wie Wiederaufbau aussehen kann: nicht als technokratisches Projekt von oben, sondern als kollektive Wiederaneignung der materiellen Lebensgrundlagen. Landwirtschaft in Syrien ist zu einem Terrain geworden, auf dem ausgehandelt wird, wie Menschen künftig leben, wirtschaften und politisch zusammenkommen wollen. Das ist auch wichtig für internationale Solidarität. Diese beginnt nämlich nicht mit fertigen Lösungen von außen, sondern mit dem Zuhören und mit der Unterstützung lokaler Initiativen, der Kritik an entpolitisierenden Hilfsmodellen und der Bereitschaft, von den Erfahrungen lokaler Gemeinschaften zu lernen.
* Aus Sicherheitsgründen wurden alle Namen anonymisiert; die Orte sind real, teilweise jedoch als Regionen, nicht als Ortschaften genannt.
Ansar Jasim ist Politikwissenschaftlerin und in Netzwerken für Ernährungssouveränität in Westasien aktiv. Jan Urhahn beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Themen rund um Ernährungssouveränität. Julia Bar-Tal ist Landwirtin und Agrarreferentin. Alle drei engagieren sich bei Farmers Without Borders.